Versicherer können ihr Pandemie-Exposure nur schwer abschätzen. Munich Re, Swiss Re und Axa leiden vor allem unter abgesagten Veranstaltungen. AIG redet vom «grössten Katastrophen-Einzelschaden, den die Branche je gesehen hat». 

Die Versicherungsbranche befindet sich in der Pandemie gleich dreifach unter Druck. Einschläge sind nicht nur bei den Schäden zu erwarten, sondern auch bei den Kapitalanlagen und den Prämieneinnahmen. Aus den Quartalsergebnissen wird deutlich, wie schwer sich die Branche damit tut, die versicherten Schäden abzuschätzen. Viele Versicherer haben grobe Eingangsreserven gestellt, von einer konkreten Schadenschätzung sind die meisten noch meilenweit entfernt. 

«Die Covid-19-Pandemie ist noch lange nicht vorbei und ihre wirtschaftlichen und sozialen Folgen werden weitreichend sein», sagte Christian Mumenthaler, CEO der Swiss Re, und forderte eine engere Zusammenarbeit zwischen den Staaten und den Versicherern. «Längerfristig müssen wir Lehren aus der aktuellen Situation ziehen und nach Lösungen für öffentlich-private Partnerschaften suchen, um sicherzustellen, dass die Gesellschaft in Zukunft besser mit solchen grossen Ereignissen umgehen kann.»

Wie stark das Misstrauen der Investoren gegenüber den Versicherern ist, zeigt die Wertentwicklung der Aktien von Versicherungsgesellschaften. Seit Jahresbeginn performen sie doppelt so schlecht wie der Rest der Wirtschaft. Der MSCI World Insurance hat seit dem 1. Januar 25 Prozent an Wert verloren, der MSCI World hingegen nur 12,2 Prozent. Grund dafür sind die Unsicherheiten bei der Einschätzung der wirklichen Belastung.

Schadenausmass bleibt im Ungefähren

Bei einem Grossteil der bislang reservierten Schäden handelt es sich um IBNR-Schäden. Das steht für «incurred but not reported»: Die Schäden sind bereits eingetreten, aber noch nicht bei den Versicherern gemeldet worden. Zu Beginn der Pandemie hatte man noch angenommen, die Branche würde mit einem blauen Auge davonkommen. Doch die ersten Zahlen stimmen nachdenklich. 

In den letzten Tagen und Wochen kursierten sehr unterschiedliche Summen über den versicherten Gesamtschaden der Pandemie. Aber eines ist ihnen gemeinsam: Sie steigen. UBS ging zunächst von einem Gesamtschaden von 20 bis 40 Milliarden US-Dollar aus, korrigierte diese Schätzung aber bald auf 30 bis 60 Milliarden Dollar. Die britische Bank Barclays rechnet mit 40 bis 80 Milliarden Dollar, nach Einschätzung von Willis Towers Watson könnte der Schaden sogar auf 100 Milliarden Dollar steigen. Allerdings müsste in diesem Fall die Covid-19-Pandemie mindestens ebenso schwer verlaufen wie die Spanische Grippe, bei der sich weltweit 500 Millionen Menschen infiziert hatten und 27 bis 50 Millionen an den Folgen starben. Von solchen Dimensionen ist die jetzige Pandemie noch Lichtjahre entfernt, aber wir durchleben ja derzeit nur die erste Welle. 

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US-Lebensversicherer unter Druck

Getroffen sind die Versicherer vor allem in der Veranstaltungsausfallversicherung, die bei Munich Re (500 Millionen Euro), Swiss Re (250 Millionen Euro) und Axa für enorme Schäden sorgt, vor allem durch die Verschiebung der Olympischen Spiele. Aber auch in der Reiseversicherung, Unfallversicherung und Krankenversicherung werden Schäden gemeldet. Nach einhelliger Auffassung ist die Lebensversicherung bislang noch nicht von der Pandemie tangiert. Sowohl Scor als auch Hannover Rück versichern, dass die Pandemie weit von einem 200-Jahresereignis entfernt ist, einem «possible maximal loss» (PML), den die Rückversicherer ihren Solvenzberechnungen zugrunde legen. «In der Sparte Leben bleibt die aktuelle Situation deutlich unter unserem Pandemie-Extrem-Szenario für 1-in-200 Jahre», betont Scor.

Sollte die Zahl der Todesopfer in den USA auf 100’000 bis 150’000 steigen, würde das die Lebensversicherer 4,8 bis 7,2 Milliarden Dollar kosten, schätzt die Analysefirma Aite. 150’000 Todesopfer in den USA würden 5 Prozent über dem erwarteten Wert liegen, rechnet die Hannover Rück vor. Die Schadenbelastung für die Hannoveraner würde sich in diesem Fall auf 100 Millionen Euro summieren. Der US-Lebensversicherer Prudential warnt bereits, dass der Gewinn in diesem Jahr wegen der Übersterblichkeit um 200 Millionen Dollar geringer ausfällt. Dabei geht Prudential allerdings von der optimistischen Annahme von 100’000 Corona-Toten in den USA aus, einer Zahl, die angesichts der ungebremsten Dynamik der Pandemie wohl zu niedrig sein wird. Derzeit verzeichnen die USA gut 80’000 Todesopfer und die Krankheit breitet sich linear ansteigend aus. 

US-Versicherer sehen schwarz

Die Spitzenmanager der US-Versicherer sehen deshalb schwarz: «Wir glauben, dass Covid-19 der grösste Katastrophen-Einzelschaden sein wird, den die Branche je gesehen hat», sagt Brian Duperreault, CEO von AIG. «Ich denke, dieses Ereignis ist sehr wahrscheinlich – ja mehr als sehr wahrscheinlich – das grösste Ereignis in der Geschichte der Versicherungswirtschaft, wenn man alles zusammenrechnet, sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite der Bilanz», sagte Even Greenberg, CEO von Chubb. Auch Lloyd’s-CEO John Neal stimmt in den Chor der Schwarzmaler mit ein. 

Aber das ist noch nicht das Ende vom Lied. Versicherer hoffen, dass nach jahrelangem Preiskampf jetzt die Raten wieder anziehen. Erste Anzeichen dafür gab die Erneuerung zum 1. April in Asien, wo die Versicherer durch Taifune zum Teil sehr stark belastet sind. Hiscox machte gleich Nägel mit Köpfen: Unter dem Hinweis, man wolle Wachstumschancen nutzen, gelang es dem schwer schadenbelasteten Lloyd’s-Versicherer, innerhalb weniger Tage 375 Millionen Pfund an Kapital aufzunehmen. Hiscox-CEO Bronek Masojada ist Versicherungsmann genug, um zu wissen, dass dort, wo Gefahr ist, das Rettende auch wächst. 

Schadenbelastung durch Covid-19 im ersten Quartal:

200512_Tabelle
Quelle: ZVG
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