ENERGIE. Europäische Verbraucher fürchten schon lange, dass zwei der grössten Erdgaslieferanten des Kontinents, Russland und Algerien, sich zusammenschliessen und gemeinsam die Preise nach oben drücken könnten.

Doch nach Angaben algerischer Offizieller ist nicht nur das Zusammenwirken der beiden Länder erledigt, sie sprechen nicht einmal mehr miteinander: Ein russisch-algerisches Abkommen zur Zusammenarbeit, das 2006 unterzeichnet wurde, ist abgelaufen und wird nicht erneuert werden.Mohamed Meziane, der Vorsitzende der staatlichen algerischen Energiegesellschaft, sagte in einem Interview, die Absichtserklärung, die die algerische Sonatrach im August 2006 mit dem vom Kreml kontrollierten Erdgasgiganten Gazprom unterzeichnet hatte, hätte «nichts Konkretes» ergeben und sei vor ein paar Monaten hinfällig geworden.

Gazprom zeigt wenig Interesse

Bei Unterzeichnung des Abkommens waren Bedenken laut geworden, Moskau könnte versuchen, den europäischen Markt unter Kontrolle zu bekommen. EU-Offizielle waren beunruhigt, ob Russland und Algerien möglicherweise ein Kartell Erdgas produzierender Länder analog zur Organisation Erdöl exportierender Länder, Opec, gründen wollten. Meziane verneinte, dass es bei dem Abkommen um «Preismanipulation» gegangen sei. Er habe gehofft, es würde zur Zusammenarbeit bei der Produktion von Flüssigerdgas (LNG) kommen. Gazprom habe aber an der Technologie, in der das algerische Unternehmen führend ist, wenig Interesse gezeigt. Bei Gazprom wollte man das nicht kommentieren.Nachdem die eigene Erdgasproduktion zurückgeht, steht die EU unter Druck und muss neue Erdgaslieferanten finden. Offizielle Prognosen zeigen, dass die Abhängigkeit der Europäischen Union von Energieimporten bis zum Jahr 2030 auf 70% des Gesamtverbrauchs steigen könnte. Einen grossen Teil davon wird Russlands Erdgas abdecken. Bedenken, die EU verlasse sich zu sehr auf Moskau, nehmen zu, vor allem seit Russland die Erdgaslieferungen an die EU wegen eines Preiskampfes mit der Ukraine im Januar letzten Jahres vorübergehend unterbrochen hatte. Alle Vermutungen, Russland könne sich mit anderen Erdgasproduzenten zusammentun, um seine Marktmacht weiter auszubauen, lösten in Brüssel Ängste aus. Doch Analysten waren nicht überrascht, als der Gazprom-Sonatrach-Deal platzte. «Die Haltung in Europa ist ziemlich paranoid. Sie fürchten, dass Lieferanten sich zusammenschliessen und Preise und Märkte beherrschen, aber diese Verschwörungstheorien sind nicht wirklich stichhaltig», glaubt Jonathan Stern, Leiter Erdgasforschung am Oxford-Institut für Energiestudien. «Alles richtet sich nur am unmittelbaren kommerziellen Vorteil aus.»

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Ehrgeizige Pläne Algeriens

Algerien ist mit 18% Marktanteil Europas drittgrösster Erdgaslieferant nach Russland und Norwegen. Aber das Land hat ehrgeizige Pläne und baut zwei Pipelines unter dem Mittelmeer – eine nach Spanien und eine nach Italien –, die nach Angaben des algerischen Energieministers Chakib Khelil die Exportkapazität in den kommenden drei bis fünf Jahren um fast 50% erhöhen sollen. Ausserdem werden LNG-Anlagen gebaut, um neue Märkte erschliessen zu können. Algeriens Erdgas fliesst traditionell nach Frankreich, Spanien, Italien und Portugal. Doch Flüssigerdgas kann in Tankern transportiert werden und deshalb auch in Länder wie Grossbritannien, die Türkei, Griechenland oder die USA geliefert werden. Meziane berichtet, Algerien hoffe, dass der gesamte Erdgasexport von heute 62 Mrd m3 jährlich bis 2010 auf 85 Mrd m3 gesteigert werden kann.

Frohlocken in Europa

In Europa sieht man diese Pläne mit Wohlwollen. Erst kürzlich machte Gaz de France, das französische Erdgasunternehmen, einen Abschluss über mehrere Mrd Dollar mit Sonatrach perfekt, in dem es seine Lieferverträge für algerisches Flüssigerdgas um fünf Jahre bis 2019 verlängerte. Dies baut auf einen im vergangenen Jahr unterzeichneten 20-Jahresvertrag auf, nach dem Gaz de France 1 Mrd m3 algerisches Erdgas jährlich durch die Medgaz-Pipeline beziehen wird, die nach Spanien führt und im Jahr 2009 in Betrieb genommen wird.Doch bei der Suche nach neuen Märkten in Europa und der Absicherung der bestehenden Vereinbarungen könnte Sonatrach in direkten Wettstreit mit Gazprom geraten. Im Juni unterzeichneten Russland und Italien einen Vertrag zum Bau einer Pipeline, die russisches Erdgas durch das Schwarze Meer nach Europa transportieren soll. Das Projekt, als 50:50-Joint-Venture zwischen Gazprom und Eni, dem italienischen Energiegiganten, geplant, zeigt, dass Gazprom immer tiefer nach Italien vordringt – ein Land, das Sonatrach als seinen angestammten Markt betrachtet.Meziane glaubt nicht, dass Sonatrach in Europa mit Gazprom in Konflikt geraten könnte. «Es ist genug Platz für jeden, Russland, Algerien und andere», sagt er.Allerdings bestehen Zweifel, ob Algerien über genügend Erdgas verfügt, um die Pipelines nach ihrer Fertigstellung zu füllen. Das Land hat nach Angaben von BP Erdgasvorkommen in Höhe von 4,5 Billionen m3. Doch angesichts des Wachstums der eigenen Wirtschaft steigt auch die Inlandnachfrage.

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