Ein Mann mit leichtem Bauchansatz und Surfershorts bahnt sich den Weg an die Strandbar. Er grinst; er wird gleich Cocktails bestellen. Die Ka­mera folgt ihm. Sie fokussiert auf die Hose, aus deren Gesässtasche in diesem Moment eine Hand eine Bankkarte klaut. Sofort kommt von rechts eine zweite Hand, die sie ersetzt. Als der Tourist an der Bar ankommt, kann er fröhlich seine Drinks bestellen, ohne das Drama überhaupt ­bemerkt zu haben. «Falls Ihre Travel-Cash-Karte abhandenkommt», sagt eine Männerstimme aus dem Off, «ersetzen wir sie sofort, weltweit und kostenlos.»

Die Traveller Cheques, die Jahrzehnte lang Schweizer Familien in die Ferien ­begleiteten, sind längst verschwunden. Doch ihr Nachfolger, die Karte mit dem Namen Travel Cash, fährt der Heraus­geberfirma Swiss Bankers jährlich beachtliche Gewinne ein – trotz Dutzenden von Konkurrenzangeboten. 2012 schrieb das Unternehmen einen Vorsteuergewinn von 17,4 Millionen Franken bei gesamten Einnahmen von 31,5 Millionen Franken.

Insgesamt luden Kunden letztes Jahr 1,2 Milliarden Franken auf ihre Karten. Das nüchterne, wenig glamouröse Travel Cash ist ein Nischen-Kassenschlager. Das liegt an klugen IT-Systemen, gutem ­Service, an der Vorliebe der ängstlichen Schweizer für Versicherungen – und auch am Bedürfnis europäischer Bankkunden, ihr Schwarzgeld diskret abzuheben und unbemerkt über die Grenze zu schaffen.

Es war 2003, als Swiss Bankers die ­Travel-Cash-Karte auf den Markt brachte. Damals hatte das Unternehmen seit 30 Jahren Traveller Cheques verkauft. Auf ­ihren Auslandreisen nutzten Schweizer Touristen die Papierchecks wie Bargeld; gingen sie verloren oder wurden sie gestohlen, ersetzte Swiss Bankers den Wert innerhalb weniger Stunden. So lautete das Angebot an die Kunden. «Wenn Sie auf ­Ihrer nächsten Reise Ihre Swiss Bankers Traveller Cheques verlieren, sind Sie keinesfalls verloren», versprach feierlich ein Inserat Ende der 1970er-Jahre. Die Traveller Cheques waren wie eine Versicherung – und Schweizer mögen Versicherungen. Die Traveller Cheques wurden zum Verkaufserfolg. Erst in den 1990erJahren, als die Welt zunehmend von Bankautomaten überzogen wurde, begann der Absatz einzubrechen. Jetzt hat es Travel Cash offenbar geschafft, an das alte Versprechen anzuknüpfen. Letztes Jahr be­zogen Kunden 58000 neue Karten; das sind durchschnittlich jeden Tag fast 160 Stück.

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«Sehr stark psychologisch»

«Unser Hauptvorteil ist noch immer die Sicherheit», sagt Thomas Beck, Geschäftsführer von Swiss Bankers. Die Karte mitsamt Guthaben wird bei einem Verlust innert Stunden ersetzt. Weil sie keinen ­Bezug zur Bankbeziehung hat, kann kein Dieb damit das Bankkonto leer räumen. Stefan Rüesch, der für den Vergleichsdienst Comparis unter anderem Bankdienstleistungen untersucht, bestätigt Becks Einschätzung. «Travel Cash wirkt sehr stark psychologisch», sagt er. «Die Karte appelliert an das Sicherheitsbedürfnis der Leute.» Ausserdem halte Swiss Bankers bei Vertrieb und Erhältlichkeit ein, was es verspreche. «Die machen da tatsächlich einen guten Job.» Über Post­finance lassen sich die Karten mittlerweile online aufladen. Der Betrag ist innerhalb von drei Stunden gutgeschrieben.

Über die Grenze nach Deutschland

Einen Teil der Nachfrage verdankt Travel Cash europäischen Kunden mit kleineren Schwarzgeldvermögen auf Schweizer Banken. Wie mehrere Bankeninsider erzählen, nutzen etwa Deutsche das Zahlungsmittel. Sie heben Geld von ihrem Konto ab und bringen es damit unauffällig über die Grenze in die Heimat. Anders als Bargeld können die Karten an der Grenze nicht abgefangen werden – unter anderem, weil der Zoll sowieso nicht über ­Kartenlesegeräte verfügt, wie eine Sprecherin des Zollamts Lörrach gegenüber der «Handelszeitung» sagt. Ein Kunde kann problemlos mehrere Travel-Cash-Karten beziehen und jede davon mit ­maximal 100000 Franken jährlich beladen. «Für grosse Vermögen bringt die ­Methode nichts», sagt ein Bankberater, der selber deutsche Kunden bediente. «Für Mittelständler mit ein paar Hunderttausend Franken an unversteuertem Vermögen kann das eine Möglichkeit sein, das Konto diskret aufzulösen.» Zwei Drittel der gesamten Kartenladungen tätigten Kunden in den letzten Jahren in Euro; sie wollten Travel Cash also im Euro-Raum nutzen. Geschäftsführer Thomas Beck sagt dazu, es sei Sache jedes Karteninhabers, seinen Steuerpflichten nachzukommen. Swiss Bankers unterstehe den strengen Richtlinien der Finma und setze «sämtliche geltenden Vorschriften kon­sequent um». Swiss Bankers Prepaid Services AG, wie das Unternehmen mit vollem Namen heisst, besitzt seit 2011 eine ­Bankbewilligung der Finanzmarktaufsicht ­Finma.

Damit muss es sich auch an die Vorschriften zur Bekämpfung von Geldwäscherei halten. Inhaber von Prepaid-Karten müssten wie jeder Bankkunde iden­tifiziert werden, sagt Compliance-Experte Michael Kunz. Im Fall von Travel Cash übernimmt das die Ausgabestelle, also die Bank oder der SBB-Change-Posten. Sie stellt auch den wirtschaftlich Berechtigten fest. Swiss Bankers meldet verdächtige Transaktionen laut Geschäftsführer Beck an die Meldestelle für Geldwäscherei. Das sei im vergangenen Jahr «einige wenige Male» vorgekommen, bestätigt man beim Bundesamt für Polizei in Bern.

Anfang 2013 hat Swiss Bankers nun eine Tochtergesellschaft in Liechtenstein registriert. Sie erlaubt es dem Unternehmen, auch mit Banken im EU-Raum ­Kooperationen zu suchen und in der ­Nische weiterzuwachsen. «Karte einfach aufladen und überall Bargeld beziehen», wie die freundliche Stimme im Werbespot sagt – während der Mann seinen Freunden albern hüftschaukelnd die Cocktails bringt.

 

So funktioniert Travel Cash: In drei Stunden nachgeladen

Bei der Bank
Die Travel-Cash-Karten erhalten Kunden bei ihrer Hausbank, bei Postfinance oder an Wechselschaltern der SBB. Bei Banken wird Geld nur vom Konto auf die Karte geladen, bei den SBB ist auch die Bareinzahlung möglich. Der Bezüger muss sich ausweisen und wird mit Namen, Adresse, Geburtsdatum und Nationalität registriert. Das Vermögen kann in Euro, Dollar oder Franken geladen werden.

Gebühren
Jahresgebühren gibt es keine. Der Kunde zahlt zunächst eine Kommission von 1 Prozent des Ladebetrags. Später kosten Bezüge am Bankautomaten 5 Franken/4 Euro/5 Dollar. Beim Bezahlen in Geschäften wird jeweils pro Einkauf 1 Franken/Euro/Dollar belastet.

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Aufladen
Die Karte kann jeweils dort wieder aufgeladen werden, wo sie bezogen wurde. Kunden der Postfinance können auch über Online Banking V ermögen gutschreiben. Es dauert drei Stunden, bis die Zahlungen verbucht sind. Das ist ein Vorteil gegenüber anderen Prepaid-Kreditkarten, bei denen der Ladeprozess teilweise Tage dauert.

Schadensversicherung
Falls die Karte gestohlen wird, muss der Inhaber dies Swiss Bankers melden. Hat er die Sorgfaltspflichten eingehalten, ersetzt sie nicht nur die Karte, sondern übernimmt auch allfällige Schäden.