Blick in den Rückspiegel: A new star is born

Die «Elefantenhochzeit» zwischen Helvetia und Baloise im vergangenen Jahr war ohne Zweifel eines der spannendsten Stücke in der Geschichte der Schweizer Assekuranz. Zuächst einmal betrat 2024 mit Cevian ein aktivistischer Investor die Bühne, der die im nationalen Vergleich etwas dahindümpelnde Baloise zu neuem Leben erwecken wollte. Die von Christer Gardell und Lars Förberg gegründete schwedische Investmentgesellschaft ist darauf spezialisiert, Einfluss auf europäische börsennotierte Unternehmen zu nehmen, um deren Wert langfristig zu steigern. Flugs erhöhten die Schweden ihre Beteiligung von drei auf zehn Prozent und wurden zum grössten Einzelaktionär. 

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«Die Versicherung hat eine starke Marktstellung in der Schweiz, allerdings bleibt das Unternehmen bei Wachstum und Rentabilität weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Profitabilität liegt 50 Prozent unter dem Branchendurchschnitt. Es gibt also viel Potenzial für Verbesserungen», erhöhte Cevian-Gründer Förberg in einem Interview mit der NZZ den Druck auf das Baloise-Management – und stellte weitgehende Forderungen wie den Rückzug aus dem Deutschland- und dem Bankgeschäft. Baloise galt plötzlich sogar als Übernahmekandidat, die Konkurrenten Zurich, Allianz und Axa sollen mögliche Interessenten gewesen sein.

Doch die Geschichte nahm eine überraschende Wendung. Offensichtlich liefen bereits seit längerer Zeit Gespräche zwischen Helvetia-CEO Fabian Rupprecht und Baloise-CEO Michael Müller, die beide fast zeitgleich ihre Ämter 2023 übernahmen. Das schweisst zusammen – zumal beide Unternehmen parallel einen neuen Strategieprozess durchliefen.

Ähnliche Grösse, ähnliches Geschäftsvolumen, ähnliche Marktkapitalisierung, ähnliches Auslandsengagement: Et voilà, pünktlich zur Generalversammlung der Baloise im April 2025 wurde der «Merger of Equals» aus dem Hut gezaubert. Die Spatzen pfiffen es zwar bereits länger von den Dächern, aber der Coup war dennoch geglückt. Der Investor Cevian verkaufte daraufhin – wahrscheinlich etwas verschnupft – seine Anteile an die Helvetia-Ankeraktionärin Patria und zog sich zurück.     

 

 

Serie Jahresauftakt 2026

Insgesamt 13 führende Schweizer Versicherungsgesellschaften und Krankenversicherer haben an der Umfrage von HZ Insurance teilgenommen. Die Beiträge im Überblick: 

Der neue Versicherungsriese Helvetia Baloise ist mit einem kombinierten Prämienvolumen von rund 20 Milliarden Franken im Leben- und Nichtlebengeschäft aus dem Stand die Nr. 2 im Schweizer Versicherungsmarkt. «Es ist die bedeutendste Branchenfusion der letzten 20 Jahre, vergleichbar mit Axa-Winterthur», ordnete Versicherungsökonom und HSG-Professor Martin Eling in einem Interview mit HZ Insurance die Bedeutung ein. A new star is born, am 8. Dezember 2025 ging der neue Versicherer offiziell an den Start. «Alle beteiligten Mitarbeitenden im Team Helvetia Baloise können stolz sein, wie reibungslos wir diesen Meilenstein der schweizerischen Versicherungsgeschichte im geplanten Zeitrahmen umsetzen konnten», blickt Martin Jara, CEO der Helvetia Baloise Schweiz, zurück.

Die Kehrseite der Medaille: Etwa jede zehnte Stelle im neuen Konzern wird im Zuge der Fusion bis 2028 abgebaut, insgesamt sind es zwischen 2'000 und 2'600 Stellen. Den Heimmarkt Schweiz trifft es mit möglicherweise 1'400 bis 1'800 Stellen besonders hart. Der Personalabbau soll vor allem über natürliche Fluktuation und Pensionierungen erfolgen.

Besondere Highlights: Innovative Lösungen und Showelemente

Sowohl Helvetia als auch Baloise zählten bereits vor der Fusion zu den innovativsten Versicherungen der Schweiz. Das stellte Baloise mit dem Projekt «AI Concierge» unter Beweis, mit dem der Versicherer am 26. Swiss Insurance Innovation Award den 1. Rang einheimste – und seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigte. Das KI-Tool analysiert Fremdverträge in Echtzeit und erstellt automatisch eine individuell passende Gegenofferte, die direkt abgeschlossen werden kann. 

Helvetia lancierte ihrerseits im Herbst eine digitale Self-Service-Vorsorgeanalyse, der die Schweizer Vorsorgewelt nach eigenen Angaben «revolutioniert». Mit dem kostenlosen Vorsorgecheck erhalten Interessierte wenigen Sekunden einen individuellen Überblick über ihre finanzielle Absicherung. Der innovative Financial Fitness Score ermöglicht eine dynamische Analyse und unkomplizierte Optimierung der eigenen Vorsorgesituation, teilte Helvetia bei der Lancierung mit.

Aber auch auf der grossen Bühne gaben beide Unternehmen eine gute Figur ab: So präsentierte sich Helvetia im vergangenen Jahr als nationale Sponsorin des Eurovision Song Contests 2025 und machte ihren Helvetia Campus zu einem Teil der Partymeile in Basel.

Das wäre sicherlich auch etwas für die Baloise gewesen, die ihrerseits für ihren Kurzwerbefilm «Baloise x Tschugger: The Bank Job» mit dem Schweizer Auftragsfilmpreis Edi ausgezeichnet wurde. Der prämierte Film entstand in Zusammenarbeit mit den Macherinnen und Machern der beliebten Schweizer Fernsehserie Tschugger. 

Blick nach vorn: Gemeinsame Kultur schaffen

Einen schweren Job zu erledigen hat nun auch der neue Versicherungsriese Helvetia Baloise. Mit dem Abschluss der Fusion startet die operative Integration der Geschäftstätigkeiten beider Unternehmen. Geplant seien die Zusammenführung von Produkten und Dienstleistungen, die Harmonisierung interner Prozesse sowie die Realisierung von Synergien.

«Wir schreiben gerade das erste neue Kapitel unseres gemeinsamen Teams Helvetia Baloise. Die detaillierten Strategiearbeiten für unser neues Unternehmen laufen. Inhaltlich hat jetzt aber ganz unmittelbar oberste Priorität, dass unsere Kundinnen und Kunden den Start von Helvetia Baloise positiv erleben», so Martin Jara. 

Dabei sei das Unternehmen mit einer neu zusammengesetzten Geschäftsleitung operativ gut auf Kurs. Neben ihm sitzen von Helvetia Simon Weiner als Leiter Vertriebsverbund & Marktbearbeitung, Finanzchef Matthias Trunz, Technologiechefin Sandra Hürlimann, HR-Leiterin Hamiyet Dogan und Karin Schreiber als Risiko-Chefin in der Schweizer Geschäftsleitung. Von der Baloise haben Andrea Kleiner als Leiterin Nicht-Leben, Patric Olivier Zbinden als Leiter Vorsorge, Mathias Zingg als Leiter Partner & Alternative Distributionskanäle, Clemens Markstein als Leiter Kundenleistungen & Integration Schweiz sowie Thomas Schöb als CEO der Baloise Bank Einsitz genommen. 

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Für sie gilt es nun, das neue Konstrukt mit Leben zu füllen und eine gemeinsame Basis zu schaffen: «Wir vereinen das Beste aus beiden Unternehmenskulturen und schaffen eine gemeinsame, zukunftsgerichtete Kultur, die für unsere Kundinnen und Kunden und für die Mitarbeitenden Identität und Zugehörigkeit schafft», sagt Jara.

Bis Mitte des Jahres soll der Markt mit einem einzigen gemeinsamen Angebot bearbeitet werden. Dafür setzt Helvetia Baloise auf eine starke Präsenz mit rund 1'700 Beraterinnen und Beratern an schweizweit über 150 Standorten – vom Personalabbau bleibt der Vertrieb verschont, um Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu haben. Ein gemeinsamer Markenauftritt mit neuem Logo ist für das zweite Quartal geplant.

Die neue Helvetia Baloise hat es durch die Fusion auf die grosse europäische Versicherungsbühne geschafft. Durch die Skaleneffekte wird sie künftig über mehr Schlagkraft in einem Markt verfügen, der durch die technologischen Veränderungen im Umbruch ist. Ob der Zusammenschluss zu einem Happy End führt, wird sich noch weisen müssen. Die ersten Voraussetzungen dafür wurden zumindest geschaffen, an dem Drehbuch wird weiter gearbeitet.