Am 23. Juni entscheiden die Briten über den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union. Laut Umfragen lagen die Befürworter und Gegner bis vor kurzem in etwa gleichauf. Wenig bekannt ist, dass sich im Jahr 1975 bei einem ähnlichen Referendum der Labour-Partei mehr als zwei Drittel der Stimmenden für einen Verbleib entschieden haben. Das aktuelle Referendum ist ein Wahlversprechen von David Cameron, der sich für eine weitere Mitgliedschaft Grossbritanniens in der EU einsetzt. Um die Bevölkerung zu überzeugen, hat der britische Premierminister zuvor einige Zugeständnisse mit der EU ausgehandelt, die dem Vereinigten Königreich einen «besonderen Status» bei einem Verbleib verleihen würden.

Eine grosse Mehrheit der Wähler wollte ursprünglich in der Europäischen Union bleiben. In den vergangenen Wochen hat sich der Trend jedoch gekehrt und so Turbulenzen an den Finanzmärkten verursacht. Ein Austritt Grossbritanniens würde eine Schockwelle an den Finanzmärkten auslösen. Die Ideen­schmiede «Open Europe» schätzt, dass ein Austritt die britische Wirtschaft 56 Milliarden Pfund kosten würde, was 2,23 Prozent des BIP entspricht. Der Verband der britischen Industrie veranschlagt die Kosten sogar auf 5 Prozent des BIP, rechnet mit einem Verlust von gegen 500‘000 Arbeitsplätzen und erwartet eine Abwertung des Pfunds um rund 12 Prozent. Mehrere grosse Unternehmen, wie Airbus, HSBC und Deutsche Bank, haben angedeutet, Grossbritannien verlassen zu wollen, sollte ein solches Szenario eintreten.

Die Meinung hat gedreht – die Folgen für die Schweiz und für den Franken

Bis vor wenigen Tagen waren die Märkte recht stabil. Dies änderte sich deutlich, nachdem eine Umfrage ergeben hatte, dass eine Mehrheit einen Brexit befürwortet. Kurz nach dieser Meldung verlor das Pfund mehr als 150 Punkte gegenüber dem Dollar und fiel innert wenigen Minuten von 1,45 auf 1,4353. Von einer Kursabwertung am stärksten betroffen, wären der Euro und das Pfund. Negative Auswirkungen sind auch für die Aktienmärkte zu erwarten, würde ein Brexit doch vielerorts zu tieferen Unternehmens­gewinnen führen.

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In der Schweiz befürchten immer mehr Anleger, dass Grossbritannien die EU verlassen wird und flüchten in den Schweizer Franken, der den Ruf als sicherer Hafen hat. In dieser Rolle legte er letztmals zwischen 2007 und 2011 gegenüber dem Euro um fast 50 Prozent zu. Nachdem am 13. Juni eine neue Umfrage über einen möglichen Brexit erschienen war, verteuerte sich der Franken innert weniger Tage – der EUR/CHF-Kurs sank von 1,11 auf 1,0880. Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird es kein Leichtes sein, den Franken auf einem Niveau halten zu können, das für sie «akzeptabel» ist.

Devisenreserven der SNB sind auf einem Rekordniveau

Die Devisenreserven der SNB sind gegenüber dem Vormonat von 587,6 auf 602,1 Milliarden Franken gestiegen – der höchste Betrag, den die SNB jemals an Devisenreserven gehalten hat. Zwar interveniert die SNB weiterhin massiv, um den Wechselkurs des Frankens gegenüber dem Euro zu stabilisieren, doch der Preis sind stetig anwachsende Devisenreserven der SNB seit 2009, wobei sich der Anstieg seit 2012 deutlich beschleunigt hat.

Als letzte Alternative verbliebe der SNB eine weitere Zinssenkung. Ob diese die gewünschte Wirkung zeigen würde, ist mehr als fraglich, sind die Zinsen im Euroraum doch ebenfalls bereits mit einem negativen Vorzeichen versehen. Deshalb ist wohl davon auszugehen, dass die SNB die Devisen­bestände in Euro weiter ausbauen wird, um den Wechselkurs zu stabilisieren. Dies würde die Bilanz­summe der SNB weiter ansteigen lassen und diese wohl in eine unentwirrbare Lage bringen. Bei einem Brexit könnte es sein, dass der Euro gegenüber dem Franken um gut 9 Prozent zurückgehen würde – weit weniger, als das britische Finanzministerium erwartet. Eine erneute Flucht in die Sicherheit hätte eine Parität zwischen Euro und Schweizer Franken zur Folge – mit entsprechend drastischen Konsequenzen für die Schweizer Wirt­schaft und Bevölkerung.

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Laurent Bakhtiari, Market Analyst der IG Bank