Helvetia hat zu Beginn des Jahres bei der Vollversicherung mit einer Senkung des Umwandlungssatzes im obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge auf unter 6,8 Prozent für Aufsehen gesorgt. Weshalb haben Sie diese Finanzierung mit Guthaben aus dem überobligatorischen Bereich gewählt?
Hedwig Ulmer: Die zu hohen Umwandlungssätze führen zu einer ungerechten Verteilung innerhalb der zweiten Säule. Darum haben wir uns entschlossen, den verfügbaren Spielraum auszunützen. Mit der Umwandlungssatzsenkung nach dem sogenannten Anrechnungsprinzip können wir diese Umverteilung zwar nicht eliminieren, aber zumindest stabilisieren. Das von uns gewählte Anrechnungsprinzip ist nicht neu am Markt. Wir sind lediglich der erste Lebensversicherer, der es bei der Vollversicherung anwendet. Damit kann Helvetia weiterhin den Rundumschutz einer Vollversicherung anbieten.

Bis 2023 soll der Umwandlungssatz im Obligatorium auf 6 Prozent und im Überobligatorium auf 4,4 Prozent sinken. Wer sind dabei die Gewinner, wer die Verlierer?
Ich möchte nicht von Gewinnern und Verlierern reden. Aufgrund der tiefen Zinsen, der zunehmenden Lebenserwartung und der fehlenden politischen Reformen wird den Rentnerinnen und Rentnern mehr ausbezahlt, als sie angespart haben. Diese finanzielle Lücke wird von den Erwerbstätigen systemfremd querfinanziert. Mit den Anpassungen bei den Umwandlungssätzen schaffen wir es zumindest, die Belastungen für die aktiven Versicherten zu reduzieren.

Die jüngere Generation muss nun etwas weniger für die Pensionierungsverluste beisteuern. Negativ ist es allerdings für jene Versicherten, die demnächst in Rente gehen.
Ja, sie erhalten etwas weniger, als dies bei einer Pensionierung vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre. Es sind aber immer noch vergleichsweise gute Konditionen.

«Mit der letzten Sommer vorgeschlagenen Umwandlungssatzsenkung wurde ein Signal ausgesandt, das wir in dieser Form absolut unterstützen.»

Gehen Sie davon aus, dass auch die anderen vier Anbieter von Vollversicherungen früher oder später auf dieses Modell nach dem sogenannten Anrechnungsprinzip umstellen werden?
Wir haben eine Systemkrise in der beruflichen Vorsorge. Das führt zu einer Umverteilung von der jüngeren zur älteren Generation. Mit den geburtenstarken Jahrgängen, die in den nächsten Jahren in Pension gehen, wird sich die Situation weiter zuspitzen. Der BVG-Umwandlungssatz liegt weit über einem ökonomisch korrekten Niveau. Aus Medienberichten wissen wir, dass unsere Massnahmen bei der Konkurrenz auf Verständnis stossen. Was die anderen Anbieter von Vollversicherungen für die nachhaltige Weiterentwicklung planen, wissen wir allerdings nicht.

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Ihre Kalkulation für die Vollversicherung erfolgt im Obligatorium exakt mit dem gleichen Umwandlungssatz, wie ihn auch die Sozialpartner in ihrem Reformvorschlag für die zweite Säule vorgesehen haben. Mit der Corona-Pandemie ist aber alles etwas in Verzug geraten. Wie schätzen Sie die Realisierungschancen ein?
Eine Reform der Altersvorsorge ist nach wie vor zwingend und notwendig. Mit der letzten Sommer vorgeschlagenen Umwandlungssatzsenkung wurde ein Signal ausgesandt, das wir in dieser Form absolut unterstützen. Es ist klar, dass sich die Politik in der Corona-Krise diesem akuten Problem zuwenden musste. Bundesrat und Parlament haben aber sicherlich nicht vergessen, wie dringlich diese Reform in der beruflichen Vorsorge ist. Die Politik muss nun einen mehrheitsfähigen Reformvorschlag erarbeiten. Es braucht einen tieferen Umwandlungssatz und wir müssen über die Erhöhung des Rentenalters für Frauen sprechen.

Mit der wirtschaftlichen Krise im Gefolge von Corona sind viele KMU in eine finanzielle Schieflage geraten. Spüren Sie das auch bei den Prämienbeiträgen für die berufliche Vorsorge?
Bisher sehen wir kaum einen Effekt. Wir beobachten lediglich einen leichten Rückgang bei den Neueintritten.

Aber kommt da noch etwas auf Sie zu?
Das lässt sich noch nicht abschätzen. Aktuell sieht es aber danach aus, dass die Corona-Krise weiterreichende Folgen für die gesamte Wirtschaft haben wird.

Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie haben speziell KMU mit vielen älteren Arbeitnehmenden kaum mehr Anschluss bei einer Vollversicherung gefunden. Hat sich das jetzt nochmals verschärft?
Nein, verschärft hat sich diese Problematik allein wegen Corona nicht. Das Thema ist wegen der Shutdown-Massnahmen einfach aus den Schlagzeilen verschwunden, es wird uns aber auch weiterhin beschäftigen.

Als Axa aus dem Geschäft mit Vollversicherungen ausgestiegen ist, gab es für die verbliebenen Lebensversicherer zum Teil massive Neuzugänge. Musste Helvetia bei dieser grossen Nachfrage viele Interessenten wegen einer schlechten Altersstruktur ablehnen?
Auch bei uns gab es viele Anfragen für Offerten. Entsprechend kam es zu zahlreichen Neuabschlüssen. Speziell bei den teilautonomen Lösungen verzeichneten wir einen deutlichen Zuwachs. Bei der Vollversicherung agierte Helvetia hingegen äusserst selektiv.

«Die Vollversicherung bleibt ein wichtiger Pfeiler; daneben richtet sich unser Augenmerk jedoch verstärkt auf teilautonome Lösungen.»

Was sind die wichtigsten Selektionskriterien für die Vollversicherung?
Die Altersstruktur ist die absolut entscheidende Grösse.

Mit den eingeleiteten Massnahmen geht Helvetia davon aus, dass sich die Prämien im BVG-Geschäft im «tiefen zweistelligen Prozentbereich» vermindern.
Ja, wir nehmen einen Prämienrückgang in dieser Grössenordnung bei der Vollversicherung in Kauf und nutzen unseren Handlungsspielraum.

Neben der Vollversicherung will Helvetia weiterhin eine breite Palette an Lösungen in der zweiten Säule anbieten. Heisst dies, es werden vor allem die teilautonomen Vorsorgemodelle forciert?
Unsere Kunden sollen die Wahl haben. Die Vollversicherung bleibt ein wichtiger Pfeiler; daneben richtet sich unser Augenmerk jedoch verstärkt auf teilautonome Lösungen.

Wie läuft dieses Geschäft?
Die Neuabschlüsse mit teilautonomen Modellen entwickeln sich sehr gut. So hat sich die Anzahl der aktiven Versicherten bei der BVG-Invest-Sammelstiftung 2019 gegenüber dem Vorjahr fast vervierfacht. Auch der Bestand an aktiven Versicherten bei der Swisscanto Sammelstiftung hat 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 19,6 Prozent zugenommen.

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Viele KMU möchten aber das Anlagerisiko gar nicht selber tragen. Wo sollen sie unterkommen, wenn eine Vollversicherung nicht möglich ist?
Sofern kein Anschluss bei einem der fünf Anbieter möglich ist, bleibt in letzter Konsequenz nur die Stiftung Auffangeinrichtung BVG. Aber diese Lösung ist natürlich nicht vergleichbar mit einer normalen Vollversicherung.

Welchen Stellenwert haben bei Helvetia die 1e-Pläne für Kadermitarbeitende und Spezialisten?
Die 1e-Pläne sind aktuell ein interessantes Nischenprodukt. Im Moment sind wir noch nicht aktiv in diesem Geschäfts-bereich, aber wir prüfen dies natürlich.

Die Lebensversicherer haben wegen früherer Hürden im Freizügigkeitsgesetz mit der Kadervorsorge lange gezögert. Werden solche Sparmodelle mit mehr individueller Verantwortung im überobligatorischen Teil der beruflichen -Vorsorge nun vermehrt zum Thema?
Ja, eine flexiblere Ausgestaltung der zweiten Säule ist sicher interessant.

Wie stark beeinflusst die Digitalisierung die Kommunikation zwischen Lebensversicherern, Unternehmen und Versicherten?
Der technologische Fortschritt bietet enorme Chancen. Wir nutzen diese Online-Möglichkeiten derzeit speziell in der Personaladministration.

Wo sehen Sie noch am meisten Verbesserungspotenzial für die Zukunft?
Es wird vor allem darum gehen, die technologischen Tools für die Kunden möglichst einfach und effizient zu gestalten.