Stephanie Kelton macht derzeit viele Überstunden. Neben ihrer Lehrtätigkeit als Professorin an der Universität Stony Brook in der Nähe von New York gibt sie täglich mehrere Interviews, hält Vorträge in London oder Buenos Aires – und schreibt nachts an ihrem Buch «Der Defizit-­Mythos». Das kleine Motorboot, das sie sich für den Freizeitspass mit ihrer ­Familie gekauft hat, wartet meist unbenutzt am Steg auf sie.

Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA verschafft ihr unverhofft viel Aufmerksamkeit. Als Wirtschaftsberaterin für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders prägt Kelton seit 2016 dessen ökonomische Vorstellungen. Sie ist Verfechterin der Modern Monetary Theory (MMT) – ­eines radikal neuen Ansatzes zur ­Geld- und Haushaltspolitik. Immer mehr progressive Politiker stützen die Finanzierung ihrer politischen Ideen auf MMT – beispielsweise Alexandria Ocasio-Cortez, die ihre ­Sozial- und Umweltprogramme so finanzieren will.

MMT explained

Die Kernidee von MMT: Defi­zite sind nicht zwingend schlecht. Regierungen sollten die Wirtschaft mehr durch Staatsausgaben und Steuern steuern und so die Notenbanken entlasten. Verschuldung löse in Industrienationen keine Inflation aus, wie sich am Beispiel des bereits lange hochverschuldeten Japan zeige.

Die Theorie wurde 1997 vom amerikanischen Hedge-Fund-Manager Warren Mosler entwickelt, blieb aber jahrzehntelang obskur, bis Stephanie Kelton sie erweiterte. Im besten Falle könnte MMT den Weg bahnen für wichtige Investitionen wie jene gegen den Klimawandel. 

Notenbankchef Jerome Powell und Nobelpreisträger Paul Krugman kritisieren den Denkansatz vehement. Der Obligationenmarkt selbst jedoch gibt Kelton schon seit einiger Zeit recht: Obwohl die Haushaltsdefizite unter Donald Trump massiv gestiegen sind, stiegen Inflation und Zinsen bislang kaum. Weil die Schweiz ebenso wie die USA die Kontrolle über ihre eigene Währung hat, ist MMT auch hierzu­lande ein interessantes Gedanken­modell.

Frau Kelton, die Modern Monetary Theory MMT ist in aller Munde, vor allem bei den Demokraten, die mit MMT ihre Programme gegen Klimawandel und für Bildung oder Gesundheitswesen finanzieren wollen. Setzt Sie das unter Druck?
Stephanie Kelton: Schon. Aber die MMT stellt niemandem einen Blankoscheck aus. Nirgendwo in unserer Lehre steht, dass der eine den grünen neuen Deal bekommt, der Nächste das kostenlose College für alle und der Dritte ein staatlich finanziertes Medicaid. Und all das ohne Steuererhöhungen oder Einschnitte in anderen Programmen. Aber MMT hält eine Lektion für Gesetzgeber bereit: Es ist nicht weise, so zu budgetieren, wie es aktuell der Fall ist.

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Warum?
Man muss nicht immer einen Dollar aus der Wirtschaft entfernen, wenn man einen ausgeben will. Heute wollen Politiker eine Überschreitung des Budgets partout vermeiden. Nach dem Motto: Willst Du einen Dollar ausgeben, dann zeig mir, wo das Geld herkommt. So bekommen wir gar nichts – keine Infrastruktur, keinen grünen neuen Deal, keine Gesundheitsversicherung. Das Traurige ist, dass es nicht so laufen müsste. Es könnte billiger sein – etwa 1 Dollar ausgeben, aber nur 50 Cents wieder einzahlen. Wir können unsere Wirtschaft besser auslasten, ohne dass wir die ganze Zeit mit Steuern, Steuern, Steuern drohen.


Wie sind Sie auf die Modern Monetary Theory gekommen?
Die Idee stammt aus Warren Moslers dünnem Büchlein «Soft Currency Economics». Sie kam mir 1997 komplett rückwärtsgewandt vor. Mosler sagt, dass Steuern und Anleihen nicht die Staatsaus­gaben finanzieren. In Wirklichkeit ziehen Steuern Geld aus der Volkswirtschaft ab, sodass es nicht ausgegeben werden kann. Anleihen stellen ein Tauschgeschäft dar, bei dem das Zinsniveau festgelegt wird. Ich begann, ihn in einem Aufsatz zu widerlegen. Mehr als ein halbes Jahr lang las ich die Manuals der Notenbank und des Finanzministeriums, sprach mit Leuten, die dort arbeiteten, und recherchierte, wie die Finanzierung der Regierung funktioniert. Mein Aufsatz beschrieb eine komplexere Geschichte, lief aber auf denselben Endpunkt hinaus. Meine Arbeit überzeugte mich von der Richtigkeit der Gedanken Moslers.
 

Stephanie Kelton

Stephanie Kelton, geboren 1969, ist eine Ökonomin mit Schwerpunkten in Geldtheorie, Beschäftigungspolitik und Fiskalpolitik. Sie studierte in Sacramento, Cambridge und New York. Ihre erste Professur hatte sie an der University of Missouri–Kansas City, seit 2017 lehrt sie an der Stony Brook University des Staates New York. 

MMT kann überhaupt nur funktionieren in Ländern, die Kontrolle über ihre eigene Währung haben. Wäre das auch was für die Schweiz?
Regierungen mit eigener Währung können die Insolvenz auf jeden Fall vermeiden. Das gilt für die Schweiz genauso wie für die USA. Es ist dabei zwingend nötig, die Schulden in der Heimatwährung aufzunehmen, über die man selbst Kontrolle hat. So kann man nicht wie Griechenland, Puerto Rico oder Argentinien in den Default gezwungen werden. Können Sie in der Schweiz alle inländischen Ressourcen ausnutzen? Die Erwerbstätigkeit maximieren? Die Antwort ist ja.

Der Dollar und auch der Franken gelten für die ganze Welt als die «Safe Haven». Könnte sich das ändern, wenn die Defizite steigen?
Schwer vorstellbar. Warum würden Ausländer sich gegen die Währung eines Landes mit gesunder Volkswirtschaft und Vollbeschäftigung entscheiden? MMT will nichts ins Extrem führen. Wir wollen keine Notlage erzeugen, sondern grösstmöglichen Wohlstand. Wir haben die Leute, wir haben die Fabriken – doch die sind nur zu 76 Prozent ausgelastet. Unsere Unternehmen könnten mehr Angebot herstellen. Die Nachfrage fehlt. Vollbeschäftigung würde den Lebensstandard erhöhen – warum sollte irgendwer etwas dagegen haben.

«Die Rolle der Zentralbank ist nicht, das Geld zum Ausgeben im wahrsten Sinne zu drucken.»

Der renommierte Anleihen-Investor Mohamed El-Erian warnt, dass MMT zu einer Stagflation führen könnte – der schlimmsten Art von Inflation.
El-Erian denkt verkehrt über Verschuldung. Er glaubt, dass Regierungen wegen ihrer Defizite immer abhängiger werden von den Kapitalmärkten. Weil es in seinem Denken nur eine endliche Zahl von Dollars da draussen gibt und die Anleger sich entscheiden, wo sie anlegen, steigern höhere Defizite die Zinsen und die Inflation. Er glaubt, dass die Regierung zuerst den Obligationenmarkt anzapft – so wie ich als Privatperson als erstes zur Bank gehe, um einen Kredit zu bekommen, wenn ich ein neues Auto kaufe. Doch der Staat funktioniert völlig anders als ein privater Haushalt: Defizite geben der Wirtschaft Geld, und erst der Geldverleih tauscht dieses Bargeld in Anleihen um.

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Es geht also bei MMT um die Reihenfolge der Transaktionen?
Die Stärke von MMT ist das spezifische Verständnis der Operationen bei der Schöpfung von Geld. Die Rolle der Zentralbank ist nicht, das Geld zum Ausgeben im wahrsten Sinne zu drucken. Die New York Federal Reserve bezahlt jede Rechnung, die der Kongress autorisiert. Dabei bucht sie eine Gutschrift auf das Konto des Empfängers. Niemand nimmt physische Währung in die Hand. Jeder einzelne Dollar in den USA entsteht so. Es gibt keine Druckerei, in der ein Zahnrad die Dollarscheine druckt, die dann gestapelt, gebündelt und ausgeliefert werden. Alles ist elektronisch.

Macht es denn einen Unterschied, wie ein Land sich verschuldet?
Ja. Wir sind mental im Gold-Standard steckengeblieben. Deshalb denken wir, dass Geld ein knappes und endliches Gut ist. Deshalb benutzen Politiker Worte wie «Man muss das Geld finden» – doch was heisst das eigentlich? Das ist hier keine Ostereier-Suche, wo wir unter dem Kissen oder der Matratze nachschauen.

Ist es wichtig, dass die Zentralbank die Zinsen niedrig hält, damit MMT funktioniert?
Das wäre eine gute Sache. Aber es würde auch mit hohen Zinsen gehen, wie damals unter Ronald Reagan: Das Budgetdefizit explodierte wegen Steuersenkungen und gleichzeitig steigender Rüstungsausgaben. Die nationale Verschuldung verdreifachte sich. Und Notenbankchef Paul Volcker hob die Zinsen drastisch an. Das war genau die toxische Kombination, vor der alle warnen – und es ging gut aus. Dreissig, vierzig Jahre später schwärmen alle von Clintons Überschüssen und wollen die Staatsverschuldung abtragen.

«MMT ist ein Projekt einer Gruppe von Leuten, die sich fern vom Mainstream positionieren.»
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Aber Paul Volcker redet noch heute darüber, wie viel Mut und Standhaftigkeit es bedurfte, die Zinsen so anzuheben. Das trieb viele in den Ruin.
Aber es ging. Denn die USA können ja nicht Pleite gehen. Man kann Inflation ­erzeugen und die Zinsen anheben, wenn man die Verschuldung erhöht. Das wachsende Zinseinkommen macht die Besitzer von Staatsanleihen reicher. Netto erzeugen Defizite Finanzvermögen. Das Risiko ist immer die Inflation. Wenn die Notenbank die Zinsen hinaufsetzt und dies ­Hunderte Milliarden Dollar an Zinseinkommen generiert, das Leute für Ausgaben benutzen in einer Wirtschaft mit Vollbeschäftigung, dann erzeugt das Inflation. Dann muss die Zentralbank die Zinsen senken.

Macht es Ihnen zu schaffen, wenn dekorierte Ökonomen wie Nobelpreisträger Paul Krugman Sie öffentlich angehen?
MMT ist ein kollektives Projekt einer Gruppe von Leuten, die sich entschlossen hat, sich fern vom Mainstream professionell zu positionieren. Da gibt es nicht nur sachliche Argumente, sondern auch Hohn und Spott. Man braucht ein dickes Fell. Aber wenn man überzeugt ist, dass die Arbeit richtig und wichtig ist, dann macht man einfach weiter.