Klemen ist 18 Jahre alt. Im Juni hat der junge Zürcher seinen Geburtstag gefeiert. Endlich. Denn endlich ist er volljährig und darf Aktien kaufen. Gesagt, getan. Heute, knapp vier Wochen später, ist er im Besitz von 6060 Aktien, 5500 von Lithium Americas und 560 von der UBS. «Von meinen Eltern habe ich zu meinem 18. Geburtstag 10'000 Franken geschenkt bekommen, das wollte ich nicht einfach auf dem Konto liegen lassen», sagt Klemen, der sich im zweiten Lehrjahr bei der UBS befindet. Also holte er sich Rat bei seinem Ausbilder. «Der hat mir dann verschiedene Unternehmen empfohlen.»

Obwohl es sich bei Lithium Americas um eine relativ kleine Firma aus Kanada handelt, investierte Klemen 4000 Franken. Seine Risikobereitschaft zahlte sich nach zwei Wochen aus: Um 30 Prozent kletterte der Kurs nach oben. Erfolgsmomente, die den jungen Mann mutiger werden liessen: «Für 7500 Franken habe ich mir dann noch UBS-Aktien gekauft, weil die relativ günstig waren.» Heute wären sie noch günstiger.

Mit seinen 18 Jahren zählt Klemen zur Generation Y: Jene, die zwischen 1980 und 1998 geboren, mit digitaler Technologie und Social Media aufgewachsen sind. Doch ist Klemen repräsentativ für die Millennials? Und wie ticken junge Erwachsene in Finanzfragen?

Überzogene Erwartungen

Dieser Frage ist die Investmentfirma Schroders in einer globalen Studie nachgegangen, an der 20'000 Privatanleger aus 28 Ländern teilnahmen, und stellt fest: Was die erzielbare Rendite ihrer Investitionen angeht, fehlt den Millennials jegliches Augenmass. Im Schnitt halten sie Gewinne von 10,2 Prozent für den Normalfall. Ältere Anleger würden sich hingegen mit 8,4 Prozent zufrieden geben.

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Zum Vergleich: Die durchschnittliche Rendite an den interna­tionalen Aktienmärkten lag in den vergangenen zwölf Monaten bei unter 4 Prozent. Und die Zinsen in den meisten entwickelten Ländern liegt nahe oder unter null.

Immerhin: In der Schweiz erwartet die Mehrheit der befragten Millen­nials (69 Prozent) eine Rendite von weniger als 10 Prozent. Veronica Weisser, Vorsorgeexpertin bei der UBS, stimmt dem grundsätzlich zu. «Die Millennials verfügen über erste Spargelder und wollen diese vermehren. Ihr Optimismus verleitet sie dabei zu einer höheren Renditeerwartung», so Weisser.

«Beunruhigend kurzfristigen Anlageausblick»

Gemäss der Schroders-Studie ist das nicht das einzige Problem. Die Generation Y hat einen «beunruhigend kurzfristigen Anlageausblick», wie die Schroders-Experten schreiben: 63 Prozent halten ihre Geldanlage für weniger als zwei Jahre. 41 Prozent erklärten in der Studie sogar, ihr Anlagehorizont betrage weniger als zwölf Monate.

Das Problem: Bei Ak­tien erweist sich dieser Zeitrahmen häufig als zu kurz, um die natürlichen Wertschwankungen ausgleichen zu können. In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild: Gut die Hälfte der Millennials hält ihre Geldanlage für weniger als zwei Jahre. Einen Anlagehorizont von weniger als einem Jahr haben fast vier von zehn Befragten.

Unmittelbaren Finanzbedarf im Blick

Der kurze Anlagehorizont ist da­rauf zurückzuführen, dass die Generation Y ihren unmittelbaren Finanzbedarf im Blick hat, statt an langfristige Erträge zu denken. So geht es den Millennials bei ihren Investments am häufigsten darum, ihr Gehalt aufzustocken. Der Gedanke an Einkünfte im Ruhestand ist noch nicht in ihr Bewusstsein gedrungen.

So auch bei Klemen, dem es vor allem um den Nervenkitzel geht: «Jetzt bin ich jung und kann mit meinem Geld spielen. Und in zwei Wochen einen ganzen Lehrlingslohn verdienen zu können, ist schon reizvoll.» Konkrete Renditeerwartungen habe er dabei nicht, «Hauptsache, unterm Strich kommt ein Plus raus». Doch nur kurzfristig spekuliere er nicht.

Bekommen schnell Panik

Zwar planen Millennials, ihre Aktien langfristig zu halten, bestätigt UBS-Vorsorgeexpertin Weisser. Doch in der Realität hielten sie ihre Absichten oft nicht ein. «Sobald eine Krise kommt, bekommen sie Panik und verkaufen», sagt Weisser.

Studien zeigen, dass Frauen deutlich konservativer anlegen als Männer, weil sie risikoscheuer seien. Doch der Expertin zufolge ist dieses Gefühl eine «Pseudo-Sicherheit». «Wegen der Gefahr von Inflation, Krisen und negativen Zinsen ist ein Anlegen ohne Risiko heute noch viel gefährlicher als in der Vergangenheit», erklärt die Expertin.

Ruhe bewahren

Weisser rät daher zu mehr Risiko. Ihre Faustregel: «Der Aktienanteil sollte gleich sein: 100 minus das Alter.» Das heisst: Einem 18-Jährigen wie Klemen empfiehlt sie, 82 Prozent Aktien zu halten. «Wichtig ist nur, dass die Jungen in Krisen die Ruhe bewahren.»

Derweil plant Klemen seinen nächsten Aktienkauf. Im Visier hat er die Credit Suisse. «Ich bin zuversichtlich, dass die CS sich wieder erholen wird. Ich zögere nur mit dem Kauf, weil ich nicht noch mehr Geld in die Bankenbranche investieren will.» Ob nun Banken oder nicht, Klemen hat Blut geleckt: «Ich werde immer ein paar tausend Franken auf der Seite lassen. Ergibt sich dann eine gute ­Gelegenheit, werde ich wieder zuschnappen.»