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Wie Vanguard den Giganten Blackrock überrunden will

Blackrock-CEO Larry Fink: Laut US-Magazin «Forbes» ist er der «mächtigste Mann der Wall Street». Keystone

Blackrock ist der weltgrösste Vermögensverwalter. Erstmals scheint eine Wachablösung möglich. Ausgerechnet die genossenschaftliche Vanguard rückt rasant näher – ein Zeichen für den Wandel der Szene.

Von MATHIAS OHANIAN UND PETER MANHART
am 06.07.2017

Der Superstar der Finanzindustrie ist in der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt, vor Geld aber kann er sich kaum retten: 5 Milliarden Dollar vertrauen institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen dem Fondshaus Vanguard derzeit jeden Arbeitstag neu an. Mittlerweile verwaltet das US-Unternehmen beinahe 4,5 Billionen Dollar. Setzt sich der Boom fort, dürfte Vanguard mittelfristig zum grössten Vermögensverwalter der Welt aufsteigen, wie exklusive Berechnungen von Finanzexperten der Universität St. Gallen für die «Handelszeitung» zeigen.

Bereits in zwei Jahren könnte Vanguard den langjährigen Branchenprimus Blackrock überholen. Heute scheint das kaum vorstellbar, ist Blackrock doch Synonym für Vermögensverwaltung im ganz grossen Stil. An beinahe jedem bedeutenden kotierten Unternehmen weltweit sind Blackrock und seine Kunden mit mehreren Prozent beteiligt.

Doch seit fünf Jahren wächst Vanguard mit 19 Prozent pro Jahr wesentlich schneller als Blackrock mit 8 Prozent, rechnet Robert Ruttmann, Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit und Finanzdienstleistungen an der Universität St. Gallen, anhand der von Marktbeobachter Morningstar publizierten Daten vor. «Die Fondsbranche befindet sich im Umbruch und Vanguard ist ein Katalysator des Wandels - vor allem im Sinne der Kunden», so Ruttmann.

Studie: Vanguard verwaltet 2019 über 6,8 Billionen Dollar

Kommt es wie prognostiziert, wird Vanguard im Herbst 2019 Gelder im Umfang von 6,8 Billionen Dollar verwalten – 350 Milliarden Dollar mehr als Blackrock. Gut möglich, dass dies bereits früher der Fall sein wird. Ruttmann hat nämlich konservativ gerechnet (hier geht's zum Interview). Jacques-Etienne Doerr, Länderchef Schweiz von Vanguard, bleibt bescheiden: «Es ist nicht das Ziel unserer Arbeit, Gelder einzusammeln, sondern das Ergebnis unseres Angebots.»

Der Aufstieg von Vanguard ist Ausdruck weitreichender Umwälzungen in der Finanzbranche – etwas salopp formuliert weg von «wine and dine» hin zu «performance and services». Übersetzt auf die Produktwelt heisst das: weniger aktive Fonds, mehr Indexfonds. Dabei wurden passive Anlagen zu Beginn als «unamerikanisch» gebrandmarkt, feixt Vanguard-Gründer John Bogle gerne in Interviews, weil sie keine Überrendite zur Benchmark anstreben, sondern stur Börsenindizes abbilden.

Kosten oft nur ein Bruchteil so hoch

Der Vorteil: Die Kosten dieser Anlagen sind oft nur einen Bruchteil so hoch wie jene von aktiv gemanagten Fonds. Und gemessen an der Rendite schneiden sie in vielen Fällen nicht schlechter ab. So hat sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Ansturm auf die Produkte entwickelt. Inzwischen sind in der Schweiz aufgerundet 100 Milliarden Franken in kotierte und nichtkotierte Indexfonds angelegt.

Die grossen Verschiebungen spiegeln die globalen Branchenzahlen: Gemäss dem Vergleichsdienst Morningstar zogen Investoren im vergangenen Jahr 425 Milliarden Dollar aus aktiv gemanagten Aktienfonds ab, passive Investments verbuchten hingegen 395 Milliarden Dollar an Neugeldern. Während der Rest der Branche verlor, floss das Gros dieses Geldes in Indexfonds von Vanguard.

Blackrock sitzt in Manhattan, Vanguard in Malvern

Das allein erklärt den Aufstieg jedoch nur teilweise. Denn immerhin ein Drittel der Fonds von Vanguard sind aktiv gemanagt, allerdings zu so tiefen Kosten, wie sie manche ETF-Anbieter nicht erreichen. Das ist nur möglich, weil Vanguard im Gegensatz zu anderen Fondsanbietern einen genossenschaftlichen Ansatz verfolgt und eine Plattform betreibt, an der sich niemand persönlich bereichert. Das Geldhaus arbeitet kostendeckend, aber darüber hinaus gehende Einnahmen fliessen in Form günstiger Gebühren an die Investoren zurück. Anleger sind nicht nur Kunden, sondern werden mit dem Erwerb von Vanguard-Produkten Mitbesitzer der Firma.

Das ist nicht der einzige Unterschied zu Konkurrent Blackrock, der als Aktiengesellschaft auf Gewinnmaximierung setzt. Während Blackrock standesgemäss an der Wall Street in Manhattan domiziliert ist, liegt der Hauptsitz von Vanguard im verschlafenen 3400-Seelen-Dorf im pennsylvanischen Malvern. Understatement ist bei Vanguard Programm. Im Gegensatz dazu ranken sich um die Geldstars von Blackrock viele Mythen: Für das US-Magazin «Forbes» ist Gründer und Chef Larry Fink der «mächtigste Mann der Wall Street».

Selbst Stockpicker Warren Buffett ist Fan von Vanguard

Dass Vanguard in der Schweiz trotz dem Aufstieg heute nur Insidern ein Begriff ist, liegt an der Ausrichtung der Firma. 95 Prozent des Geschäfts wickelt das Unternehmen noch immer in den USA ab. Aber die Marschroute ist klar: Chef William Mc-Nabb hat bereits die globale Expansion angekündigt. Auch in der Schweiz will man wachsen und zunehmend Privatanleger locken. Soeben konnte mit Thomas Merz ein äusserst erfahrener ETF-Mann von der UBS weggelockt werden. In Zürich arbeiten nun 7 «Bogleheads», vor allem Vertriebsleute, die auch länderübergreifend arbeiten. In der Schweiz ist alles etwas kleiner als in den USA und so befinden sich die Büros von Blackrock an der Bahnhofstrasse und Vanguard am Bleicherweg in Gehdistanz zueinander.

Der Geschäftsansatz von Vanguard überzeugt selbst Stockpicker wie Warren Buffett: Ende 2007 wettete er 1 Million Dollar, dass kein aktiver Fonds innert zehn Jahren mehr Rendite erzielt als der Indexfonds von Vanguard auf den S&P500. Schliesslich nahm Ted Seides, Co-Manager des Hedgefonds Protégé Partners, die Herausforderung an. Doch er wird verlieren: Bis im Frühjahr verbuchten seine fünf Dachfonds im Schnitt insgesamt ein Plus von 22 Prozent. Keiner der Fonds kam nur annähernd an Vanguard heran: Dort beträgt das Plus 85 Prozent.

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