Herr Beer, wie geht es Ihnen persönlich in dieser Corona-Krise?

Mir geht es gut, danke. Ich arbeite von zu Hause aus und befolge wie die meisten Menschen die Empfehlungen der Behörden. Natürlich fehlt mir der analoge Kontakt zu meiner Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden, aber in dieser ausserordentlichen Situation müssen wir alle bereit sein, unsere Gewohnheiten und Prioritäten im Interesse des Allgemeinwohls anzupassen.

Ihre Mitarbeitenden sind also auch im Homeoffice?

Selbstverständlich. Ihnen und ihren Familien galt von Anfang an unsere höchste Aufmerksamkeit. Zurich Schweiz ist seit zwei Wochen nahezu komplett im Homeoffice. Begonnen haben wir mit der Hälfte unserer Leute im Rotationsprinzip, dann haben wir in wenigen Tagen auf fast 100 Prozent erhöht. Für klar definierte Aktivitäten haben wir noch kleine Teams an gewissen Standorten und in den Agenturen.

Klingt nach einem logistischen Kraftakt.

Das war es auch, und wir konnten es vorher nicht proben. Wir haben es gemacht, weil es nötig und richtig war. Wenn sich weniger Menschen in der Öffentlichkeit bewegen, breitet sich auch das Virus weniger schnell aus. Ein rascher Übergang zu Homeoffice schützt nicht nur unsere Mitarbeitenden, es schützt die gesamte Schweizer Bevölkerung und führt letztlich zur Entlastung der Spitäler und des Pflegepersonals. Solidarität sollte für uns alle oberste Priorität haben, denn diese Menschen leisten Grosses.

«Das oberste Gebot ist, unseren operativen Betrieb aufrechtzuerhalten, denn unsere Kunden brauchen uns auch in diesen Zeiten – oder eben genau jetzt.»

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Fast alle Mitarbeitenden von Zurich Schweiz arbeiten also von zu Hause aus. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bei der Umsetzung gestossen?

Auf alle möglichen. Das oberste Gebot ist, unseren operativen Betrieb aufrechtzuerhalten, denn unsere Kunden brauchen uns auch in diesen Zeiten – oder eben genau jetzt. Viele von uns können mit ihrem Geschäfts-Laptop und dem eigenen Internetanschluss wunderbar arbeiten. Andere benötigen einen oder sogar zwei grosse Bildschirme, um effizient zu sein. Wieder andere telefonieren viel, sie brauchen geeignete Kopfhörer. Aber das sind alles technische Probleme, die wir rasch lösen konnten. Mehr Respekt habe ich vor den menschlich-psychologischen Herausforderungen. Diese dürften zunehmen, je länger diese Krise dauert.

Was befürchten Sie?

Homeoffice verlangt ein erhöhtes Mass an Organisation und Selbstdisziplin. Das fällt nicht allen gleich leicht. Vor allem, wenn die Heimarbeit auf unbestimmte Zeit angesetzt ist und die Leute auch nach Feierabend in ihren vier Wänden bleiben sollten. Erschwerend hinzu kommen ganz praktische Herausforderungen. Eltern müssen zusätzlich zur Arbeit ihre Kinder betreuen, weil die Schulen geschlossen sind, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir müssen uns alle bewusst sein, dass wir aus dem einen oder anderen Grund in den nächsten Wochen an unsere Grenzen stossen könnten. Dieses Bewusstsein zu fördern, ist zentral. Es wäre kurzsichtig, sich und andere nicht darauf vorzubereiten.

Ich merke, Sie haben einen Plan …

Ja, mir ist wichtig, dass wir als Zurich-Familie gegenseitig aufeinander aufpassen. Deshalb habe ich allen Führungskräften ans Herz gelegt, mit ihren Mitarbeitenden in regem Kontakt zu bleiben. Über Telefon, Mail und vor allem über Video. Dabei soll nicht nur über geschäftliche Dinge gesprochen werden. Gleich wichtig sind persönliche Gespräche. Wenn man jemandem per Video die simple Frage stellt: «Wie geht es dir?», dann erfährt man vom Gesichtsausdruck und von der Körperhaltung sehr viel über den emotionalen Zustand dieses Menschen. Und wenn dieser emotionale Zustand Anlass zur Sorge gibt, muss die Führungskraft handeln.

«Wir müssen uns alle bewusst sein, dass wir aus dem einen oder anderen Grund in den nächsten Wochen an unsere Grenzen stossen könnten.»

Keine leichte Aufgabe für Ihre Führungskräfte. Was sollen sie in einen solchen Fall unternehmen?

Stimmt, keine leichte Aufgabe. Aber es ist die vielleicht wichtigste und sicher die nobelste Aufgabe, die sie haben. Ich weiss, dass sie es können, und ich weiss, sie werden ihr Bestes geben. Übrigens kann es auch sie als Führungskräfte treffen, auch mich. Niemand ist in solchen Zeiten gegen einen Durchhänger oder schlimmer gegen eine Depression gefeit. Wir sind alle stark, bis wir es nicht mehr sind. Deshalb sollen alle wissen: Es ist keine Schande, Schwäche zu zeigen. Es ist im Gegenteil eine Stärke, das zuzugeben und darüber zu sprechen. Zurich bietet umfassende Hilfe an. Wir geben regelmässig Tipps, die den Umgang mit dieser schwierigen Situation erleichtern, und den Mitarbeitenden steht unser Coaching Center mit erfahrenen Fachkräften zur Verfügung. Ich bitte alle, bewusst mit solchen Herausforderungen umzugehen und nicht zu zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wie machen sich denn Ihre Mitarbeitenden nach den ersten Wochen Homeoffice?

Hier kann ich meinen Kolleginnen und Kollegen ein Kränzchen winden. Sie machen sich grossartig. Aller Probleme und eigener Sorgen zum Trotz stellen die Mitarbeitenden von Zurich Schweiz die Bedürfnisse ihrer Kundinnen und Kunden in den Vordergrund. Möglicherweise dauert das eine oder andere etwas länger. Aber wir sind zu 100 Prozent operativ. Und wir werden alles daransetzen, dass es so bleibt.

Dann könnte das forcierte Corona-Homeoffice auch für normale Zeiten ein taugliches Modell sein?

Es wird uns zeigen, dass sehr vieles möglich ist. Niemand spricht davon, dass alle immer Homeoffice machen sollen. Dafür sind die sozialen und persönlichen Kontakte zu wichtig, zu unseren Kunden, unseren Geschäftspartnern und untereinander. Aber gelegentliches Homeoffice bringt der ganzen Gesellschaft viel Gutes. Familien können sich anders organisieren, jüngere Generationen fühlen sich angesprochen, wir entlasten den öffentlichen Verkehr und die Strassen und leisten somit einen Beitrag zum Klimaschutz. Damit erhöhen wir die Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden und steigern unsere Attraktivität als Arbeitgeber der Zukunft.

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«Niemand ist in solchen Zeiten gegen einen Durchhänger oder schlimmer gegen eine Depression gefeit.» 

Wie wollen Sie kontrollieren, ob Ihre Mitarbeitenden zu Hause auch wirklich arbeiten?

Das will ich gar nicht. Einer meiner wichtigsten Führungsgrundsätze ist Vertrauen. Ich habe sehr lange internationale Teams geführt. Das war anspruchsvoll, weil diese Mitarbeitenden nicht da waren, wo ich war. In all diesen Jahren war die Leistung meiner Kolleginnen und Kollegen nie ein Problem. Voraussetzung ist natürlich, dass sie klare, messbare Ziele haben und dass sie ihren individuellen Beitrag an den gemeinsamen Erfolg kennen. So lässt sich ihre Leistung zweifelsfrei beurteilen. Wichtiger als die Kontrolle der Mitarbeitenden zu perfektionieren ist es, unseren Kontrolldrang als Führungskraft zu überdenken.

Und Sie sehen also auch eine Verbindung zwischen den Themen Homeoffice und Klima?

Auf jeden Fall. Es ist an der Zeit, eingefahrene Verhaltensmuster zu hinterfragen. Wir müssen aufhören, alle zur gleichen Zeit das Gleiche zu tun. Es ist nicht einzusehen, warum wir uns alle gleichzeitig jeden Morgen in die eine Richtung und abends in die andere Richtung bewegen sollen. Das kann unsere Infrastruktur langfristig einfach nicht bewältigen. Zudem hat sich Zurich zu den Pariser Klimazielen bekannt. Wir unternehmen grosse Anstrengungen, unseren CO2-Abdruck kontinuierlich zu verkleinern. Homeoffice leistet einen Beitrag dazu. Auch wenn der Klimawandel momentan etwas an Prominenz verloren hat, sind die Probleme noch immer da und verlangen nach Lösungen. Im Übrigen ist Homeoffice das Mindeste, was wir unseren Mitarbeitenden bieten wollen.

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«Wichtiger als die Kontrolle der Mitarbeitenden zu perfektionieren ist es, unseren Kontrolldrang als Führungskraft zu überdenken.»

Das Mindeste? Was haben Sie noch anzubieten?

Wir sind mitten in der Gestaltung unserer Arbeitswelt der Zukunft. Ich greife nur zwei Punkte heraus. Unser neuer Elternschaftsurlaub gehört zu den fortschrittlichsten der Schweiz. Und wir sind seit Jahren das einzige Finanzunternehmen im Land, das die Lohngleichheit von der unabhängigen Stiftung EDGE zertifizieren lässt. Wir fördern auf allen Ebenen ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld, in dem Mitarbeitende unabhängig von Alter, Herkunft, sexueller Orientierung oder Geschlecht gleiche Chancen haben sowie Arbeit und Familie nach ihren Wünschen vereinbaren können.

Was glauben Sie, wann wir zur Normalität zurückkehren werden?

Eine Prognose zu wagen ist derzeit schwierig. Die Behörden sprechen von Frühsommer. Sicher ist, dass wir noch einige Wochen sehr viel Verständnis, Disziplin und Geduld aufbringen müssen. Wir müssen weiterhin improvisieren, um das Beste aus der Lage zu machen. Dabei müssen wir uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass dies ein vergleichsweise geringes Opfer ist. In vielen Ländern Europas gehen die Menschen auf die Balkone und bedanken sich singend oder klatschend beim gesamten medizinischen Personal. Diese Menschen arbeiten sehr hart und gefährden ihre Gesundheit, um uns zu helfen. Nicht zu vergessen all jene Menschen, die unsere Grundversorgung sicherstellen, etwa im Detailhandel. Es ist höchste Zeit, ihnen allen etwas zurückzugeben. Wir müssen jetzt wenn immer möglich zu Hause bleiben. Das fällt niemandem leicht. Besonders nicht bei schönem Wetter. Aber diesen Respekt sind wir ihnen schuldig.

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