Für die Investmentbanker der UBS in London begann der Dienstag mit einem Schock. Wie jeden Tag hielten sie am 30. Oktober ihren Badge an die Sicherheitsschleusen, um in ihre Büros zu kommen. Doch die Schlüsselkarten versagten ihren Dienst. Die Türen der Grossbank blieben fest verschlossen.

Am gleichen Morgen verkündete ihr oberster Chef Sergio Ermotti die grösste Entlassungsaktion, die es je bei einer Schweizer Bank gab. Bis zu 10000 Stellen sollen weltweit wegfallen (siehe Kasten). Die UBS-Führung erhofft sich davon, innert zwei Jahren 3,4 Milliarden Franken zu sparen. Betroffen ist in erster Linie die Investmentbank. Mit dem Geschäft mit Zinspapieren wird gar ein gewichtiger Bereich ganz dicht gemacht.

Entsprechend hart wird es für die Mitarbeiter des Zinsbereichs in London und New York. Dort werden nun die über Jahre gehätschelten Goldjungen auf die Strasse gestellt. Es sind genau die Talente, welche die UBS noch vor kurzem für viel Geld angeworben hatte. Auch die Credit Suisse kämpft mit magereren Erträgen, höheren regulativen Anforderungen und schlechteren Konjunkturperspektiven. Sie wird deshalb im Investment Banking ebenfalls noch Stellen streichen und sich von einst hochdotierten Bankern trennen müssen.

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Der Guru geht

Einige der hochbezahlten Finanzspe­zialisten kamen den Entscheiden indes zuvor. Sie verliessen die Schweizer Geldhäuser schon vor der Ankündigung. Cesar Gueikian ist einer von ihnen. Der Investmentbanker kündigte vor einigen Tagen seinen Job bei der UBS in New York. Für die Bank stellte er Unternehmen Geld zur Verfügung, die sonst keinen Zugang zum Kapitalmarkt fanden. Nun eröffnet er mit seinem Vorgänger Andres Scaminaci, der die UBS schon letzten August verliess, gemeinsam einen Hedgefonds.

Gueikian und Scaminaci sind kein Einzelfall. Immer mehr Banker machen sich selbstständig. Denn in vielen Bereichen sind den Geldhäusern angesichts immer schärferer Regulierungen die Hände gebunden oder treiben schärfere Kapitalvorschriften die Renditen nach unten. Als kleine und unabhängige Firma lässt es sich aber immer noch viel Geld verdienen. Charlie Chan weiss das. In diesem Jahr erreichte er mit seinem Hedgefonds ein sattes Plus von 60 Prozent. Früher verdiente er Geld für die Credit Suisse. Doch der Experte für Wetten auf grosse Trends kündigte seinen Posten in Singapur Ende 2010 nach 25 Jahren und gründete seinen Fonds Splendid Asia.

Es sind die Besten, die von Bord ­gehen. «Der Braindrain aus den Investmentbanken hält an», sagt Roger Gan­patsingh, Manager des Hedgefonds-Dienstleisters Throgmorton in London. Alle Wall-Street-Häuser fuhren ihren Eigenhandel in den letzten Monaten zurück oder strukturierten ihn um, um auf die ab Mitte 2013 geltende Volcker-Rule vorbereitet zu sein. Sie verbietet den Investmentbanken das Eingehen von grossen Risiken auf eigene Kappe. Viele Eigenhändler wurden bankintern versetzt. Einige Banken platzierten ihre Stars, die in guten Jahren Milliarden für die Bank verdienten, von den Prop Desks – so der Jargon für den Eigenhandel – in Abteilungen, wo Kundenorders ausgeführt werden. Diese Arbeit führt natürlich nicht zu Kapitalgewinnen, sondern nur zu Gebühreneinkünften für die Bank und ist weniger prestigeträchtig.

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Nicht zuletzt treiben die gesunkenen Verdienstchancen die Händler dazu, sich in der Selbstständigkeit zu versuchen. Ihre Boni sanken mehrere Jahre in Folge. Investmentbanken als Arbeitgeber sind längst nicht mehr so attraktiv wie vor fünf Jahren. «Wenn ein Teil des Geschäfts humpelt, hat man auch nicht mehr das Geld, den Angestellten in dem gewinnträchtigen Teil der Bank das Geld zu zahlen», sagt Justin Pearson vom Londoner Headhunter Human Capital. Da nützt es vermutlich wenig, dass UBS-Chef Ermotti versicherte, man werde bei den Löhnen nicht knausern. «Ich will die Leute nicht in zwei Klassen aufteilen. Alle müssen in dieselbe Richtung ziehen, nämlich Wert für die Aktionäre zu schaffen», so der Tessiner.

Auch die CS arbeitet dem Braindrain entgegen. So durfte ein herausragendes Talent wie Albert Sohn, der früher die Abteilung für verbriefte Produkte leitete und 2009 und 2010 enorme Gewinne für die Bank einfuhr, innerhalb des Asset Management einen Hedgefonds für Kunden aufmachen, als seine Abteilung geschlossen wurde. Die CS will das allerdings nicht kommentieren.

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Die Liste der Leute, die Wall Street ­verliessen, um Hedgefonds zu gründen, ist lang. Etliche Talente, auf welche die Schweizer Banken stolz waren, sind darunter. Zu den berühmtesten gehört George «Beau» Taylor, der Energie-Chefeigenhändler der Credit Suisse. Der gründete 2011 zusammen mit seinem Kollegen Trevor Woods, dem CS-Chef der Energie-Arbitrage, den Hedgefonds Taylor Woods Capital Management. Sie starteten mit 150 Millionen Dollar unter Verwaltung, die ihnen die Risikokapitalfirma Blackstone zur Verfügung stellte. Schon am Jahresende war das ihnen anvertraute Geld auf ­1 Milliarde Dollar angeschwollen.

Mitte 2011 kündigte auch der Chef-Ölhändler der CS, um in Zug den Hedgefonds Mastic Investment Advisory aufzumachen. Und im Juli verliess der Chef des Devisenhandels in Asien die CS-Filiale in Hongkong, um von Sydney aus den Hedgefonds Northbridge Park Asset Management zu gründen.

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Viele unterschätzen aber, was es heisst, einen erfolgreichen Hedge Fonds aus der Taufe zu heben. «Selbst die besten Namen haben Schwierigkeiten beim Auftreiben von Geld», sagt Experte Ganpatsingh. Viele Investoren sind nach der Finanzkrise noch immer risikoavers. Vor allem aber fallen für viele Händler die Vorteile des Netzes einer Grossbank weg. Hier kamen unzählige Informationen und Analysen auf ihren Tisch. Im neuen Hedgefonds sind sie mitunter von diesem Informa­tionsfluss abgeschnitten. Und als kleine Anbieter hängen sie im Handel von den Konditionen der Broker ab.

Dazu kommt, dass die Märkte nach wie vor volatil sind und es aktuell für keinen Anleger leicht ist, eine überdurchschnittliche Performance zu erzielen. «Ich habe Mitleid mit neuen Hedgefonds-Managern im ersten Jahr, die sich unter Druck fühlen, zu handeln, um ihre Performancekraft unter Beweis zu stellen», sagt Dave Matthews, der selbst die japanische Investmentbank Nomura verliess, um den Rohstoff-Hedgefonds Avitah Capital zu gründen. Während Eigenhändler ohne Problem monatelang auf einer Cash-Position sitzen können, um auf eine Gelegenheit zu warten, werden Anleger schnell ungeduldig, wenn die Performance ihres Hedgefonds bei null liegt.

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«Es ist nicht mehr sexy»

Deshalb halten nicht alle den Solotrip durch. Der frühere UBS-Star Brian Singer, der 2009 die Bank verliess, schlüpfte mit seinem Team inzwischen unter das Dach der Chicagoer Investmentbank William Blair. «Wenn man seine eigene Firma führt, bleibt längst nicht so viel Zeit zum Investieren, wie man glaubt. Wir mussten uns um rechtliche Angelegenheiten, die rückwär­tigen Arbeiten, die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften sowie auch das Marketing kümmern. Darin waren wir nicht gut», gestand Singer der Nachrichtenagentur Reuters.

Doch die Alternative ist ebenfalls wenig reizvoll, findet Ethan Garber. «Es ist nicht mehr sexy, es macht keinen Spass mehr, es gibt keine intellektuelle Herausforderung», klagt er, der erst bei der CS, danach bei Bear Stearns im Eigenhandel die Kredit-Arbitrage-Geschäfte geleitet hatte, über das Arbeiten in einer Investmentbank. Die Luft sei draussen. Als sein Arbeitgeber in der Finanzkrise pleiteging, gründete der gewiefte Händler aus New York sogleich den Hedgefonds Lakewater Capital Management. Ohne den Nervenkitzel, Geld im Risiko zu haben, kann Garber einfach nicht leben.

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UBS: Jede siebte Stelle verschwindet

Stellenabbau
Die UBS streicht bis in drei Jahren 10 000 ihrer 64 000 Stellen. Das ist rund jeder siebte Arbeitsplatz. Betroffen sind London, New York und Zürich. In der Schweiz gehen 2500 Stellen verloren, 11 Prozent der insgesamt 22 600 Stellen.

Backoffice
In der Schweiz trifft der Stellenabbau gemäss Aussagen aus der Bank hauptsächlich Mitarbeitende der Zulieferdienste. Bereits im Frühling fasste die UBS diese Dienste in einer Abteilung mit 7000 Angestellten zusammen. Die Bank erwägt nun unter anderem, Teile der Informatik auszulagern. Offiziell macht sie noch keine detaillierten Angaben.

Investment Banking
Die UBS schliesst im Investment Banking gleich mehrere Abteilungen. Bislang ist bekannt, dass 2000 Stellen «an der Front» und weitere 2800 in den nachgelagerten Diensten verloren gehen. Dieser Abbau betrifft die Büros in New York und London. Insgesamt beschäftigt die UBS im Investment Banking 16 700 Personen.

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Ergebnis
Den Abbau gab die UBS bekannt, nachdem sie am 30. Oktober einen Quartalsverlust von 2,2 Milliarden Franken gemeldet hatte. Das schlechte Ergebnis verdankt sie dem Investment Banking. 3,1 Milliarden vernichtete die UBS dort, weil einst gekaufte Papiere inzwischen viel weniger wert sind. Die Vermögensverwaltung hingegen lieferte 819 Millionen Franken Gewinn ab. (oku)