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Ausblick
Ölpreissturz sorgt 2015 für riesige Umverteilung

Der Ölpreisverfall treibt Länder wie Russland oder Venezuela an den Rand des Ruins. Andere Volkswirtschaften – wie die Schweiz – profitieren jedoch. Die Weltkonjunktur erhält einen Schub.

Von Mathias Ohanian
am 16.12.2014

Eine Halbierung des Ölpreises hatte Anfang Jahr kein Experte erwartet. Da brauchte es schon Steen Jakobsen. Jedes Jahr im Dezember präsentiert der Chefökonom der Saxo Bank zehn irrwitzige und provokante Prognosen für die kommenden zwölf Monate, selten ganz ernst gemeint. Mit seiner Vorhersage Ende 2013, dass der Ölpreis in diesem Jahr auf 80 Dollar pro Fass fallen könnte, lag er jedoch richtig. Schaut man darüber hinweg, dass ein Fass der Nordseesorte Brent heute mit knapp 60 Dollar sogar noch deutlich weniger kostet.

Aber wie konnte es dazu kommen? Fachleute sind sich weitgehend einig: Einerseits hat die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten an Fahrt eingebüsst. Die Nachfrage nach dem schwarzen Gold schwächelt deshalb stärker als zunächst angenommen. Gleichzeitig ist das Angebot an Öl auf dem Weltmarkt mit dem Fracking-Boom in den USA deutlich gestiegen. Beide Faktoren trugen demnach massgeblich dazu bei, dass allein im zweiten Halbjahr 2014 der Preis für Brent um mehr als ein Drittel nachgegeben hat.

US-Frackingfirmen sind die Verlierer des Ölpreissturzes

Der massive Preisverfall hat globale Auswirkungen. Es kommt zu einer gigantischen Umverteilung der Kräfteverhältnisse. Das Nachsehen haben freilich die ölproduzierenden Länder. Die Auswirkungen sind nicht zu übersehen: die monoökonomisch auf Öl ausgerichtete russische Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch. Die Moskauer Börse brach gestern heftig ein, ebenso der Wert des Rubel. Andere Ölländer wie Venezuela stehen kurz vor dem Staatsbankrott.

Als weitere Leidtragende gelten diverse US-Frackingfirmen, für die es sich beim aktuellen Ölpreis nicht mehr rentiert, das schwarze Gold zu fördern. Diverse Fachleute prognostizieren deshalb, dass immer mehr Produzenten in Texas und anderen US-Bundesstaaten in den kommenden Monaten aufgeben werden. So sprach Dan Eberhart von der Ölservicefirma Canary in Denver gegenüber dem «Economist» jüngst von einem bevorstehenden «Schieferöl-Crash» in den USA.

Konsumenten rund um den Globus profitieren

Laut Christoph Schenk, Investmentchef bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), liegen die Grenzkosten der meisten Opec-Länder bei 30 bis 40 Dollar pro Fass, bei den US-Schieferölproduzenten hingegen bei 60 Dollar. Auch diese Einordnung spricht dafür, dass Amerikas Aufsteigerfirmen gegenüber den traditionellen Ölförderern eher das Nachsehen haben.

Die Profiteure hingegen sind die Konsumenten rund um den Globus. Ein nachhaltiger Preisrückgang um 40 Dollar könnte ihnen eine Ersparnis von über 1,3 Billionen Dollar pro Jahr bescheren, rechneten jüngst die Ökonomen von Raiffeisen Schweiz vor. Das enspricht rund 1,5 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Der Ölpreisrückgang wirkt also wie ein globales Konjunkturpaket. Dies gilt vor allem deshalb, weil einfache Konsumenten in den USA, Europa oder der Schweiz mit mehr Kaufkraft stärker die Wirtschaft anschieben als Ölproduzenten ihre Ausgaben bei sinkenden Gewinnen einschränken.

«Wirkung auf die Schweizer Wirtschaft positiv»

Für den durchschnittlichen Schweizer Haushalt bringen die tieferen Ölpreise laut ZKB-Investmentchef Schenk über günstigere Heizkosten oder billigeres Benzin eine Entlastung von rund 60 Franken im Monat. Das erhöhe den Spielraum. «Auf der Unternehmerseite sind die gesunkenen Inputkosten noch spürbarer», so Schenk. Die Weitergabe von Preissenkungen verzögere sich allerdings und sei nicht vollständig. «Die Wirkung auf die Schweizer Wirtschaft ist also positiv, wenn auch insgesamt nur leicht spürbar», sagt Schenk.

Wegen der geringeren Steuern an den Zapfsäulen dürfte der positive Effekt für die US-Wirtschaft noch etwas höher ausfallen als hierzulande – sofern die Ölpreise in den kommenden Monaten nicht wieder einen Satz nach oben machen. Trotz der allgemein für 2015 erwarteten geringeren Fracking-Produktion in den USA rechnet kein Experte mit einem baldigen Anstieg des Ölpreises auf 100 Dollar. Vielmehr gehen die meisten Fachleute von einem Wert um die 70 bis 80 Dollar im Schnitt 2015 aus – auch das wäre noch deutlich weniger als in den vergangenen Jahren. Und für Steen Jakobsen fast ein Punktlandung.

Im Rahmen der fünfteiligen Serie von handelszeitung.ch zum Ausblick auf das kommende Jahr folgen die Themen Gold und Schweizer Zinsen.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie «Ausblick 2015» zur Schweizer Wirtschaft

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie «Ausblick 2015» zur Schweizer Börse

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