Herr Eggli, Sie wollen beim KVG das Rad neu erfinden? 

Nicht ganz. Doch in unserem neuen Modell der integrierten Versorgung wollen wir die Mitglieder gesund halten. Das ist der zentrale Punkt. Denn der bisherige Mechanismus unseres Gesundheitssystems ist ein anderer. Es gilt die Devise: Leistungserbringer verdienen besser, je mehr Leistungen sie erbringen. Folglich gilt: Krank zu sein, rentiert sich für die Leistungserbringer. Das kehren wir um. Beim Réseau de l’Arc gilt der Grundsatz, gesund sein und bleiben zahlt sich aus. Leistungserbringer und Versicherer sitzen am selben Tisch. Sie nehmen die gleiche Optik ein. Das zusammen führt zu einem Paradigmenwechsel. Letztlich bieten wir ein alternatives Versicherungsmodell an, das vom Bundesamt für Gesundheit BAG noch genehmigt werden muss. Aber es ist ein Paradigmenwechsel. Uns geht es primär darum, die Versicherten gesund zu halten. Unsere Kundinnen und Kunden sind Teil eines Ökosystems, wo sie jederzeit beste Qualität erhalten. Und sie erhalten alles aus einer Hand – das ist die eigentliche Neuerung.

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Das erscheint für eine Randregion sinnvoll. Aber wie sieht es in Städten oder Agglomerationen aus?

Visana ist im Kanton Bern Marktführerin. Daher ergibt es Sinn, dort anzufangen, wo man zu Hause ist und seine Partner kennt. Aber klar: Wir wollen unser Modell ausbauen und auch in andere Regionen der Schweiz expandieren. Wir reden nicht viel – wir schlagen lieber Pflöcke ein. Zusammen mit unseren Partnern Swiss Medical Network und dem Kanton Bern. Wir glauben an den Markt und sind überzeugt, dass wir mit unserem Modell der integrierten Versorgungsorganisation erfolgreich sein werden. Das Réseau de l’Arc bezeichne ich gerne etwas plakativ als Ei des Kolumbus. 

Das ist wohl etwas hoch gegriffen. Treffender wäre die Bezeichnung All-in-one-Player. 

Vielleicht. Aber bei uns sitzen alle Player am selben Tisch, die bisher nicht auf der gleichen Seite standen. Wir versuchen, das Dilemma zwischen Krankenversicherern als Bezahler und Leistungserbringern als Verrechner zu überwinden. Das ist ein wichtiger Meilenstein. Gelingt es uns, das Modell richtig umzusetzen, schaffen wir wahren Mehrwert und echte Kosteneffizienz zugunsten der Versicherten, die im Modell der integrierten Versorgung eben Mitglieder sind. 

Da wäre noch das Dilemma des Kantons zu klären. Dieser ist einerseits Leistungserbringer und gleichzeitig Aufsichtsorgan.

Beim Full-Capitation-Modell wird je Mitglied eine Pauschale pro Jahr entrichtet. Mit dieser Pauschale werden alle medizinischen Leistungen abgedeckt. Dem Réseau de l’Arc steht mit der sogenannten Per-Capita-Prämie ein fix definierter Betrag pro Patientin und Patient zur Verfügung. Damit besteht auch eine Budgetverantwortung. Die Leistungen werden gemäss den vorgeschriebenen Tarifen entschädigt – Tarmed für ambulante und Swiss-DRG für stationäre Leistungen. Ende Jahr findet eine Incentivierung oder Pönalisierung statt. In anderen Worten: Resultiert Ende Jahr ein Überschuss, verbucht es Résau de l’Arc als Gewinn. Ein Defizit wäre uns dagegen geschuldet. Um die Kosten im Griff zu haben, ist es wichtig, dass wir langfristig schlanke und effiziente Prozesse etablieren. Unsere Aufgabe mit Réseau de l’Arc ist es, die Leistungen zu steuern und zu koordinieren. Zu vermeiden sind Fehl-, Über- und nicht Nutzen stiftende Behandlungen. 

Tönt in der Theorie gut, doch die allgemeine Praxis in unserem Gesundheitssystem ist eine andere.

Unser Gesundheitswesen ist ein eigentliches Fehlanreizsystem, wo Leistungserbringer honoriert werden, je mehr Leistungen erbracht werden. Ob Patientinnen oder Patienten gesund bleiben, ist nicht zentral. Damit sind wir nicht einverstanden. Deshalb stellen wir zum Beispiel Fitnesszentren und Physiotherapie zur Verfügung. Damit steigern wir die Gesundheit unserer Mitglieder. Zusammen mit unseren Partnern Swiss Medical Network und dem Kanton Bern im Jurabogen zeigen wir klar: Das Gesundsein rentiert sich und nicht das Kranksein. 

Ihr Produkt zielt auf die Grundversicherung ab. Was ist mit Leistungen, die in die Zusatzversicherung gehören?

Uns ist wichtig, dass der Markt spielt und Wettbewerb herrscht. Wir können nur erfolgreich sein, wenn unser Produkt gut ist, einen Mehrwert bietet, und das zu einem vernünftigen Preis. Bei uns hat man eine zentrale Ansprechpartnerin, die als Gatekeeper die Mitglieder koordiniert und unterstützt. Sie sind Teil einer Community und bezahlen nicht nur Prämien, sondern werden zusätzliche Dienstleistungen rund um die Gesundheit erhalten. Selbstverständlich können die Menschen im Berner Jura weiterhin ihre Leistungen dort beziehen, wo sie möchten. Wir sind nicht alleine im Markt. Es gibt weiterhin Mitbewerber, die KVG-Produkte und VVG-Produkte anbieten. Und auch die dem Réseau de l’Arc angeschlossenen Spitäler, Ärztinnen und Netzwerke werden weiterhin alle Patientinnen und Patienten bedienen.

Ist das Modell der integrierten Versorgungsorganisation günstiger als eine konventionelle Police?

Wir wollen mit Réseau de l’Arc nicht unbedingt das günstigste KVG-Produkt anbieten. Wir möchten das attraktivste Produkt offerieren, das Patientinnen und Patienten den grössten Mehrwert bietet. Der Preis ist eine Komponente, die Leistungen eine weitere. Wer zu Réseau de l’Arc kommt, entscheidet sich bewusst für eine Rundumbetreuung, für eine Mitgliedschaft in einer integrierten Gesundheitsversorgung. 

Die Vertikalisierung ist demzufolge Ihr Mehrwert?

Vertikalisierung bedeutet letztlich, dass seitens Leistungserbringer alle jederzeit wissen, was zu tun ist. Sie wissen, wie Patientinnen und Patienten gesund gehalten und im Krankheitsfall möglichst rasch wieder gesund gemacht werden können. Eine Ärztin oder eine Fachperson ausserhalb unseres Netzwerks hat nicht dieselbe Aktenkenntnis einer Patientin oder eines Patienten. Das ist der wesentliche Ansatz einer integrierten Versorgungsorganisation – nämlich durchgängige, schlanke und auch digitalisierte Prozesse. Genau das machen wir im Réseau de l’Arc.