Nicht überall wo grün draufsteht, ist auch grün drin – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn wie so manch anderes kann auch der Druck auf Firmen, ihre ökologische Bilanz zu verbessern, Manager dazu verleiten, ihren Unternehmen unrealistische Ziele aufzubürden. «Werden solche Ziele der Öffentlichkeit kommuniziert und nicht erreicht, kann das in manchen Rechtssystemen Untersuchungen oder Klagen gegen das Management begünstigen», sagt Philippe Aerni, Head Specialties bei Zurich Schweiz. «Insbesondere dann, wenn ein Zusammenhang zwischen der Nichterreichung solcher Ziele und finanziellen Verlusten des Unternehmens oder der Aktionäre behauptet werden kann.»

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Druck auf Unternehmen steigt

Grundsätzlich ist das oben beschriebene Risiko durch eine Organhaftpflichtversicherung gedeckt. Allerdings könnten Umweltaktivisten oder NGO versuchen, ihre ESG-Agenden durch Rechtsstreitigkeiten voranzutreiben. «Das Urteil des niederländischen Gerichts, in dem Royal Dutch Shell aufgefordert wurde, die CO₂-Emissionen zu reduzieren, ist nur ein Beispiel dafür, wie Rechtsstreitigkeiten bezüglich ESG-bezogenem Verhalten Unternehmen betreffen können», konstatiert Philippe Aerni. Und auch institutionelle Investoren wie zum Beispiel Blackrock werden Unternehmen weiterhin zu ESG-konformem Verhalten drängen, ist er überzeugt.

Martin Eckert, ESG-Spezialist und Mitinhaber der Anwaltskanzlei MME Legal, ortet zudem grosse Risiken im Bereich ESG für den Finanzmarkt. «Es gibt unzählige Standards und Richtlinien. Daher ist genaues Hinschauen vor dem Verkauf von nachhaltigen Finanzprodukten absolut zwingend.» Das gelte vor allem für das Verhältnis zwischen Finanzmarkt-Akteuren und Kunden. «Auch wenn die Finma die Transparenzpflicht im Bereich ESG diesen Sommer verschärft hat, ist in dieser Beziehung noch wenig geregelt.»

Standards und Selbstregulierung

Immerhin: mittlerweile haben einige Unternehmen, darunter auch grosse Banken und Versicherer, mehr oder minder aussagekräftige Prüfungs- und Bewertungsmodelle lanciert und entwickeln diese stetig weiter. «Aus versicherungstechnischer Sicht befindet sich die Bewertung der ESG-Strategien zwar noch in einem frühen Stadium», so Philippe Aerni. «Ausgewählte Indikatoren können ein potenzielles Problem aber identifizieren und Unternehmen dabei unterstützen, Massnahmen zu ergreifen, um die Risikoauswirkungen zu reduzieren.»

Sowohl Philippe Aerni als auch Martin Eckert sind überzeugt, dass es künftig einheitliche Standards geben wird, sei es durch Gesetzgeber oder Regulatoren oder sei es im Sinne der Selbstregulierung einer Industrie. «Wobei Standards gegenüber Regulierungen eindeutig zu bevorzugen sind», betont Eckert. «Dadurch entsteht Vergleichbarkeit und diese wiederum sorgt für Selbstregulierung.»

Bis es so weit ist, verlangen die Underwriter von den Unternehmen vermehrt aussagekräftige ESG-Informationen, wenn diese eine Versicherung nachfragen. «Versicherer möchten herausfinden, ob Firmen eine ESG-Strategie haben und das darin Versprochene auch umsetzen», erklärt Philippe Aerni. Will heissen: ob die Unternehmen die gesteckten Nachhaltigkeitsziele tatsächlich mit bestem Wissen und Gewissen zu erreichen versuchen.