In einer Welt, in der sich mehr und mehr Menschen zumindest temporär in häusliche Quarantäne begeben und sich im Homeoffice bewegen, reduziert sich die Zahl der gefahrenen Autokilometer im zweiten und möglicherweise auch im dritten Quartal vermutlich recht deutlich – und damit auch die Unfallhäufigkeit. Diese sinkt zusätzlich, weil weniger Staus die Strassen verstopfen. «Wir können diese Tendenz feststellen», sagt ein Sprecher der Baloise auf Anfrage. Auch Helvetia registriert aktuell weniger Schadenfälle im Bereich Motorfahrzeugversicherungen. «Dafür kann es aber verschiedene Gründe geben», erklärt Helvetia-Sprecher Jonas Grossniklaus: «Einerseits bewegen sich weniger Kunden mit ihren Fahrzeugen auf den öffentlichen Strassen, weshalb es auch weniger Fahrzeugschäden gibt. Andererseits haben einige Garagen ihren Betrieb reduziert oder ganz geschlossen, vor allem im Tessin. Zudem können Reparaturen nicht sofort ausgeführt werden, da Ersatzteil-Lieferungen länger dauern.» Gemäss Sprechern von Axa und Zurich ist es derzeit noch zu früh für eine erste Einschätzung.

Verbesserung des Schadensatzes erwartet

Zwar könnten die leeren Strassen nach Einschätzung der Analysten der Investmentbank Jefferies aber auch dazu führen, dass ein paar Autofahrer zu schnell rasen – und schwere Unfälle verursachen. Unter dem Strich gehen die Analysten aber davon aus, dass sich der Schadensatz bei den Autoversicherungen in diesem Jahr deutlich verbessern wird. Angesichts dessen, dass gemäss den Daten von Swiss Re allein die Motorfahrzeugversicherung weltweit für rund 40 Prozent der Nichtleben-Prämieneinnahmen von Versicherungsgesellschaften sorgt, dürfte sich das auch in den Büchern der Versicherer niederschlagen. Die positiven Effekte der tiefer als kalkuliert ausfallenden Schadenmeldungen wird sich gemäss den Analysten von Jefferies bereits Ende des ersten, mit Sicherheit aber im zweiten Quartal in den Berichten der Versicherer zeigen. 

Philip Kett, Analyst bei Jefferies

Monoliner profitieren

Damit zeichnet sich für die Motorfahrzeugversicherung ein Jahr mit beträchtlichen Einmalgewinnen ab. In grösseren Gesellschaften werden diese Gewinne die Verluste decken, die in anderen Linien wie Reisen, Geschäftsunterbrechung oder Event-Versicherung entstehen. Profitieren werden die Monoliner, die sich auf Motorfahrzeuge spezialisiert haben. Dazu könnte die Baloise-Neugründung Friday in Deutschland zählen.

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Alternative Modelle könnten leiden

Verlierer der Entwicklung könnten ausgerechnet die neuen Anbieter sein, die alternative Modelle, beispielsweise Abrechnung auf der Basis gefahrener Kilometer, haben. Smile Direct, die Direktversicherung von Helvetia, bietet «Flexibilität auf Monatsbasis» – und das kann jetzt zu tieferen Prämieneinnahmen führen, wenn Autobesitzer deutlich weniger fahren und Geld sparen müssen. Bei Dextra, einem im Motofahrzeugbereich ebenfalls jungen Anbieter, spürt man laut CEO Patrick Eugster keine Zunahme von Kündigungen. «Aufgrund der Vermeidung von ÖV benötigen derzeit viele Personen ihr Fahrzeug immer noch, um die alltäglichen Dinge erledigen zu können», sagt Eugster. «Zudem meiden derzeit die meisten Personen den direkten Kontakt zu klassischen Versicherungsagenten und daher steigen unsere Abschlüsse eher.» Als einzige Versicherung in der Schweiz biete man auch PAYD Tarife an, bei welchen der Kunde nur die wirklich gefahrenen Kilometer zahlt.