Die Bedeutung von ESG-Kriterien nimmt auch im Versicherungsmarkt an Fahrt auf und dürfte in absehbarer Zeit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor bei der Kundengewinnung werden. Gemäss der PWC-Studie «Relevanz von ESG im Versicherungsmarkt» will die Hälfte aller Kundinnen und Kunden ESG-Kriterien bei der Auswahl des Versicherers in Zukunft berücksichtigen. 61 Prozent der Befragten wären sogar grundsätzlich bereit, dafür einen Aufpreis zu akzeptieren. 

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Risk Management: Nachhaltigkeit rückt ins Zentrum

In einer losen Reihe von Artikeln beleuchten wir von unterschiedlichen Seiten, welchen Einfluss das Thema Nachhaltigkeit auf Unternehmen hat und weshalb Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema für Risk Manager ist. Bisher erschienen:

«Regulierungen und neue Gesetze sind ein wichtiger Pfeiler auf dem Weg zu Netto-Null»

Berichterstattungspflicht: Was dies konkret bedeutet

Kunden wünschen sich mehr als ein Nachhaltigkeitssiegel

Allerdings wünschen sich aufgeklärte Kunden mehr als nur ein Nachhaltigkeitssiegel – sie erwarten nachhaltige Produkte von einem nachhaltigen Unternehmen. Doch die Gefahr von «Labeldroping» und Greenwashing im Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit ist auch in der Versicherungswelt real. 

Zahlreiche Versicherungsunternehmen haben schon vor Jahren damit begonnen, ihre Kapitalanlagen unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien zu steuern oder ihre Portfolios entsprechend umzuschichten. Ein Beispiel ist die Net-Zero Asset Owner Alliance (NZAOA), der sich auch 17 Schweizer Privatversicherer angeschlossen haben. Sie verpflichten sich, ihre Portfolios bis 2050 klimaneutral auszugestalten.

Klimaschutz: Schweizer Finanzmarkt trödelt 

Doch die Zeit drängt und Verpflichtungen mit einem solchen Zeithorizont sind beispielsweise für Greenpeace Schweiz mehr Schein als Sein. «Der Schweizer Finanzmarkt trödelt weiter», lautete das Fazit der Umweltorganisation anlässlich der vom Bundesamt für Umwelt veröffentlichten Klimaverträglichkeitstests für den Schweizer Finanzmarkt Ende November vergangenen Jahres. Der Zeithorizont, so Greenpeace, müsse klar verkürzt werden.

Ein langfristiges 2050-Klimaziel ist nichts wert, wenn es keine Zwischenziele gibt, die das Tempo der Emissionsreduktion vorgeben – bis 2050 ist das aktuelle Management längst pensioniert …»

Peter Haberstich, Experte für eine nachhaltige Finanzwirtschaft, Greenpeace Schweiz

Peter Haberstich, Experte für eine nachhaltige Finanzwirtschaft bei Greenpeace Schweiz, kritisiert, dass in den vergangenen zwei Jahren lediglich 15 Prozent der Unternehmen in der Finanz- und Versicherungsbranche in Sachen Klimaschutz Zwischenziele für 2025 und 2030 gesetzt haben. «Das ist alarmierend, denn ein langfristiges 2050-Klimaziel ist nichts wert, wenn es keine Zwischenziele gibt, die das Tempo der Emissionsreduktion vorgeben – bis 2050 ist das aktuelle Management längst pensioniert …» Positiv sticht in diesem Zusammenhang die Zurich heraus. Sie hat die Ziele für ihre eigenen operativen Tätigkeiten enger gesetzt und beabsichtigt, Netto-Null bereits 2030 zu erreichen. Zudem hat der Konzern mit anderen Marktplayern eine Methodik entwickelt, die es einerseits erlaubt, die CO2-Emissionen des Versicherungsportfolios zu messen und anderseits unabhängige Reduktionsziele zu definieren und transparent über den Fortschritt zu berichten.

Freiwilligkeit bringt nichts

Für den Klimaschutz-Experten steht fest: Freiwillig werden die Finanzinstitutionen nicht rechtzeitig die nötigen Massnahmen ergreifen, die dazu beitragen, dass die Wirtschaft die geforderten Emissionssenkungen erreichen kann. Er fordert daher ein regulierendes Eingreifen der Politik mittels verbindlicher Klimaziele sowie einer transparenten Berichterstattung über den Absenkpfad. Auch für Linda Freiner, Nachhaltigkeitsverantwortliche der Zurich Group, sind Regulierungen und Gesetze wichtige Pfeiler auf dem Weg hin zu Netto-Null. «Das Problem ist zu gross, als dass dessen Lösung einfach den Marktteilnehmern überlassen werden kann», sagte sie im Gespräch mit HZ Insurance.

Reduktionsziele müssend zwingend absolut sein

Anderer Meinung ist da der Verband Insurance Europe. In einer aktuellen Stellungnahme hält er zwar weitere regulatorische Klarstellungen für erforderlich, um das Risiko der Schönfärberei im Zusammenhang mit nachhaltigen Geldanlagen anzugehen. Er vertritt aber die Ansicht, dass nicht unbedingt neue, detaillierte Vorschriften erforderlich sind, um dieses Risiko zu bekämpfen.

Am effektivsten sind, so Peter Haberstich, die Massnahmen, die auch etwas schmerzen. «Ich höre immer wieder, dass Versicherer an den emissionsintensiven Versicherungen so lange wie möglich festhalten wollen, weil sie sonst einen Teil des Geschäfts verlieren», konstatiert er. «Die Begründung: Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer …» Daher brauche es absolute Reduktionsziele und keine relativen. «Wenn alle so argumentieren, wird sich nichts ändern. Erst wenn eine kritische Masse von Versicherern aussteigt, gibt es Effekte.»