500 Punkte Kursanstieg im April im SMI und dann schon wenige Wochen später ein Kursrückschlag um 500 Punkte. Das gleiche Spiel im Mai: Erst kletterte der Schweizer Aktienmarkt Anfang des Monats um 500 Indexzähler nach oben, dann ging es kurz danach schon wieder um 600 Punkte nach unten.

Ganz klar: Aktuell gehen die Kurskapriolen auf das Konto eines möglichen Brexit. Vor Kurzem noch zeigten Meinungsumfragen einen klaren Vorsprung der Exit-Freunde. Die Kurse fallen. Ein Brexit bringt Unsicherheit, und das ist Gift für Börsianer. Wie gross die Angst ist, sehen Anleger beispielsweise am VSMI. Der Volatilitätsindex zeigt die Kursschwankungsfreudigkeit von Schweizer Blue Chips an und notierte vor wenigen Tagen noch bei 31 Prozent und damit so hoch wie zuletzt im Februar. Aber selbst der aktuelle Stand des VSMI von 25 Prozent ist noch weit über dem Durchschnitt.

Auch interessant

Unsicherheit und Volatilität sind hoch

Immerhin konnte sich der SMI in den letzten Tagen wegen eines offensichtlichen Stimmungsumschwungs auf der Insel pro EU wieder deutlich erholen. Eine ähnliche Achterbahnfahrt beobachten Börsianer übrigens auch an anderen europäischen Börsen. Mit 37 Prozent erreichte beispielsweise der VDAX – der Volatilitätsindex für den deutschen Leitindex DAX – vor einer Woche den höchsten Stand seit August 2015.

Angesichts der starken Kursschwankungen der letzten Wochen denken viele Anleger an den Spruch von Börsenguru André Kostolany: «Wer gut schlafen will, kauft Renten, wer gut essen will, kauft Aktien.» Auch, wenn Kostolany mit seinen Börsenerfahrungen die Realität oft treffend umschreibt – gut schlafen und gut essen geht auch mit Aktien.

Nicht kotierte Aktien – Brexit-Angst? Welche Angst?

Anders als der breite Aktienmarkt mit dem SMI zeigten sich die nicht kotierten Unternehmen im ausserbörslichen Handel, etwa Berner Kantonalbank, zuletzt völlig unbeeindruckt von den Brexit-Sorgen. Der BEBK Liquidity Index, der die rund 50 umsatzstärksten Titel im OTC-Handel der Berner Kantonalbank enthält, bewegte sich in den letzten Tagen lediglich um einige wenige Pünktchen nach oben oder unten und zeigte damit Kursbewegungen im Bereich von null und etwa einem Prozent. Der SMI hatte hingegen vor einer Woche noch fast 10 Prozent an Wert verloren. Aber auch auf Sicht von mehreren Monaten und Quartalen schlagen sich die nicht kotierten Titel gut. Seit Anfang 2015 beispielsweise schaffen die Unternehmen im BEKB Liquidity noch ein kleines Plus von rund 2 Prozent, der SMI hat im selben Zeitraum hingegen rund 12 Prozent an Wert verloren.

«Die stabile Entwicklung der OTC-Titel ist unter anderem auch Folge der grundsoliden Bilanzen vieler Firmen des ausserbörslichen Segments. Dort gibt es häufig hohe Eigenkapitalquoten und nicht selten auch sehr hohe stille Reserven», erklärt Björn Zern vom Researchhaus Zern & Partner. Das Beratungsunternehmen aus Bern ist auf ausserbörsliche Aktien fokussiert. Ein profitables Traditionsunternehmen wie etwa der Event-Spezialist Kongress- und Kursaal Bern beispielsweise notiert rund ein Drittel unter dem Buchwert. Oder der Anbieter von Naturkosmetik, Weleda. Den Partizipationsschein gibt es zum 7er-KGV und mit einem Abschlag vom Buchwert von etwa 20 Prozent. Das könnte zwar begründet sein durch die Aktionärsstruktur mit komplexer Verteilung der Stimmrechte und dadurch auch verbunden sein mit der Möglichkeit, Gewinne zu verschieben, doch insgesamt will Weleda wachsen und das vor allem auf dem internationalen Markt.

OTC-Aktien – Anleger bleiben den Unternehmen treu

«An den Aktien vieler OTC-Werte gehen die extremen Kursausschläge des breiten Aktienmarktes auch deshalb unbemerkt vorbei, weil ausserbörslich weniger internationale institutionelle Investoren beteiligt sind, die bei einem allgemeinen Stimmungsumschwung verkaufen, um Märkte zu suchen, wo möglicherweise mehr Gewinne drin sind. Solche Verkaufswellen gibt es im OTC-Segment kaum. Stattdessen sind im ausserbörslichen Bereich viele Anleger investiert mit regionalem Bezug zu einem Unternehmen, die dem Titel zuverlässig die Treue halten», weiss OTC-Experte Zern.

Manche OTC-Mitglieder sind aber auch aus Dividendengesichtspunkten interessant. Etwa Parkresort Rheinfelden. Da winken rund 2,5 Prozent pro Jahr. Aber es gibt dort auch Änderungen im Aktionariat. Kürzlich hat mit Invision ein Investor rund 80 Prozent der Aktien des Wellnessbetriebs übernommen. Mit dem neuen Hauptaktionär werden neue Dimensionen angestrebt, und da könnte es mittelfristig trotz des Kurssprungs infolge des bis vor Kurzem gültigen Übernahmeangebots von 1100 Franken weitere Kursgewinne geben.

Nur mit Limit ordern

Einen Haken haben die stabilen Titel im OTC-Segment jedoch immer wieder: Geringe Handelsvolumina. «Wer im ausserbörslichen Bereich investieren will, sollte immer mit Limit ordern und Geduld mitbringen. Langsam Stücke einzusammeln, kann dort oft die richtige Strategie sein», rät Zern. Wer dann aber investiert ist, kann in der Regel, wie der BEKB Liquidity Index zeigt, wegen geringer Kursausschläge mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht nur ruhig schlafen, sondern wegen hoher Kursgewinne auch gut essen. Die Aktie von Weleda beispielsweise hat sich trotz der wahrscheinlich kurshemmenden Aktionärsstruktur in den letzten drei Jahren immerhin verfünffacht.