Das Handschuhfach des schwarzen Mittelklassewagens erwies sich wortwörtlich als Goldgrube. Durch eine Öffnung an der Rückwand förderte der Beamte der Guardia di Finanza nach und nach mehrere kleinere Pakete zutage. Am Ende lagen acht in Packpapier und ­Folie eingeschlagene Quader auf dem Armaturenbrett. Als die Beamten die Fracht auspackten, stiessen sie auf pures Gold.

Bald entdeckten sie auch in anderen Autos die wertvolle Fracht. Sie steckte in doppelten Böden im Kofferraum oder in den ­Seitentüren. Eine kriminelle Organisation schmuggelte so im vergangenen Jahr 4500 Kilogramm Gold und 11000 Kilogramm Silber mit einem Gegenwert von 183 Mil­lionen Euro. Gesteuert wurden die Geschäfte laut den Untersuchungsbehörden von der Schweiz aus.

Sturm auf die Villen

Das illegale Netz flog im Rahmen der gross angelegten Operation Fort Knox auf. Sie wurde nach einer Villa in der Stadt Arez­zo benannt, welche der Organisation als Stützpunkt diente und so gut geschützt war, dass sie den Übernamen des legendären amerikanischen Goldbunkers erhielt.

In den Morgenstunden des 8. Novembers 2012 führte die Guardia di Finanza in elf Regionen Italiens gleichzeitig 259 Durchsuchungen durch. Sie blockierte 500 Bankkonti und verzeigte 118 Personen. Über Ankauflokale soll die Orga­nisation Altgold gekauft und zusammen mit gestohlenem Edelmetall eingeschmolzen haben.

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Die Gelder zum Kauf des Goldes gelangten gemäss den Behörden auf betrügerische Weise nach Italien, das eingekaufte Gold wurde wiederum auf betrügerische Weise in die Schweiz gebracht. Hiesige Schmelzen hätten es dann in Barren gegossen. Die Anklagen gegen die ­Organisation lauten entsprechend auf Geldwäsche, Hehlerei und Steuerbetrug.

In welchen Schweizer Edelmetallschmelzen das Gold in Barren gegossen wurde und welche Banken in den Fall verwickelt sind, will Oberleutnant Ernesto Bruno als Sprecher der Guardia di Finanza nicht sagen und verweist auf die laufenden Untersuchungen.

Geldwäscherei und illegalen Abbau

Der Fall Fort Knox trifft die zwei Schweizer Edelmetall-Scheideanstalten, nur wenige Monate nachdem sie wegen Goldimporten aus Peru 2012 in die Kritik geraten sind. Auch damals ging es um Geldwäscherei und illegalen Abbau. Insgesamt soll dabei Gold im Wert von 900 Millionen Dollar in die Schweiz exportiert worden sein.

Als mutmassliche Abnehmerin wurde die Genfer Handelsfirma MKS als Besitzerin der Schmelze Pamp in Castel San Pietro TI genannt, sowie Metalor in Neuenburg NE. Beide Unternehmen weisen die Vorwürfe des illegalen Handels zurück. «Das durch uns importierte peruanische Gold ist nicht ­illegal», erklärt MKS.

Die Schweizer Goldschmelzen geraten regelmässig im Zusammenhang mit Geldwäscherei und Handel mit illegalem Gold in die Schlagzeilen. Anders als die Finanzbranche, welche in den vergangenen Jahrzehnten dank strikter Regeln und einer strengen Überwachung den Ruf des Steigbügelhalters für die organisierte Kriminalität langsam verlor, fehlt im Goldhandel eine wirkungsvolle Kontrolle.

Dies ist umso erstaunlicher, als dass in diesem Markt jährlich Milliarden über die Schweiz abgewickelt werden. «Internationale Geldwäsche-Organisationen ziehen sich vermehrt aus dem regulierten Finanzmarkt zurück und weichen auf den kaum geregelten Edelmetallmarkt aus», erklärt Daniel Thelesklaf, Schweizer Geldwäschereiexperte und neuer Leiter der Stabsstelle Financial ­Intelligence Unit (FIU) im Fürstentum Liechtenstein.

Bei der Goldverarbeitung handle es sich um ein Segment, in dem die Gefahr ­zunehme, dass es für die Geldwäscherei missbraucht werde. «Der Markt ist kaum sichtbar, sehr auf Diskretion bedacht und nur von wenigen Profis beherrscht», so Thelesklaf.

Beste Voraussetzungen

Es wären beste Voraussetzungen also, um schmutziges Geld unbekannter Herkunft reinzuwaschen, zumal Gold sehr ­liquid ist. Durch den stark gestiegenen Wert hat sich zudem der Nachteil früherer Jahre reduziert, der mit dem hohen Gewicht einherging. Schliesslich bietet die Goldverarbeitung einen entscheidenden Vorteil, um kriminelle Spuren zu ver­wischen: Sobald das Edelmetall eingeschmolzen ist, lässt sich seine Herkunft kaum mehr rekonstruieren.

Gänzlich unreguliert ist indes auch der Goldmarkt nicht. Der Handel mit Bank­edelmetallen, insbesondere mit Goldbarren, ist dem Geldwäschereigesetz unterstellt und wird von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma überwacht. Die Akteure unterstehen einer strengen Sorgfaltspflicht, vergleichbar mit jener der Finanzbranche.

«Ein Händler muss unter anderem seine Vertragspartei identifizieren und die wirtschaftlich berechtigte Person kennen sowie weitergehende Abklärungspflichten vornehmen, wenn erhöhte Geldwäschereirisiken erkannt werden», erklärt Finma-Sprecherin Christina Bürgi. Bei einem begründeten Verdacht müssen Edelmetallhändler zudem eine Meldung an die Meldestelle für Geldwäscherei im Bundesamt für Polizei machen.

Sturm auf die Villen

Doch es gibt eine gewichtige Aus­nahme. Nicht dem Geldwäschereigesetz ­unterstellt ist der Handel mit Schmelzgut, Edelmetallwaren, Halbfabrikaten, Plaqué- und Ersatzwaren. «Mit anderen Worten, der Handel nur mit Rohgold sowie der Handel mit Schmuckstücken gelten nicht als Finanzintermediation und brauchen keinen Anschluss an eine Selbstregulierungsorganisation oder eine Finma-Bewilligung», weiss Bürgi.

So erstaunt es kaum, dass der Goldhandel in der Schweiz bisher unter dem Radar der Geldwäschereibekämpfung blieb und die Fallzahlen, die in den letzten Jahren den Behörden gemeldet wurden, äusserst gering ausfielen. Von den 9011 Mitteilungen an die Meldestelle in den letzten zehn Jahren waren nur gerade 11 mit dem Handel von Edelmetallen verbunden. «Die Meldungen diesbezüglich sind sehr selten», bestätigt Fedpol-Sprecherin Danièle Bersier, «2011 war es nur eine.»

Einfuhr von Rohgold verdoppelt

Die geringe Zahl lässt aufhorchen angesichts der grossen Bedeutung, die der Schweiz im internationalen Goldhandel zukommt. Konzentriert man sich auf die Einfuhr von Rohgold, dem bedeutendsten Bereich im Handel, so verdoppelte dieser sich laut der Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung in den letzten zehn Jahren. 2011 belief sich der Wert des importierten Rohgoldes auf fast 95 Milliarden Franken. Dies entspricht knapp einem Drittel der gesamten Importe der Eidgenossenschaft.

Die Gesamtmenge des 2011 in die Schweiz importierten Rohgoldes liegt mit 2677 Tonnen nur wenig unter der Gesamtmenge des im selben Jahr weltweit geförderten Goldes. Experten sind sich einig: Ein Grossteil des Edelmetalles, welches weltweit verarbeitet wird, findet irgendwann seinen Weg in die Schweiz.

Zumeist gelangt das wertvolle Gut in eine der vier führenden Raffinerien in der Schweiz. Sie gehören zu den zehn grössten Goldverarbeitern weltweit. Die hohe Dichte der Edelmetallschmelzen hierzulande ist auf ihre enge Verbindung zur Finanzbranche zurückzuführen.

So gehörte die Neuenburger Metalor, mit einer Kapazität von 650 Tonnen pro Jahr die Nummer eins am Markt, früher der UBS-Vorläuferin Schweizerischer Bankverein. Valcambi in Balerna TI als die Nummer zwei war eine Tochter der Credit Suisse und Argor-Heraeus in Mendrisio TI eine der UBS-Vorläuferin Schweizerische Bankgesellschaft.

Inzwischen trennten sich die Geldinstitute von den Scheide­anstal­ten. Argor-Heraeus ist ein selbstständiges Unternehmen, Metalor gehört der französischen Investmentgesellschaft Astorg Partners. Valcambi wurde 2003 von der amerikanischen Newmont Mining übernommen, dem grössten Goldförderer der Welt. Pamp schliesslich ist die jüngste der vier grossen Schweizer Raffinerien und gehört der privaten Finanzgesellschaft MKS mit Sitz in Genf. Die Raffinerie wurde 1979 vom libanesischen Geschäftsmann Marwan Mahmoud Shakarchi gegründet.

Hohe Diskretion birgt Probleme

Gewachsen sind parallel zur Bedeutung der Schmelzen auch das Ansehen und der hohe Standard der Schweizer Unternehmen in der Goldverarbeitung. Dieses Vertrauen in die Anstalten ist wichtig, da die Förderer und Verwerter den Fabriken ein sehr hohes Vermögen anvertrauen. Zudem ist das Umwandeln von Altgold in Barren technisch anspruchsvoll. Kein Wunder also, figurieren die vier Unter­nehmen mit zwei weiteren Schweizer Raffinerien, der Bieler Cendres + Métaux sowie PX Précinox aus La Chaux-de-Fonds NE, auf der Liste der guten Lieferanten der London Bullion Market Association. Die Liste besagt, dass der gewünschte Goldreinheitsgehalt bei den Barren dieser ­Unternehmen erfüllt ist und ihre Goldbarren am weltweit grössten Handelsplatz für Gold gehandelt werden können.

Das hohe Ansehen der Firmen ist denn auch ein wichtiger Grund, weshalb kriminelle Organisationen den Weg über die Schweizer Scheideanstalten wählen, wenn es um die Verarbeitung geht. «Dass die Italiener ihr Gold in die Schweiz brachten, liegt wohl an der hohen Verlässlichkeit der hiesigen Schmelzen», sagt Patrick Huber, Edelmetallhändler und Geschäftsführer von Münzen Huber in Aarau. Hinzu komme, dass die Dokumentationspflicht in Italien in den letzten Monaten deutlich verschärft worden sei.

Angaben  nur noch als Ganzes aufgeführt

Indirekt begünstigt wird die Geldwäscherei auch durch einen Beschluss des Eidgenössischen Finanzdepartements aus dem Jahr 1981, der den Schleier um die ohnehin schon verschwiegene Branche noch weiter hochzog. Statt die Ein- und Ausfuhren von Münzen und Barren wie zuvor in einer separaten Statistik zu dokumentieren, werden die Angaben seither nur noch als Ganzes aufgeführt. Damit sollten laut einem Bericht der Gesellschaft für ­bedrohte Völker die Handelsbeziehungen der Schweiz mit dem Apartheidsregime in Südafrika vertuscht werden.

Noch heute profitieren die Raffinerien davon. Oder wie sich ein Zollbeamter gegenüber dem­ «Tages-Anzeiger» einmal ausdrückte: «Exporteure in die Schweiz schätzen es, dass Details, woher das Gold kommt, in Einzelstatistiken nicht ausgewiesen werden.» Anders sieht dies Valcambi-Chef Michael Mesaric: «Es ist ein Entscheid des Bundes, wir sträuben uns nicht dagegen, die Herkunft des Goldes bekannt zu geben.»

Bei der Schweizerischen Edelmetallkontrolle, die der Zollverwaltung angegliedert ist, gilt das Augenmerk nur den reinen Zollformalitäten. «Das Gold muss an der Grenze richtig deklariert werden», erklärt ein Sprecher der Behörde. An die Einfuhr des gelben Metalles seien keine bestimmten Bestimmungen geknüpft. «Die Überprüfung, woher das Edelmetall stammt, untersteht den einzelnen Scheide­anstalten selbst.»

Wie ein solches Unterfangen in der Praxis aussieht, zeigt das Beispiel der ­Tessiner Anbieter Argor-Heraeus und Valcambi. Die Edelmetallschmelzen verweisen auf die geltenden Geldwäschereirichtlinien sowie die Aufsicht der Finma, der die Gesellschaften unterstellt sind. «Neben den gesetzlichen Vorschriften und den internationalen Bestimmungen des Sektors unterzieht Argor-Heraeus seine Kunden einer harten Überprüfung», ergänzt Firmensprecher Michele Terraneo.

Dies beinhalte sowohl interne wie auch externe Kontrollen auf diversen Ebenen. Ein lückenloser Zahlungsfluss, die Angabe von Kundennamen der Klienten sowie Informatikhilfsmittel helfen den Schmelzen bei der Kontrolle der Herkunft. «Selbst wenn wir das Gold direkt von einer Mine kaufen, schlägt ein internes System Alarm, sollte mehr geliefert werden, als die Mine hergibt», erklärt Valcambi-Chef Mesaric.

In Bezug auf das aus Italien geschmuggelte Gold schliessen Argor-Heraeus, Valcambi und Pamp eine Verwicklung ihrer Firma aus. «Alleine schon wegen der Tatsache, dass wir kein Edelmetall akzeptieren, welches nicht von einem offiziellen Zolldokument begleitet ist», sagt Argor-­Heraeus-Sprecher Terraneo. Die Anfrage bei Metalor blieb unbeantwortet.

Unkontrollierter Markt im Ausland

Sukkurs erhalten die Schweizer Scheide­anstalten von Paolo Bernasconi, dem früheren Staatsanwalt des Kantons Tessin und Spezialisten für Geldwäscherei. «Die Probleme, die aus der mangelnden Herkunftsdeklaration erwachsen, sind nicht auf die Tätigkeit von Goldschmelzen zurückzuführen, sondern auf den Bereich der Unterhändler.»

Der Experte ortet die Gefahren in den Ursprungsländern. «In den angrenzenden Staaten florieren seit einigen Jahren kleine Läden, wo Goldjuwelen gekauft werden», weiss er. Die Zahl solcher Läden sei so ­gewaltig gestiegen, dass eine Kontrolle ­unmöglich geworden sei. «Deswegen fielen viele von ihnen unter die direkte oder indirekte Kontrolle der organisierten Kriminalität, die sich insbesondere in Norditalien konzentrierte.»

Den Einzug der Kriminalität erleichtert hat die Angst der Steuersünder vor wirksameren Massnahmen zur Bekämpfung der Steuerflucht. Ein ähnliches ­Phänomen erkannte Bernasconi vor Jahrzehnten, als sich ein gewaltiger internationaler Devisenschmuggel etablierte.

International wurde die Problematik der Geldwäscherei im Goldhandel mittlerweile erkannt. So schaltete der internationale Arbeitskreis Massnahmen zur Geldwäschebekämpfung FATF im Sommer Richtlinien für Goldhändler auf.

In der Schweiz dagegen ist im Gegensatz zu anderen heiklen Bereichen keine Anpassung der Geld­wäschereibestimmungen vorgesehen. «Eine Ausweitung, wie sie derzeit in anderen ­Bereichen wie dem Immobilien- oder Kunsthandel diskutiert wird, ist bisher kein Thema», erklärt Danièle Bersier von der Fedpol.