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IPO
Nach dem Uber-Debakel: Platzt die Blase im Silicon Valley?

NEW YORK, NEW YORK

Uber wagte am vergangenen Freitag seinen Börsengang in New York.

Quelle: Getty Images

Investoren verloren beim Uber-IPO letzte Woche Millionen. Experten sehen Hinweise darauf, dass nun die Luft aus einer riesigen Blase weicht.

Von Holger Tschäpitz («Die Welt»)
am 14.05.2019

Es sollte nichts weniger werden als der Start in ein neues Zeitalter. Ein Zeitalter, das mit UFAANG bereits einen eigenen Namen hatte. Der lange erwartete Börsengang von Uber sollte den Fahrdienstleister in eine Liga mit den Big-Tech-Giganten FacebookApple Amazon, Netflix und Google katapultieren, die bislang für das Akronym FAANG stehen. So lautete zumindest der Plan, mit dem die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley auf Anlegerfang ging.

Doch das UFAANG-Zeitalter ist erst mal abgesagt. Der Börsengang von Uber wurde am vergangenen Freitag zu einem regelrechten Desaster. Gleich am ersten Tag krachte die Aktie acht Prozent unter ihren Ausgabepreis. Investoren, die die Papiere zu 45 Dollar gezeichnet hatten, machten gleich zum Auftakt einen Verlust von gut 650 Millionen Dollar.

Das ist ein historischer Negativrekord für den ersten Börsentag. Und der Ausverkauf setzt sich fort. Uber-Papiere verloren zum Wochenstart knapp zehn Prozent an Wert und rutschten sogar unter die Marke von 40 Dollar.

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Der Zeitpunkt für den Börsengang war natürlich alles andere als optimal. Die Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China hatte die Stimmung an den Märkten deutlich eingetrübt. Experten sehen im Uber-Börsengang jedoch ein generelles Umdenken. Nicht mehr jedes hippe Unternehmen aus dem Silicon Valley, und sei es noch so defizitär, kann jetzt noch problemlos an die Börse gehen.

Der verpatzte Uber-Börsengang könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich um die Starups eine Spekulationsblase gebildet hat, aus der nun die Luft weicht. In den vergangenen Wochen hatte bereits die Aktie des Uber-Konkurrenten Lyft im Börsen-Crashtest 40 Prozent an Wert verloren.

«Der Markt hat negativ auf eine gemeinsame Realität reagiert, dass sowohl Lyft als auch Uber mit einem grundlegend defekten Geschäftsmodell zu kämpfen haben», sagt Len Sherman, Professor an der Columbia Business School in New York. «Uber hat schneller als jedes Startup in der Geschichte mehr Geld verbrannt, ohne einen klaren Weg zur Profitabilität.»

Tatsächlich sind die Verluste des Unternehmens historisch. Seit 2014 hat der Fahrdienstleister 13,2 Milliarden Dollar verloren. Bis Ende 2020 sollen sich die Verluste auf 22 Milliarden Dollar summieren. Dass sich dennoch genügend Investoren gefunden haben, die Uber geordert haben, lässt sich nach Ansicht von Experten nur mit der Psychologie der Anleger erklären. Viele fürchten, die nächste grosse Erfolgsgeschichte nach Amazon zu verpassen. Die Aktie des Onlinehändlers hat sich seit dem Börsengang 1997 von ihrem Ausgabepreis bei 18 Dollar weit mehr als verhundertfacht.

Uber-Aktie fällt auch am zweiten Börsentag

Lesen Sie mehr zum Verlauf der Uber-Aktie hier

Mit Amazon vergleicht sich auch Uber selbst gern. Davor allerdings warnt Columbia-Professor Sherman. Zwar hat auch Amazon zum Zeitpunkt des Börsenganges keinen Gewinn gemacht und verzeichnete bis 2002 Verluste. Doch das aufgelaufene Minus betrug bis dahin lediglich drei Milliarden Dollar. So viel Verlust macht Uber in zwei bis drei Quartalen.

Bei Amazon brachte der Cloud-Service AWS die Wende. Für dieses Jahr rechnen Analysten dem Finanzdienst Bloomberg zufolge mit einem operativen Gewinn von rund 20 Milliarden Dollar. Bei Uber hingegen sind schwarze Zahlen bis auf Weiteres nicht geplant.

Das war bis vor Kurzem auch kein Problem. Da herrschte im Silicon Valley noch ein ganz anderes Denken. Digitale Firmen müssten alles tun, um möglichst schnell möglichst viele neue Kunden zu gewinnen. Es gelte, eine Plattform im jeweiligen Sektor aufzubauen und dabei den Netzwerkeffekt zu nutzen. Demzufolge steigt der Wert eines Internet-Angebots mit der Zahl seiner Nutzer und zwar exponentiell. Wer die Plattform als Erstes aufgebaut hat, ist der Sieger. „Winner takes all, der Gewinner bekommt alles“, heißt dieses Prinzip der Digitalwirtschaft. Im Klartext: Der Sieger des Rennens errichtet eine Art Monopol, das sich später zu Geld machen lässt. Entsprechend liefern sich die Start-ups ein brutales Kopf-an-Kopf-Rennen. Das Phänomen des schnellen Wachstums um jeden Preis wird im Jargon „Blitzscaling“ genannt.

Auch Uber hat das Ziel, zur führenden Plattform für Mobilität zu werden. Einen Markt im Volumen von nicht weniger als zwölf Billionen Dollar hat der Fahrdienstleister im Blick. Allerdings bezweifeln Experten, dass sich bei der Mobilität ähnliche Monopole schaffen lassen wie es Google mit der Internetsuche und der Web-Werbung gelungen ist oder Facebook mit den sozialen Medien. Ubers Wachstum verlangsamte sich im ersten Quartal auf 5,8 Prozent, während die Verluste auf über eine Milliarde Dollar in die Höhe schnellten.

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Die besten Zeiten könnten vorbei sein

Ein Problem: Schon jetzt wird es immer schwieriger, Fahrer zu finden, die mit ihrem eigenen PKW Taxidienstleistungen durchführen. Der Job ist schlecht bezahlt und in einem ohnehin engen amerikanischen Arbeitsmarkt nicht sonderlich attraktiv. Würden die Fahrer die Abnutzung ihrer eigenen Autos mitkalkulieren, würde wohl niemand mehr für Uber fahren, witzelte ein Experte.

Für weitere Börsengänger ist Uber ein Menetekel. Im Silicon Valley gibt es nach Angaben des „Economist“ derzeit 88 Unternehmen mit einem Börsenwert von mehr als einer Milliarde Dollar, sogenannte Unicorns. Einige planen ihr Debüt noch dieses Jahr, etwa Slack, ein Anbieter von Mail-Lösungen, oder WeWork, ein Co-Working-Anbieter, der Arbeitsplätze vermietet. Auch WeWork macht hohe Verluste. Das Unternehmen wurde zuletzt noch mit 47 Milliarden Dollar bewertet. Doch der Betrag dürfte nun deutlich gesunken sein.

«Der irrationale Bewertungsüberschwang kann nicht dauerhaft währen», sagt Fernando Pertini, Chef der Anlagegesellschaft Millenia Asset Management. Der Run von Silicon-Valley-Unternehmen an die Börse ist für ihn ein deutliches Zeichen dafür, dass die besten Zeiten erst mal vorbei sind.

Experten rätseln nun, ob es sich lediglich um eine Übertreibung bei den vorbörslichen Firmen handelt, oder aber die Uber-Ernüchterung auch bei gelisteten Unternehmen Spuren hinterlässt. Die Daten lassen keinen eindeutigen Schluss zu. Zwar ist der Anteil der Tech-Firmen an der gesamten Börsenkapitalisierung wieder so hoch wie zu Zeiten der New-Economy-Euphorie um die Jahrtausendwende. Die FAANG-Aktien sind beispielsweise 60 Prozent mehr wert als sämtliche deutsche Börsengesellschaften zusammen. Allerdings macht Big Tech heute viel grössere Gewinne als im Jahr 2000. Und genau das unterscheidet FAANG auch von Uber.

Dieser Text erschien zuerst in «Die Welt» unter dem Titel «Im Silicon Valley beginnt nach dem Uber-Desaster eine neue Zeitrechnung»