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Geldanlage
Anlagenotstand hilft Schweizer Nebenwerten

Trotz Turbulenzen an den Börsen klettern die Kurse der Nebenwerte – auch der Brexit hinterlässt kaum Spuren. Worauf Anleger nun achten müssen.

Von Björn Zern
am 13.07.2016

Anleger mit grosskapitalisierten Werten wie Nestlé, Novartis, Roche und vor ­allem Titeln von Grossbanken im Depot erlitten vor und nach dem Brexit wohl schlaflose Nächte. Aktionäre mit Papieren aus dem ausserbörslichen Segment im Portfolio ruhten indes gut. Denn ungeachtet der Turbulenzen an den internationalen ­Finanzmärkten kletterte der OTC-X-Liquiditäts-Index im zweiten Quartal mit einem Plus von 0,6 Prozent nach oben. Das zeigt einmal mehr, dass die Kurse der nicht kotierten Nebenwerte einen Börsensturm teilweise unbeschadet überstehen.

Zusätzlich stimulierten in der Berichtsperiode Firmenübernahmen und Kapitalerhöhungen die Aktienkurse und die gehandelten Volumen. Letztere verzeichneten im Mai und Juni Höchstwerte. Auffällig an den Transaktionen ist, dass neben den vielen Privatanlegern auch professionelle Investoren wie Beteiligungsgesellschaften, Fonds und Family Offices verstärkt im ausserbörslichen Segment aktiv werden.

Corisol bei Zur Rose dabei

Bereits im ersten Quartal sorgte ein UBS-Energiefonds (UBS CEIS) mit dem Kauf von 9,5 Prozent der Aktien des regionalen Telekommunikations- und Versorgungsunternehmen Wasserwerke Zug für Aufmerksamkeit. Mit einem Volumen von 60 Millionen Franken war dieser Kauf eine der grössten Transaktionen im Nebenwertesegment. Nach dem Wechsel des Ostschweizer Energieunternehmens Repower von der Schweizer Börse SIX in den ausserbörslichen Markt Ende April wurde der UBS-Fonds ein zweites Mal aktiv: Zusammen mit dem Zürcher Versorgungsunternehmen EKZ beteiligte er sich im Rahmen einer Kapitalerhöhung mit 18,9 Prozent an Repower. Insgesamt flossen dem Bündner Unternehmen durch die Transaktion 171,8 Millionen Franken an frischem neuem Geld zu.

Einen Mittelzufluss von 20 Millionen Franken konnte sich die Versandapo­theke Zur Rose Group sichern. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung, die im September beschlossen werden soll, wird sich die Beteiligungsgesellschaft Corisol an Zur Rose mit 13,3 Prozent beteiligen. Die Unternehmerfamilie Frey, die auch grössere Anteile an börsenkotierten Firmen wie Schwei­ter und Comet besitzt, sieht offenbar grosses Potenzial für Zur Rose in der Schweiz und die zum Konzern gehörende, in Deutschland tä­tige Internetapotheke DocMorris.

Frisches Geld für Zur Rose

Sonst wäre sie nicht bereit, im Rahmen der ­geplanten Kapitalerhöhung 40 Franken pro Aktie zu zahlen: Die letzten Kurse auf der ausserbörslichen Handelsplattform OTC-X lagen bei 32 Franken und damit deutlich darunter. Hat Zur Rose bestimmte Meilensteine erreicht, sollen nochmals 18 bis 24 Millionen Franken fliessen. Das frische Geld wird vor allen Dingen ins Marketing und den Ausbau des Geschäfts mit rezeptpflichtigen Medikamenten sowie in die Mehr-Kanal-Strategie in der Schweiz mit ­eigenen Geschäften fliessen.

Gelingen die Expan­sionsschritte, so ist eines Tages der Börsengang oder auch der Verkauf an einen Wettbewerber denkbar. Vanessa Frey soll als Vertreterin des neuen Grossaktionärs auch in den Verwaltungsrat von Zur Rose gewählt werden. Es ist davon auszugehen, dass sie die ganze unternehmerische Erfahrung ihres Vaters Beat Frey in die Entwicklung der Zur Rose Group einfliessen lassen wird. Beat Frey hatte das Reiseunternehmen Private Safaris gegründet und später an Kuoni verkauft. Bekannt wurde er auch als Investor des Seilbahnunternehmens Doppelmayr/Garaventa.

Neue Besitzer für Parkresort

Für den Preis von 55 Millionen Franken wechselte die Parkresort Rheinfelden Holding ihren Besitzer. Neuer Eigentümer des Betreibers von Bädern, Kliniken und dem Parkhotel am Rhein wird mit mehr als 80 Prozent die schweizerische Beteiligungsgesellschaft Invision. Sie übernimmt die Anteile von Mehrheitsaktionär und Geschäftsführer Thomas Kirchhofer. Den Kleinaktionären wurde ein Übernahme­angebot zu 1100 Franken je Aktie unterbreitet, was dem Preis entspricht, den Kirchhofer und drei weitere Aktionäre für ihr Paket erhalten haben. Thomas Kirchhofer bleibt über eine neue Gesellschaft mit einer Minderheit beteiligt und wird auch in Zukunft das Unternehmen führen.

Mit Invision taucht abermals ein institutioneller Anleger am ausserbörslichen Markt auf. Für Rolf Bigler, Leiter des ausserbörslichen Handels bei der Berner Kantonalbank, ist das zunehmende Interesse von Beteiligungsgesellschaften und Fonds am Marktsegment wenig überraschend. «Der Anlagenotstand und die hohen Preise in anderen Anlageklassen haben dazu geführt, dass sich professionelle Investoren wieder stärker für den ausserbörslichen Markt interessieren», erklärt er. Viele ausserbörslich gelistete Firmen existierten seit Jahrzehnten, wiesen ein stabiles Geschäftsmodell und kontinuierliche Erträge sowie regelmässige Ausschüttungen auf. Hinzu komme die günstige Bewertung mit deutlichen Abschlägen auf den inneren Wert der Gesellschaften. «Diese Kombination ist in der heutigen Zeit bei Anlegern gefragt», ­resümiert Bigler.

«Dieses Segment ist nicht neu für uns»

Martin Staub, seit 17 Jahren Partner bei Invision, bestätigt das generelle Interesse seiner Beteiligungsgesellschaft an den Unternehmen im ausserbörslichen Markt. Allerdings relativiert er auch gleich wieder: «Dieses Segment ist nicht neu für uns. Wir waren auch schon vor einigen Jahren bei Firmen wie dem Fruchtsaftunternehmen Granador oder der LZ-Medien-Gruppe beteiligt.» Zudem sei die Aktionärsstruktur mit vielen Kleinaktionären für einen professionellen Investor wie Invision schwierig. Als Beteiligungsgesellschaft mit dem Fokus auf Schweizer KMU sei Invision eher an Mehrheitsbeteiligungen interessiert, erklärt Staub.

Daher handelt es sich bei den meisten Beteiligungen von Invision um Investitionen im Zuge von Nachfolgelösungen oder um sogenannte Buy-and-build-Geschäfte. Bei diesen stellt der Investor den Firmen gemeinsam mit dem Unternehmer Kapital für Zukäufe und Expansionsprojekte zur Verfügung, um aus einem kleinen Unternehmen eine grössere Unternehmensgruppe zu ent­wi­ckeln. Beim Logistikunternehmen Schneider handelt es sich um eine Nachfolge­lösung. Die Hotelfachschulgruppe Swiss Education Group gehört zu den Buy-and-build-Investments der Zuger Gruppe. «Beide Unternehmen haben keine Vergangenheit im ausserbörslichen Markt», betont Beteiligungsmanger Martin Staub.

Rigi Bahnen sind auf Geldsuche

Noch nicht bekannt ist derzeit, ob bei den Aktien der Innerschweizer Rigi Bahnen auch ein grösserer Aktionär zugreifen wird. Die Gesellschaft sucht bis Anfang September im Rahmen einer Kapitalerhöhung 9 Millionen Franken. Insgesamt werden 1,2 Millionen Aktien zu einem Preis von je 7.50 Franken ausgegeben. Mit dem Geld möchte das Unternehmen die Luftseilbahn von Weggis nach Rigi Kaltbad erneuern sowie das Bahngebäude und einen Teil der Züge. Mit Blick auf das 9 Millionen Franken grosse Volumen der Kapitalerhöhung wäre es wenig überraschend, wenn auch hier ein Family Office oder eine spezialisierte Beteiligungsgesellschaft als Ankerinvestor auftauchen würde.

Ein neuer grösserer Aktionär meldete sich auch bei Kursaal-Casino Luzern. Die ER Group, hinter der die zwei Investoren Erwin Röösli und Romano Brandenberg stehen, gab bekannt, dass sie einen Anteil von 4,8 Prozent am Betreiber des Luzerner Grand Casino erworben hat. In einem «konstruktiven Dialog mit dem Management» will die Beteiligungsgesellschaft dem Casino zu einer besseren Entwicklung verhelfen. Das Spielhaus musste in den letzten Jahren laufend einen Rückgang der Spielerträge hinnehmen, was vor allen Dingen mit der schwierigen Situation in der Branche begründet wird. Scheinbar gibt es bei der ER Group Ideen, wie die Ertragslage in Luzern verbessert werden kann.

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