Es geht um viel Geld. Der Schweizer Fondsverband SFAMA schätzt, dass hierzulande für den Fondsvertrieb jährlich rund 300 Millionen Franken an Retrozessionen ausgeschüttet werden. Diese Verkaufsprovisionen der Fondsanbieter haben stets die Bankberater und Vermögensverwalter kassiert und für sich behalten. Sie gehören aber dem Kunden – das stellte das Bundesgericht im Herbst 2012 unmissverständlich fest. Trotzdem laufe sein Geschäft «nur mittelprächtig», sagt Hans Ludwig Müller. Der Zürcher ­Anwalt ist darauf spezialisiert, für Bankkunden Retrozessionen zurückzuholen. Zum einen haben die Kunden Angst, gegenüber ihrer Hausbank fordernd aufzutreten (siehe Kasten). Zum anderen setzen viele Banken auf gezielte Hinhalte- und Zermürbungstaktik.

Dabei ist sich die Finanzbranche eigentlich einig, dass Retrozessionen ein Auslaufmodell sind. 70 Prozent der Banken glauben, dass diese Vertriebsentschädigungen ausgedient und keine Zukunft mehr haben – so das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Beratungsfirma Ernst & Young. Aber wie die Bereinigung der Altlasten, so zieht sich auch die Einführung des künftig retrozessionsfreien Geschäfts dahin. Den schwarzen Peter für die schleppende Innovation schieben sich die Banken und die Fondsindustrie gegenseitig zu.

Neue Gebührenmodelle

Erst wenige Banken haben die retrozessionsfreie Vermögensverwaltung eingeführt, wie Julius Bär Ende 2013. Per 1. Juli will auch die Credit Suisse nachziehen und in Vermögensverwaltungsmandaten nur noch Anlageinstrumente einsetzen, die weder Retrozessionen noch andere Entschädigungen ausrichten.

Aus Kreisen der Banken verlautet, man hätte schon früher solche Angebote gemacht und sie gerne auch mit einer breiteren Fondsauswahl kombiniert. «Aber es gibt zu wenig retrozessionsfreie Fonds, um alle Anlagebedürfnisse abzudecken», stellt Stefan Heitmann fest. Der Chef der Finanzberatungs- und Vermögensverwaltungsfirma Moneypark setzt daher stark auf ETF-Indexfonds, weil diese keine oder nur sehr geringe Vertriebsentschädigungen zahlen.

Die Fondsbranche allerdings widerspricht. Pictet zum Beispiel weist darauf hin, bereits im Dezember 2012 Fonds-Anteilsklassen ohne Retrozessionen für das Vermögensverwaltungsgeschäft mit Privatanlegern eingeführt zu haben. Und die Fondsgruppe Swisscanto der Kantonalbanken lancierte wenig später im Frühjahr 2013 ebenfalls entsprechende Anteilsklassen. Es sei gerade umgekehrt, heisst es bei einer anderen renommierten Fondsgesellschaft. Die Fondsbranche warte darauf, dass die Banken endlich ihre Angebote und Gebührenmodelle konkretisierten, damit man nun die entsprechenden Fonds lancieren könne.

Die Ungewissheit trifft auch die Fondsvertriebs-Plattformen der Banken. Damit eine Bank einen Drittfonds auf ihre Plattform nimmt und ihn so für ihre Bankkunden zugänglich macht, muss der Fondsmanager bislang ­typischerweise 60 bis 65 Prozent seiner Verwaltungsgebühr (Management Fee) der Bank überlassen. Bei 1,5 Prozent Management Fee zum Beispiel ist das immerhin rund 1 Prozent des Fondswertes. Wie sich das Kostenmodell künftig verändert, zeigt Grossbritannien. Dort sind seit Anfang 2013 Retrozessionen verboten, und seither verrechnen die Plattformbetreiber stattdessen «Servicegebühren» für Unterhalt und Betrieb der Plattformen.

Die Credit Suisse erhebe zwar derzeit keine Servicegebühren für die Aufnahme von Drittfonds auf ihre Fondsplattform Fund Lab, heisst es am Sitz der Grossbank. Sie ergänzt aber, dass sie das Geschäfts- und Entschädigungsmodell überprüfe. Die Mitbewerberin UBS hat das Gebührenmodell bereits Anfang des Jahres angepasst. Sie verrechnet anstelle von Retrozessionen nach dem Fondsvolumen gestaffelte Fixbeträge. «Die Gebührenmodelle von UBS und Credit Suisse werden Signalwirkung für ­andere Banken haben», erklärt der Marketingchef einer kleinen Zürcher Fondsboutique. Er klagt, dass solche fixen Servicegebühren kleinere Fondsmanager wie ihn sehr viel stärker träfen als grosse.

Mehrkosten für die Bankkunden

Dass der Wegfall von Retrozessionen tendenziell die Konsolidierung in bestimmten Produktkategorien der hochfragmentierten Fondsbranche fördert, glaubt auch Daniel Kobler. Der Bank­experte der Consultingfirma Deloitte sieht noch einen zweiten Trend: «Anlagekunden werden immer weniger beim Berater Gratis-Anlagetipps abholen können.» Die «kostenlose» Beratung werden die Banken über kurz oder lang nicht mehr durch Retrozessionen finanzieren können. Denn der Bundesgerichtsentscheid von 2012 lässt sich laut Rechtsexperten wie dem Zürcher Anwalt Hans Ludwig Müller so lesen, dass Retrozessionen in jedem Fall dem Kunden gehören – die Weitergabe ist Teil der getreuen Auftragserfüllung, egal ob der Bank­berater für den Kunden ein Vermögensverwaltungsmandat führt oder Anlageempfehlungen abgibt.

Viele Banken lehnen diese Sichtweise noch ab. Anders die Aargauer Kantonalbank (AKB): Als erste Universalbank leitet sie seit Anfang des Jahres Retrozessionen auch bei blossen Anlageberatungen an den Kunden weiter. Dafür aber muss der Kunde ein kostenpflichtiges Beratungsmandat abschliessen, das je nach Anlagegrösse und -stil 0,4 bis 0,8 Prozent des verwalteten Vermögens kostet. Gleichzeitig erhält der Kunde Rabatte bei der Courtage und Zusatzangebote wie ein Portfolio-Monitoring. Ob er unterm Strich günstiger fährt, ist schwer zu beurteilen. Die AKB jedenfalls sagt, dass sie durch den Verzicht auf Retrozessionen über alle Geschäfte hinweg 1 bis 4 Millionen Franken weniger verdient – ein Betrag, der in den Taschen der Kunden verbleibt.

Demgegenüber erwarten zwei Drittel der von Ernst & Young befragten Schweizer Banken, dass die Abschaffung der Re­trozessionen die Leistungen nicht verbilligt. Das zeigt die UBS. Bereits zum 1. Mai 2013 führte sie neue Tarife ein. Je nach Anlagegrösse und -strategie hob sie die Gebühren für Vermögensverwaltungsmandate um ein Fünftel bis ein Viertel an. Die Grossbank erklärt die Preisaufschläge nur zum Teil mit den wegfallenden Retrozes­sionen. Sie verweist auch auf die erhöhten Kosten für die Ausbildung und Infrastruktur, um die verschärften aufsichtsrechtlichen Pflichten in der Beratung zu erfüllen.

Wie hoch die Preisaufschläge im Branchenmittel ausfallen werden, ist schwierig zu prognostizieren. Der Anteil der Retrozessions-Einnahmen an den Gesamterträgen im Anlagegeschäft fällt nämlich je nach Anbieter sehr unterschiedlich aus. «Gemäss unseren Erfahrungen liegt diese Quote je nach Bank zwischen 5 und 25 Prozent. Bei unabhängigen Vermögensverwaltern entfällt in Einzelfällen gar rund die Hälfte der Erträge auf Retrozessionen», so Deloitte-Bankexperte Kobler.

Online-Trader sind die Dummen

Es ist offen, ob hierzulande in einigen Jahren Retrozessionen komplett verschwunden sein werden. Ungeklärt ist insbesondere die Behandlung des dritten Kundensegments neben der Vermögensverwaltungs- und Beratungsklientel: Jene, die ohne Beratung online handeln. «Wir prüften retrozessionsfreie Angebote auch für unseren Online-Arm 5trade», sagt Ursula Diebold. Aber laut der AKB-Mediensprecherin hätten sich diese Angebote schliesslich nicht gerechnet, weil Online-Kunden im Allgemeinen kaum Fonds im Depot hätten. Für die wenigen, die trotzdem welche haben, ist die Situation pro­blematisch. Ausgerechnet diejenigen, die die Bankinfrastruktur am wenigsten belasten, sollen als Einzige Retrozessionen zahlen. Ein Missstand, der künftig branchenweit drohen könnte.

Rückerstattung: Probleme bei der Abrechnung

Altlasten
Viele Kunden scheuen sich, Retrozessionen aus früheren Vermögensverwaltungs- oder Beratungsgeschäften zurückzufordern. Sie fürchten im Gegenzug Schikanen, etwa bei Hypotheken oder Firmenkrediten. «Die Sorge ist unbegründet», sagt Anwalt Hans Ludwig Müller. Typische Fälle seiner Schweizerischen Rückforderungs-Gesellschaft betreffen Anlagevermögen von rund 1 Million Franken und Retrozessionen von einigen 1000 Franken.

Probleme
Bei neuen Vermögensverwaltungs- und Beratungsmandaten offerieren Banken oft, die Retrozessionen zurückzuerstatten oder von vornherein nur retrozessionsfreie Fonds zu verwenden. Stefan Heitmann rät zu Letzterem. Der Chef der Finanzberatungsfirma Moneypark erklärt: «Viele Banken sind technisch noch nicht so weit, dass sie Retrozessionen sauber auf Einzelkundenbasis verteilen können.»

 

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