Weshalb sind die Schwellenländer- Währungen derart unter Druck?
Ursina Kubli: Der Absturz ist nicht überraschend. Die Wirtschaft in den Industrieländern hat sich gut entwickelt, in den USA sind die Zinsen gestiegen und in China wurde das Wirtschaftswachstum von der Regierung bewusst verlangsamt. Das führte dazu, dass viele Schwellenländer aus Anlegersicht unattraktiv wurden.

Warum hat es die Rupie so heftig erwischt?
Währungen mit schwachen Fundamentaldaten sind besonders unter Druck geraten. So kämpft Indien mit einer hohen Inflation, die öffentliche Hand fährt ein Budgetdefizit und die Leistungsbilanz ist negativ. Zudem wurden in der Vergangenheit die strukturellen Reformen vernachlässigt.

Ist es bei den tiefen Bewertungen ein guter Zeitpunkt, um in die Rupie zu investieren?
Wir wären weiterhin vorsichtig. Zwar versucht die Regierung, die Abwertung der Rupie zu stoppen, sie betreibt damit aber nur Symptombekämpfung. So senken die beschlossenen Beschränkungen beim Goldhandel das Leistungsbilanzdefizit, ändern an den Problemen der Wirtschaft aber nichts. Denn die Anleger in Indien kaufen Gold, weil sie Angst vor der Inflation haben, und auch die strukturellen Probleme wurden noch nicht angegangen.

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In wenigen Tagen gibt die Europäische Zentralbank ihren Zinsentscheid bekannt. Erwarten Sie dort Änderungen?
Kaum. Die EZB hat ihre Geldpolitik für die kommenden Monate schon klar umrissen. In der näheren Zukunft wird die Konjunkturentwicklung ein wichtiger Treiber für den Euro sein. In den USA sind es hingegen vor allem die Arbeitsmarktdaten, die einen Einfluss auf die Geldpolitik und damit den Dollar haben.

Und wie geht es mit dem Dollar weiter?
Wir erwarten gegenüber dem Franken und dem Euro einen steigenden Dollar. In den USA werden bereits ab September die Staatsanleihenkäufe reduziert werden. Die Euro-Zone wird jedoch an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten müssen, da das Wirtschaftswachstum nach wie vor äusserst zaghaft ist. Das wird den Dollar stärken, auch gegenüber dem Franken. Wir gehen daher von einer Parität beim Dollar-Franken-Kurs aus.

Wie sieht es beim Euro-Franken-Kurs aus?
Wir gehen davon aus, dass der Euro in den nächsten Monaten auf 1.27 Franken steigen wird. Das wirtschaftliche Umfeld ist freundlich. Das wird dazu führen, dass die Nachfrage nach dem «sicheren Hafen» Schweizer Franken nachlässt. Das globale Konjunkturumfeld ist vorteilhaft. In den USA sind die Konjunkturdaten sehr robust und die Euro-Zone befindet sich schon seit dem zweiten Quartal nicht mehr in einer Rezession. Auch aus China gibt es positive Signale.

Wo sehen Sie derzeit Anlagechancen?
Bei Währungen mit soliden Fundamentaldaten. Die meisten Schwellenländer- Währungen haben einen Kurseinbruch hinnehmen müssen, bei einigen fiel er jedoch übertrieben aus. Die anziehende chinesische Wirtschaft könnte diesen Staaten weiteren Schwung verleihen.

Was sind derzeit spannende Trades?
Währungen, die ihm Sog von Indien abgestraft wurden, aber nicht mit denselben Problemen kämpfen. Gleichzeitig können Anleger als Absicherung auf einen steigenden Dollar-Kurs wetten.

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Welche Landeswährungen wurden zu Unrecht abgestraft?
Viele asiatische Staaten stehen gut da, etwa Südkorea oder Taiwan. Sie verfügen über eine geringe Staatsverschuldung und ihre Leistungsbilanz ist positiv.

Was ist bei der Anlage zu beachten?
Es gibt viele Schwellenländer- Fonds, mit denen sich in die entsprechenden Staaten investieren lässt. Es gilt aber, genau hinzuschauen, wo die Fonds ihr Geld anlegen. So ist etwa in vielen Emerging-Market-Produkten Brasilien enthalten, der brasilianische Real ist für uns aber derzeit nicht interessant.