Als die Kurse vor gut einem Jahr ungebremst nach oben schossen und alte Rekorde täglich pulverisierten, machten es sich einige Krypto-Neureiche zum Sport, einen Lamborghini zu kaufen. Schön, schnell, ein nettes Statussymbol. «Lambo» avancierte in kürzester Zeit zu den Topvokabeln einer gewissen Sorte von Krypto-Enthusiasten. Es gab kein Halten mehr. Wenn in New York eine grössere Konferenz zu Bitcoin und Co. stattfand, stieg die Lambo-Dichte in den umliegenden Strassen sprunghaft an.

Vom Glamour jener Tage ist wenig geblieben, seit die Kurse massiv gefallen sind. Wegen fehlender Handelstätigkeit schliesst in diesen Tagen mit Liqui eine erste Kryptobörse, eine andere baut massiv Stellen ab. Initial Coin Offerings (ICO) – eine neue Art zur Geldaufnahme – sind schon länger klinisch tot. Seit Anfang Jahr mehren sich bestimmte Meldungen in einschlägigen Internetforen. Ihr Inhalt: Lambo zu verkaufen.

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Man mag von Bitcoin und Krypto halten, was man will. Aber zweifelsfrei lieferten die neuen Währungen und Token Anschauungsunterricht in Sachen Übertreibungen. Plus 10 000 Prozent in drei Jahren und dann der Rückgang je nach Asset um 85 bis 95 Prozent: Krypto 2017–2018 war die Mutter aller geplatzten Blasen. Daneben verblassen selbst Dotcom-Crash um die Jahrtausendwende und Tulpenmanie im 17. Jahrhundert. Und eine Spielerei wars nicht. Auf dem Höhepunkt standen 800 Milliarden Dollar «on the line».

Chancen grösser als null

Die Frage, die jetzt noch bleibt, lautet: Was kommt nach dem Niedergang? Die einen sehen das definitive Ende einer kurzlebigen Modeerscheinung so unvermeidbar nahen wie den Tod. Zu ihnen gehört US-Starökonom Nouriel Roubini, der Krypto im Wesentlichen als Spekulationsphänomen einer dogmatischen Gemeinschaft erfasst, welche den Staat schwächen will. Andere schwören mit gleicher Inbrunst auf eine Grafik des Beratungsunternehmens Gartner, wonach sich eine neue Technologie nach einer ersten Hype-Phase schliesslich langsam und einige Zeit später im Alltag etabliert (siehe Grafik). Am Horizont wartet für die Verfechter dieser Ansicht bereits der nächste Boom.Der Ausgang dieser Wette ist offen. Verallgemeinern lässt sich ohnehin wenig, denn Krypto ist nicht gleich Krypto: Bitcoin, Monero und Zcash wollen im Wesentlichen neue unzensierbare Währungen oder eine Art digitales Gold sein. Der Anspruch ist hoch. Abzuschätzen, ob das in zehn Jahren gesellschaftlich akzeptiert sein wird oder nicht, ist unmöglich. Die Chancen sind allerdings definitiv grösser als null.

Wichtige Wegstationen bei Bitcoin bis 2019

Bitcoin-Chart 2009-2019

  • Gründung: Unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto lanciert eine Person oder eine Gruppe am 3. Januar 2009 die Bitcoin-Blockchain. Bis heute ist ungewiss, wer dahintersteckt. Einen Preis hat Bitcoin im ersten Jahr noch nicht.
  • Pizza-Day: Am 22. Mai 2010 erstand Laszlo Hanyecz eine Pizza im Tausch gegen 10 000 Bitcoins. Der Pizzakauf gilt als die erste dokumentierte realwirtschaftliche 
    Transaktion mit Bitcoin. Heute sind 10 000 BTC 34 Millionen Franken wert.
  • Frühere Blase: Als Bitcoin Ende 2013 auf 1000 Dollar stieg, war überall von Blase die Rede. Heute ist das damalige Top im Langfrist-Chart kaum noch erkennbar. Der nachfolgende Bärenmarkt dauerte zwei Jahre.
  • Boom: Das Volumen an den Dutzenden von Kryptobörsen explodiert 2017. Täglich werden Bitcoins im Wert von Milliarden, in der Spitze von bis zu 200 Milliarden Dollar getradet. Heute ist es noch ein Tausendstel davon.
  • Top: Meistens braucht es nur einen kleinen Auslöser, damit eine Blase platzt. Im Fall von Bitcoin war es im Dezember 2017 möglicherweise der beträchtliche Verkauf von Bitcoins durch den Insolvenzverwalter der gescheiterten Börse Mt.Gox.
  • Mehr Forschung2018 lag das Augenmerk bei Bitcoin auf der Lightning-Technologie. Dank ihr muss nicht mehr jede Transaktion in die Blockchain geschrieben werden. Das erhöht die maximale Anzahl Überweisungen pro Tag.

Daneben gibt es unter den Top-20-Kryptos auch zahlreiche Währungen wie Ether und Eos, die eher den Charakter von Öl denn von Gold haben. Es sind Schmiermittel für neue Apps. Erste Anwendungen für Konsumenten entstehen gerade. Apps für Wetten etwa, für Games oder Apps für Kredite. Vorderhand sind sie schwer zu bedienen und nur etwas für Technikbegeisterte. Und doch lässt sich an ihnen erkennen, was das ebenso einfache wie weitreichende Versprechen von Blockchain-Tech ist: Künftig sollen digitale Wertsachen genauso einfach verschickt werden können wie E-Mails. Darum geht es und erst einmal um nichts anderes.

Wertsachen verschicken

Tickets, Aktien, Schuldscheine, Hotelreservationen, Optionen, Geld und Flugmeilen. Das alles sind digitale Wertsachen, die heute teilweise nur schwerlich übertragen werden können. In vielen Fällen gibt es auch keine entsprechenden Marktplätze. Der Grund liegt darin, dass bisher immer eine Zentrale nötig war, welche genau kontrolliert, wer was besitzt – damit das gleiche Geld, das gleiche Ticket nicht zweimal ausgegeben werden kann. Dieses Problem fällt mit Blockchains weg. Wertsachen, Wertschriften können sogenannt tokenisiert werden. Diese Token können dann weder gefälscht noch doppelt ausgegeben werden. Das regelt die Blockchain-Technologie.

Das klingt wenig spektakulär, ist aber eine grosse Neuerung. Als jeder Mensch dank Internet und Handy zum Herausgeber von Informationen werden konnte, war schwer vorauszusehen, wie Twitter und Facebook das Gesicht von Politik und Gesellschaft verändern würden.

Nicht mehr darüber reden

Ebenso offen sind die Folgen, wenn in einigen Jahren jede Person per Klick zum Herausgeber von digitalen Wertschriften mutieren kann. Ein Gutschein? Ein Token für Arbeitszeit? Schuldverschreibungen? Und alles online handelbar, weil Mensch und Maschine nun so einfach damit umgehen können wie eben mit Mails? Was hier gerade entsteht, ist eine neue Infrastruktur im Internet – ein Layer für Transaktionen aller Art. Das ist die kürzeste Formel, auf die Krypto und Blockchain gebracht werden können. Wenn das funktioniert, wird man es daran erkennen, dass niemand mehr über Blockchains rede, sondern sie über normale Dienstleistungen nutzt, ohne es überhaupt zu merken.

Noch immer ist das meiste davon Zukunftsmusik. In der Realität vermögen die meisten Blockchains die hohen Erwartungen noch nicht zu erfüllen. Sie sind zu lahm, zu teuer, zu kompliziert, zu experimentell. Aber die junge Branche bewegt sich auch im Bärenmarkt der tiefen Kurse vorwärts.So wächst der Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) bei allen ernsthaften Projekten 2018 deutlich rascher als noch im Boomjahr davor. Einschlägige Konferenzen, wo es nicht um Charts und Investment geht, sind überlaufen. Am Entwicklertreffen Devcon 4 der Plattform Ethereum nahmen im November 3000 Leute teil. Konkurrent Dfinity stellt in Zürich gestandene Kryptografen gleich serienweise ein.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: F&E ist in dieser jungen Branche der wichtigste Anti-Bullshit-Indikator. Und gegenwärtig spricht vieles dafür, dass tatsächlich die Grundlagen für eine neue Internetinfrastruktur erschaffen werden. Allerdings dauert alles länger als gedacht, viel länger.

Verdrängungskampf in Sicht

2019 wird zudem für grössere in Krypto engagierte Finanzhäuser wie den Fondsmanager Fidelity oder die Börse Nasdaq ein Übergangsjahr. Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, um auch institutionellen Anlegern wie Pensionskassen und Fonds den Zugang zu Krypto zu ermöglichen. Das bedarf mehr Professionalität und von den Regulierungsbehörden muss alles bis ins Detail abgesegnet sein. Das Tempo der Veränderung nimmt in diesen Monaten zu. Eben hat die Kryptobörse Kraken für über 100 Millionen Dollar einen regulierten Derivatehändler übernommen. Fidelity dürfte in Kürze ihre Lösung präsentieren, wie sie für Kunden Krypto aufbewahren. Die Nasdaq lanciert Futures. Auch in der Schweiz exponieren sich Institute wie etwa Vontobel, welche neu die Verwahrung von Kryptos für Kunden offeriert.

Das alles sagt noch nichts aus über den Wert der einzelnen Kryptowährungen. In den nächsten zwei Jahren werden die einzelnen Blockchains stärker als heute zueinander in Konkurrenz treten. Möglicherweise kommt es zu einem Verdrängungswettbewerb – ähnlich wie seinerzeit im epischen Kampf zwischen den Videoformaten VHS, Betamax und Video 2000. Die Verlierer werden wie damals ein Schattendasein fristen, ihre Token an Wert verlieren.

Arme Tulpen

Und möglicherweise macht sich eine Lösung breit, welche ganz ohne eigene Kryptowährung auskommt. Die eigene Währung braucht es nämlich nur, damit die Plattform zensurresistent ist. Will man darauf verzichten und zum Beispiel Behörden oder Konzerne als Garanten für korrekte Transaktionen einsetzen, braucht es keine Kryptowährung. Solche Alternativen gibt es, wie zum Beispiel das Projekt Corda, und ihre Entwicklung wird mit gleicher Vehemenz vorangetrieben wie jene bei den besten Kryptoprojekten. Erst diese Woche übernahm etwa Facebook das Londoner Blockchain-Startup Chainspace.

Noch tüfteln alle daran, wie die Chains massentauglich gemacht werden sollen. Noch fehlen Erfahrungen, ob die Sicherheit von Blockchains auch langfristig finanziert werden kann. Und dennoch scheint es trotz geplatzter Blase mit jedem Tag unwahrscheinlicher, dass das Phänomen Krypto das gleiche Schicksal erleiden wird wie jene schönen, aber substanzarmen Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert, für die sich plötzlich niemand mehr interessierte.

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Ethereum. Noch immer ist Ethereum jene Blockchain, die am meisten App-Entwickler für sich gewinnen kann. Zuletzt mehrten sich jedoch Stimmen, welche befürchten, das Tempo bei der Weiterentwicklung sei zu langsam. Ethereum in der heutigen Form wird für die Massennutzung nicht taugen. Seit Monaten versuchen verschiedene Teams, Skalierungsideen umzusetzen. Ethereum ist ein globales Projekt, die Stiftung aber sitzt in Zug. Sie koordiniert unter anderem die Vergabe von Fördergeldern an Programmierer. Der kanadisch-russische Gründer Vitalik Buterin hatte seinen Wohnsitz eine Zeit lang in Zug.

Quelle: ZVG

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