Der Dollar ist «am Ende», glaubt «Zero Hedge». In Krisenzeiten seien die Anleger auf der Suche nach einem sicheren Hafen früher immer bei der internationalen Leitwährung gelandet, argumentiert der Autor des Finanzblogs, der als einer der einflussreichsten der Welt gilt. In den aktuellen Turbulenzen sei es anders. Das sei ein klares Signal des Marktes gegen den Dollar. Das sieht Mohamed El-Erian genauso. Der Chef der Fondsgesellschaft Pimco, mit einem Anlagekapital von 1200 Milliarden Dollar grösster privater Anleihenkäufer der Welt, sagt: «Es ist ein Warnschuss für Amerika, dass wir nicht mehr davon ausgehen können, den Status der Reservewährung behalten zu können.» Und Barry Eichengreen, US-Wirtschaftshistoriker und renommierter Währungsexperte, schreibt in seinem neuen Buch: «Die Herrschaft des Dollars geht zu Ende.»

Immer wenn der Dollar Schwäche zeigt, wird sein Leitwährungsstatus in Frage gestellt. Es wird auch gedroht, die Zentralbanken würden das Dollar-Übergewicht in ihren Reserven abbauen. Der Ausstieg aus dem Dollar habe längst begonnen, behaupten Währungsexperten auch jetzt wieder.

Die globale Vormachtstellung der amerikanischen Währung besteht seit Jahrzehnten. Der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger erklärte sie so: «Wer die Lebensmittelversorgung kontrolliert, kontrolliert das Volk; wer die Energie kontrolliert, kann ganze Kontinente kontrollieren; wer das Geld kontrolliert, kontrolliert die Welt.»

Für den früheren französischen Präsidenten Valéry Giscard dEstaing war der Status der Leitwährung ein «unverschämtes Privileg»: Die USA können sich billiger verschulden, weil die Zentralbanken US-Staatsanleihen als Reservewährung halten. Wenn die USA die Geldmenge massiv ausweiten, wie sie das in der jetzigen Krise getan haben, fluten sie die Welt mit Dollar und heizen bei Handelspartnern die Inflation an. «Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem», brachte es Nixons Finanzminister John Connally in den 70er-Jahren auf den Punkt.

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Ausstieg aus dem Dollar ist ein Mythos

Daran stören sich nicht nur die Franzosen. Die Präsidenten von Russland oder Brasilien fordern inzwischen offen eine Ablösung des Dollar. Und im Januar hatte der chinesische Staatspräsident Hu Jintao erklärt, ein Weltwährungssystem mit dem US-Dollar als Reservewährung sei «ein Produkt der Vergangenheit».

Davon ist die Welt indes noch weit entfernt. Das hat der US-Wirtschaftsprofessor Francis E. Warnock kürzlich in einer Studie festgestellt. Dass die Käufe von US-Staatsanleihen durch Zentralbanken zum Stillstand gekommen seien, bezeichnet er als «Mythos». Der Dollar macht nach wie vor über 60 Prozent der weltweiten Reservewährungen aus. Zwar habe der Euro nach 2007 zugelegt, auch wegen der Euro-Käufe der Schweizerischen Nationalbank. Aber: «Die Daten belegen, dass die Käufe von US-Staatsanleihen durch ausländische Regierungen stabil bleiben.»

Das Ende des Dollar wird immer wieder ausgerufen. «Wer immer noch in Dollar rechnet, ist selber schuld», warnte der deutsche Währungsspezialist Wilhelm Hankel - das war 1989. 1995 plante die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, den Ausstieg aus dem Dollar. Der «Euro läuft dem Dollar den Rang ab», hiess es im April 2008; «der Dollar wankt» und «niemand zweifelt mehr daran, dass der Dollar als Leitwährung ausgedient hat», lauteten die Schlagzeilen im Herbst 2009 - worauf die US-Währung zu einem Höhenflug ansetzte.

Der Untergangsstimmung zum Trotz blieb der Marktanteil des Dollars an den globalen Währungstransaktionen stabil: Seit 1998 ist er minim auf 42,5 Prozent zurückgegangen. Und das trotz Einführung des Euro, der heute auf knapp 20 Prozent Marktanteil kommt (siehe Grafik).

Seit Ausbruch der Verschuldungskrise in der Euro-Zone sind die Anhänger des Euro als Reservewährung auch verstummt. Jetzt heisst der meistgenannte Favorit für die Dollar-Nachfolge Renminbi (so die offizielle Bezeichnung für die chinesische Währung; Yuan ist die Zahlungseinheit). Seit letzter Woche erlaubt die chinesische Regierung Exportfirmen, ihre Verkäufe in Renminbi zu fakturieren. Sie müssen die eingenommenen Dollars nicht mehr direkt der Zentralbank abliefern. Damit treibt China die Internationalisierung seiner Währung voran: Der Renminbi soll dem Dollar Konkurrenz machen.

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Der Weg dahin ist allerdings weit: Heute kommt der Renminbi auf knapp ein halbes Prozent Marktanteil. Ihm fehlen fast alle Voraussetzungen einer Reservewährung: Er ist nicht frei konvertierbar, es gibt keinen funktionierenden, offen zugänglichen Devisenmarkt, keinen Markt für Devisen-Optionen und -Forwards, kaum Schuldverschreibungen in Renminbi, keinen offenen, liquiden Kapitalmarkt. Die Banken sind staatlich gelenkt und nicht in der Lage, die notwendigen Kapitalflüsse zu bewältigen. Es wird Jahrzehnte brauchen, einen Finanzsektor und einen Kapitalmarkt aufzubauen, der es mit Tokio oder London, geschweige denn mit New York aufnehmen kann. Und die allerwichtigste Voraussetzung kann die Regierung nicht liefern: Eine Reservewährung benötigt das Vertrauen der Staaten und der weltweiten Anleger - für die Parteidiktatur in Peking ein unerreichbares Gut.

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Chinas Leitwährungsaspiration leidet auch an einem inneren Widerspruch. Die USA haben ein grosses Handelsbilanzdefizit, deshalb landen grosse Dollarbestände automatisch in den Exportüberschussländern. Ausgerechnet China häuft im grossen Stil Dollars an, hält damit seine Währung tief, um den Export anzukurbeln. Um den Renminbi zur Leitwährung zu machen, müsste China genau das Gegenteil tun: Handelsdefizite erwirtschaften und so die Welt mit Renminbi versorgen.

Kunstwährung hat keine Chance

Weil mit den direkten Dollar-Konkurrenten kein Staat zu machen ist, brachten Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und seine chinesischen und russischen Kollegen in letzter Zeit einen Kompromiss ins Spiel: Die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds - ein Kunstkonstrukt aus Dollar, Euro, Yen und Pfund. Sie sollen mit Renminbi und Rubel zur Welt-Reservewährung ausgebaut werden. Doch wer sollte die Ausgabe von Sonderziehungsrechten kontrollieren? «Ohne Weltregierung keine Welt-Zentralbank und damit keine Weltwährung», bringt Eichengreen das Problem auf den Punkt.

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Der Mangel an Alternativen wird den totgesagten Dollar als Leitwährung noch lange am Leben halten. Es brauchte 50 Jahre und zwei Weltkriege, bis das britische Pfund vom Dollar abgelöst wurde. Den Prozess beschleunigen können nur die Amerikaner selbst: Wenn sie ihre Verschuldung nicht in den Griff bekommen. «Sonst könnten die Anleger das Vertrauen in den Dollar verlieren», warnt Francis Warnock. Und ohne Vertrauen gibt es keine Leitwährung.