Bis jahrelange Manipulationen den Libor in Verruf brachten, galt der Geldmarktsatz als wichtigste Zahl der Welt. Spätestens Ende 2021 wird er nun durch nationale Zinssätze abgelöst. Auch in der Schweiz rückt die Ablösung des Schweizer Franken-Libor-Referenzzinses durch den Saron (Swiss Average Rate Overnight) näher. Davon betroffen sind nicht nur Banken, sondern auch Schweizer Unternehmen und Hausbesitzer.

Früher war der Libor für den Handel zwischen den Banken entscheidend, doch die Finanzkrise 2008 hat zu einem enormen Vertrauensverlust geführt. Der Libor-Handel unter den Banken ist seither massiv zurückgegangen, so dass der Libor-Zinssatz fast nur noch auf Expertenschätzungen basiert. Weil immer weniger Transaktionen in Libor getätigt werden, ist er sehr anfällig für Manipulationen

Der Skandal um die Manipulation bei der Berechnung des Libor-Zinssatzes war 2012 bekannt geworden. Dafür verantwortlich waren die Händler mehrerer Grossbanken: Besonders im Visier standen etwa die britische Barclays, HSBC oder die Deutsche Bank, die Millionenbussen zahlen mussten. Auch Credit Suisse und UBS gerieten ins Visier der Aufsicht.

Die britische Finanzmarktaufsicht, die den Libor (London Interbank Offered Rate) jahrelang bestimmte, lässt ihn daher bis Ende 2021 auslaufen. Weltweit wird er durch mehrere neue Referenzsätze ersetzt. In der Schweiz wird der Saron künftig von der Börsenbetreiberin SIX berechnet, welche den Referenzzinssatz bereits 2009 gemeinsam mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) entwickelt hat.

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Privatwirtschaft und der SNB hat im vergangenen Jahr beschlossen, den Libor durch den Saron zu ersetzen. Hierzulande sind eine Vielzahl von Finanzinstrumenten mit einem Volumen von 6,5 Billionen US-Dollar gekoppelt – die meisten Verträge an den Drei- oder den Sechs-Monate-Libor. Weltweit sind Finanzverträge in Höhe von rund 350 Billionen Dollar an den Libor gebunden. 

Libor-Hypotheken von 200 Milliarden

Bisher basieren die Preise von rund 80 Prozent aller Kredite auf dem Libor. Demgegenüber spielt der Libor für Hypotheken eine geringere Rolle: Etwa 15 bis 20 Prozent des gesamten Hypothekarvolumens basieren auf dem Libor – das entspricht einem Kreditvolumen von etwa 150 bis 200 Milliarden Franken, schätzt Martin Bardenhewer, Co-Vorsitzender der Nationalen Arbeitsgruppe. «Viele Hypotheken werden jedoch früher auslaufen als die geplante Aufgabe des Libors», betonte Bardenhewer. «Kreditverträge oder Hypotheken, die nach diesem Datum fällig werden, müssen neu verhandelt werden.» 

Davon betroffen sind praktisch alle Unternehmen in der Schweiz. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young bereiten sich erst 25 Prozent der befragten Unternehmen in der Schweiz auf die Umstellung vor, 17 Prozent haben noch gar nichts unternommen. Nur 11 Prozent der befragten Unternehmen haben Budgets und Ressourcen für die Umstellung eingeplant. 

Die Kosten der Umstellung sind hoch: Die Beratungsfirma schätzt, dass eine Grossbank alleine Kosten von 400 Millionen US-Dollar werde stemmen müssen. Denn Verträge müssten geändert und bis zu 500 Systeme bei jeder einzelnen Bank umgestellt werden. «Die Gefahr ist gross, dass etwas vergessen geht oder ein Fehler gemacht wird,» sagt Eveline Hunziker, Experten für das Thema bei Ernst & Young

Auch die Experten der Nationalen Arbeitsgruppe empfehlen allen Marktteilnehmern eindringlich, das Thema rasch anzugehen. Denn die Umstellung sei sehr komplex für alle Unternehmen. 

Unsicherheit für Hausbesitzer

Der Saron ist im Unterschied zum Libor ein Tageszins. Das Problem könnte künftig sein, einen 3-Monatszinssatz zu ermitteln, denn ein Tageszins würde eine gewisse Unsicherheit für Kredit- und Hypothekarnehmer bedeuten. 

Nach Konsultation der Marktteilnehmern hat die Nationale Arbeitsgruppe nun eine Lösung präsentiert: Künftig bildet der «Compounded Saron» als längerfristiger Zinssatz den durchschnittlichen Tagesgeld-Zinssatz über drei Monate ab. Das Problem dabei: Wer heute einen Vertrag unterzeichnet, weiss noch nicht, welcher Zinssatz in drei Monaten gilt – eine weitere Unsicherheit für Hypothekarnehmer. Für den Grossteil der Kreditnehmer, nämlich jenen mit fixem Darlehen, ändert sich jedoch nichts. 

Ein weiterer Nachteil für letztere könnte sein: Wenn die Bank einen neuen Vertrag macht, könnte sie versuchen, höhere Zinsen und eine höhere Marge auszuhandeln. Für Hypothekarbesitzer, deren Verträge über Ende 2021 hinaus laufen, ist es daher wichtig, frühzeitig mit ihrer Bank zu sprechen und sich über verschiedene Produkte informieren zu lassen. Kein Handlungsbedarf besteht allerdings bei Kreditverträgen und Libor-Hypotheken, die bis Ende 2021 auslaufen. 

Internationale Koordination

Dass nun nationale Lösungen geschaffen werden statt den Libor beispielsweise zu verbessern, wurde immer wieder kritisiert. Zudem scheinen nationale Referenz-Zinssätze in Zeiten eines globalen Finanzsystems fragwürdig. Aus der Nationalen Arbeitsgruppe heisst es dazu, die Abstimmungen seien international sehr eng. Allerdings würde eine mangelnde Koordination der nationalen Libor-Nachfolger ein Risiko darstellen, so Bardenhewer.

Auch der genaue Zeitpunkt der weltweiten Umstellung vom Libor sei noch offen, denn die verschiedenen Länder verfolgen unterschiedliche Zeitschienen. Das könnte zum Problem werden. Ein weltweit koordinierte Umstellung sei daher zentral für die Stabilität des Marktes. In den kommenden Monaten müsse dies im Rahmen des Finanzstabilitätsrats (Financial Stability Board, FSB) sichergestellt werden.

Markus Leippold, Professor am Institut für Banking and Finance der Universität Zürich, sieht die Gefahr zusätzlicher Ineffizienzen, wenn nationale Lösungen nicht ausreichend aufeinander abgestimmt werden. «Insbesondere kann sich bei ‘cross-currency’-Transaktionen ein zusätzliches Basisrisiko ergeben, auch aufgrund allfälliger unterschiedlicher Liquidität der involvierten nationalen Referenzzinsen.» Daher bestehe dringender Handlungsbedarf, dass die involvierten nationalen Behörden ihr Vorgehen koordinieren.

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