Komplett neue Regeln sind in der Rechnungslegung eher selten. Die Versicherungsbranche nimmt seit über zwei Jahrzehnten Anlauf dazu; jetzt steht der Abschluss bevor. Ab Januar 2022 soll mit IFRS 17 die Frage, wie Versicherungsverträge besser in der Bilanz abgebildet werden, definitiv geklärt sein. Analysten bemängeln, dass das, was Versicherer bisher unter IFRS 4 berichten, für eine echte Performancemessung unzureichend ist. Das Ziel einer Novelle sind einheitliche Standards und eine bessere Vergleichbarkeit von börsenkotierten Versicherungsgesellschaften weltweit. Die bisher heterogenen lokalen Anforderungen für die Rechnungslegung sollen ersetzt werden.

Die Methode zur Bewertung von Versicherungsverträgen ändert sich radikal. Derzeit sind die Daten zu Beginn der Laufzeit von Verträgen ausschlaggebend. Unter IFRS 17 werden die Policen jedoch mit den künftigen Zahlungsströmen bewertet – eine Art Discounted-Cashflow-Modell. Der Chef eines grossen Versicherungskonzerns bezeichnet dies als «eine Revolution in den Accounting-Regeln.»  

Daten aufbereiten

Erste Testläufe bei Unternehmen mit dem neuen Rechnungslegungsstandard zeigen, dass die Resultate weniger volatil sind als beim aktuellen Regelwerk. «IFRS 17 macht die Ergebnisse von Lebensversicherern weniger schwankungsanfällig als befürchtet», sagt Finanzchef Torsten Utricht von der Zurich Deutschland. Mit dem neuen Standard soll den Investoren, Analysten und Führungsgremien noch transparenter aufgezeigt werden, wo genau Versicherer ihr Geld verdienen. Wirtschaftsprüfer sind allerdings der Meinung, dass wohl nicht alle Möglichkeiten der neuen Bilanzierungsregeln voll ausgeschöpft werden. Der Wunsch nach maximaler Transparenz steht bei den Versicherern selbst nicht an oberster Stelle.       

Für die Assekuranz ist der Wechsel zu einer Marktwertsicht ein Paradigmenwechsel. Die finanziellen und operationellen Auswirkungen variieren je nach Versicherungsgesellschaft. Dabei hat die Einführung von IFRS 17 nicht nur Auswirkungen auf die externe Finanzberichterstattung. Betroffen sind auch andere Bereiche wie etwa die IT-Infrastruktur, Investor Relations oder Personalwesen. Der neue Standard zielt auf eine Einzelvertragsbewertung ab. Das bedingt eine hohe Datengranularität. Zudem bestehen für Versicherungsbestände kleinerer Geschäftsbereiche nicht immer ausreichende Cashflow-Projektionen. Entsprechend gilt es, diese Daten durch geeignete aktuarielle Methoden zu erheben und aufzubereiten. Wesentlich ist ebenso, dass die verwendeten Diskontsätze mit den aktuellen Marktzinsen übereinstimmen. Bisher konnten die Gesellschaften verschiedene Bewertungsmethoden für die Versicherungsverträge benutzen, oft auch abgestützt auf eine Vielzahl von nationalen Standards.

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Hohe Kosten

Das anforderungsreiche Regelwerk wird auch zu einer intensiven Überprüfung des gesamten Produktsortiments führen. Unrentable Verträge sind mit den neuen Accounting-Modellen besser sichtbar und können abgestossen werden, um damit die Eigenmittel nicht unnötig erhöhen zu müssen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s geht davon aus, dass die Lebensversicherer künftig weniger Eigenkapital ausweisen. Als Folge der anhaltenden Niedrigzinsphase würden die Versicherer zudem vermehrt auf Garantien verzichten. Das heisst, der Druck, nur noch profitables Neugeschäft aufzunehmen, steigt.

Bis zur Einführung von IFRS 17 gestaltet sich vor allem die Datengenerierung anspruchsvoll. Gemäss verschiedenen Marktumfragen zeigen sich derzeit viele Schweizer Versicherungsgesellschaften skeptisch, ob sie den Transformationsprozess zeit- und budgetgerecht abschliessen können.  Die Umstellung der Bilanzierungspraktiken wird teuer. Branchenexperten schätzen die Einführungskosten auf deutlich über 100 Millionen Franken.