Mit der Corona-Krise schlägt auch die Stunde der digitalen Geschäftsmodelle: Wo kein virenverseuchtes Bargeld mehr die Hand wechselt, schwindet die Infektionsgefahr. Und wo die Geschäftsprozesse digital sind, gibt es ebenfalls keine Ansteckungsrisiken mehr. Damit schlägt jetzt die Stunde der digitalen Versicherungen.

Umgekehrte Verkaufsrichtung

Ein anschauliches Beispiel ist Hongkong. Hier sind die Verhältnisse viel offener als in China, wo die grossen Digitalkonzerne neuerdings mit den Apps auch die Infektionsrisiken ständig tracken – und im Zweifelsfall den Kauf einer Versicherungspolice über die Super-Apps unterbinden. In Hongkong zeigen sich gemäss einem Bericht des Branchenportals DigFin die Grenzen des digitalen Versicherungsvertriebs: Selbst wenn es wie bei der lokalen Generalagentur von Prudential, der global aufgestellten britischen Versicherung, gewisse Produkte online zu kaufen gibt – die Mehrheit der Kunden verlangt weiterhin nach Beratung durch einen Menschen. Das gilt vor allem für die komplexeren Produkte wie Lebensversicherungen inklusive einer Spar- und/oder Anlagekomponente. Hier müssten digitale Lösungen nicht nur Elemente des traditionellen Vertriebs ersetzen, sondern gleichzeitig müsste auch die Richtung der Informationsvermittlung drehen. Denn die Produkte müssen aktiv vermarktet und vertrieben werden. Nur gelegentlich vergleichen Endkunden die Angebote der grossen Gesellschaften von sich aus.

Immerhin gibt es in Hongkong seit dem 21. Februar gewisse Erleichterungen für den Online-Verkauf. Dazu gehört die Anerkennung des Verkaufs von bestimmten einfachen Lebensversicherungspolicen, selbst wenn diese nicht mit richtiger Tinte unterschrieben worden sind.

Schnellere Entwicklung von Produkten

Die bisherigen Erfahrungen sind gemäss dem Bericht etwas ernüchternd: So erwies sich, dass die gegenwärtige Website von Prudential die neue Verkaufsrichtung nicht wirklich unterstützt und damit keinen vollwertigen Ersatz für das traditionelle Agentur-Verkaufsmodell bildet. Eine spezielle App, die indes erst richtig ausgerollt wird, soll Verbesserungen bringen. Und auch die lokalen InsurTechs zeigen Schwächen: Anbieter wie SingLife und FWD, die viel Geld in den modernen Vertrieb investiert haben, verlassen sich dennoch weiterhin stark auf Versicherungsvermittler. Sie spüren ebenfalls den Stillstand in der lokalen Wirtschaft, die weiterhin unter dem Corona-Schock steht.  

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Einen anderen Weg unternahm die chinesische Gesellschaft Zhong An, die über eine sehr moderne Technologie-Plattform verfügt. So war es möglich, ein neues Produkt zu entwickeln, das die besonderen Nöte der Opfer des Coronavirus lindert, und innert einer Woche auf den Markt zu bringen. Die traditionell arbeitende Konkurrenz benötigt dafür, wie Zhong An in der Medienmitteilung durchblicken lässt, Monate.

Unterschiedliche Strategien

Da einige Versicherungen festgestellt haben, dass ihre Angebote gerade nicht auf das Interesse der Kunden stossen, weil diese zurzeit mit anderen Dingen wie den Folgen des Virus beschäftigt sind, haben sich neue Allianzen gebildet. CareVoice, eine Krankenkasse aus Shanghai, kooperiert mit Generali. Zusammen hat man eine Lösung entwickelt, die den Interessenten den raschesten Weg zur nächsten Viren-Teststelle zeigt.

Und mehrere weitere kleinere Anbieter wie 10Life, PolicyPal und CoverGo arbeiten mit grösseren Gesellschaften zusammen. Ihr Ziel ist der Zusammenbau grösserer digitaler Ökosysteme.

Ihr Vorbild sind nicht die grossen chinesischen Tech-Anbieter, die nebenher auch noch Versicherungen verkaufen, sondern die US-Firma Bolt Solutions. Die nimmt mit dem Verkauf einfacher, tatsächlich nachgefragter Schaden-Policen inzwischen mehr als 2 Milliarden Dollar Prämien ein, sie arbeitet, im Gegensatz zu vielen anderen InsurTechs, profitabel und es funktioniert auch das digitale Onboarding. Bei etlichen europäischen InsurTechs müssen hier noch Menschen im Hintergrund eingreifen.