Die Lager sind leer, die Halbfertigprodukte stecken im Container in Schanghai, die Endkunden in den Benelux-Ländern drängen auf die termingerechte Auslieferung – und dazwischen steht das Schweizer Unternehmen, bei dem die Buchhaltung und das Marketing im Homeoffice sitzen. Die Beschäftigten in der Produktion könnten zwar arbeiten – aber die Halbfertigprodukte fehlen. Das Problem überall ist das Coronavirus, die dadurch verursachte Covid-19-Lungenkrankheit und die dadurch entstehenden Unterbrechungen der Lieferketten.

«Der Kunde erhält aufgrund der Corona-Krise von seinem Lieferanten keine Ware mehr und hat deshalb einen Betriebsunterbruch », erklärt Mobiliar-Sprecher Jürg Thalmann. «Hier kommt dann der sogenannte Rückwirkungsschaden zum Zug. Dasselbe gilt bei Feuer- und Elementarschäden, wenn beispielsweise das Geschäft des Lieferanten gebrannt hat und er deshalb nicht liefern kann.» Diese Deckung kommt beidseitig zum Zug. «Das heisst, auch wenn etwa der Kunde – das Restaurant – unserem Kunden – dem Lebensmittelhändler – die Ware nicht mehr abnimmt, da die Restaurants geschlossen sind und darum keine Ware mehr beziehen», so Thalmann weiter. «Auch hier kommt der Rückwirkungsschaden zur Anwendung.»

Grundsätzlich sei jedes Unternehmen individuell auf seine Risiken hin zu analysieren. «Je nach Branche gibt es unterschiedliche Risiken, die zu berücksichtigen sind», so Thalmann. Die wichtigsten Versicherungen in Zusammenhang mit Lieferketten: Sachversicherung bei Feuer-, Elementar-, Wasser-, Transport- und Epidemieschäden für Betriebsunterbruch, Warenschäden und Lohnkosten; die Betriebsunterbruchversicherung inklusive Rückwirkungsschaden bei Feuer-, Elementar-, Wasser- und weiteren Schäden; die Haftpflichtversicherung inklusive Rückrufkosten – je nach Betriebsart/Betriebstätigkeit sind verschiedene Zusatzdeckungen zu prüfen – sowie eine Cyberversicherung für Fremdschäden und Eigenschäden.

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Die Vielfalt möglicher Deckungen bedeutet laut Thalmann nicht, dass die wichtigsten Lücken gedeckt werden. «Viele KMU schliessen die Betriebsunterbruchsowie Cyberversicherung noch nicht ab. Sie tragen diese Risiken teilweise selber.»

Sicherheiten und Diversifizierung

«Aus unserer Sicht ist das Risiko einer Betriebs- und Lieferkettenunterbrechung (BU) das grösste Risiko für Unternehmen », sagt Christoph Müller, CEO von Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) in der Schweiz. Das Risiko habe in den letzten Jahren aufgrund einer Reihe von Faktoren zugenommen, die von der Globalisierung bis hin zu modernen Produktionsverfahren reichten. Die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen könne durch eine zunehmende Fragmentierung der Produktions- und Lieferketten und die Rationalisierung von Prozessen zur Maximierung der Nutzung von Produktionskapazitäten auf die Probe gestellt werden.

«Obwohl dies aus geschäftlicher Sicht durchaus sinnvoll ist, bedeutet es aus Sicht des Betriebsunterbruchrisikos auch, dass jede kleine Widrigkeit oder Störung unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion haben wird.» Unternehmen seien sich laut Müller dieser Bedrohungen zunehmend bewusst. «Wenn sie die Risiken in ihrer Lieferkette begrenzen können, etwa durch den Zugang zu Sicherheitsbeständen und die Diversifizierung ihrer Lieferanten, sind sie gut aufgestellt.»

Gemäss Umfragen werden oft Cyber-Vorfälle sowie Risiken in Zusammenhang mit Lieferkettenunterbrechung als grösste Geschäftsrisiken eingestuft, sagt Axa-Sprecherin Anna Ehrensperger. «Daher empfiehlt sich eine umfassende Risikoanalyse, in deren Rahmen es beispielsweise auch wichtig ist, anhand der eigenen Wertschöpfungskette die relevanten Zulieferer und Abnehmer zu erkennen und sich frühzeitig Gedanken zu machen, wie man mit einem allfälligen Ausfall umgehen würde.» Oft bestehe bei Lieferketten das Problem, dass keine oder kaum Ausweichmöglichkeiten bestünden, falls ein Zulieferer oder Abnehmer ausfiele.

Risikobewusstsein der KMU fördern

Einer der wichtigsten Faktoren bei Lieferantenkrediten ist Vertrauen. «Wird es erschüttert, kann das verheerende Folgen auf gesamte Lieferketten haben», sagt Ehrensperger. Zum einen würden gewährte Lieferantenkredite zurückgefahren (kürzere Zahlungsfristen) und zum anderen würden Lieferantenkredite deutlich später bezahlt. Es drohten weitere Liquiditätsengpässe und Insolvenzen mit dem Potenzial von Dominoeffekten entlang der Wertschöpfungsketten. «Die Warenkreditversicherer übernehmen somit eine wichtige Funktion zur Vertrauensbildung entlang der Wertschöpfungsketten, indem sie Dienstleistungs- und Absicherungslösungen für Lieferantenkredite anbieten.»

«Eine Pauschallösung gibt es nicht; es ist wichtig, dass sich Unternehmen dieser Risiken bewusst sind und wissen, wie im Notfall reagiert werden soll», rät Dominik Chiavi, Sprecher bei Helvetia. Viele Störungen hätten ihren Ursprung nicht bei den Unternehmen selbst, weshalb die Bonität wichtiger Kunden und Lieferanten überwacht werden sollte. «So vermeidet man, von unerwarteten Zahlungsausfällen oder Lieferengpässen überrascht zu werden», sagt Chiavi weiter. «Verluste und Beschädigungen können über eine Transportversicherung abgedeckt werden.»

Neben offensichtlichen physischen Risiken, beispielsweise der Beschädigung eines Gebäudes durch Feuer, bestehen weniger offensichtliche Risiken im Bereich der Datensicherheit, der Wertschöpfungskette oder der Haftpflichtansprüche. «Unternehmen müssen beide Risikokategorien aktiv bearbeiten, da auch versteckte Risiken ihren Fortbestand bedrohen können», so Chiavi. «Grundsätzlich lassen sich die für Unternehmen relevanten Risiken versichern.»

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Erschienen im Special Unternehmensversicherungen der Handelszeitung Nr. 17 vom 23.4.20.