Rohstoffhändler aus der ganzen Schweiz strömen diesen Mai nach Lugano. Metallhändler reisen an, Agrarspezialisten ebenso wie Finanz­experten. Der sechste Stock im Haus der kantonalen Handelskammer ist für sie reserviert. Sie folgen einer Einladung des Tessiner Rohstoffverbandes. Das Spezielle am Anlass ist, dass es nur einen ein­zigen Redner gibt. Und der kommt von keinem klassischen Akteur der Rohstoffbranche, sondern von der Zürcher Kantonalbank.

Der Auftritt der ZKB im Tessin hat System. «Die Zürcher Kantonalbank tritt bestimmter auf als früher», sagt ein Metallhändler aus Zug. «Sie will ein grösseres Stück vom Kuchen.» Das heisst mehr Kredite und mehr Geschäftsabschlüsse mit Rohstoffkonzernen. Die Staatsbank ist dabei, zu einer der wichtigeren Banken in der Schweiz bei der Finanzierung von Rohstoffgeschäften zu avancieren. «Die ZKB ist in den letzten Jahren aktiver geworden», berichtet Finanzierungsexperte Eric Le Lay von der französischen Bank Société Générale.

Es locken Millionengewinne – aber auch neue Risiken. «Wenn sich eine Staatsbank in Geschäftsfelder vorwagt, in denen sie wenig ­Erfahrung hat, dann kann das gefährlich werden», sagt der Chef einer Handelsfirma in Baar, der schon mit der ZKB zu tun hatte. Es drohen Kreditausfälle und die Schädigung des Rufs. Um Bagatellen geht es nie. Wenn in der Rohstoffbranche etwas schiefläuft, ist der Schaden sofort ­riesig.

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Bis jetzt ging die Rechnung der Zürcher auf. Die Sparte expandierte und leistete Ende 2011 ihren Beitrag zu den 6,5 Milliarden Franken an syndizierten Krediten im Buch der ZKB. Auch für das letzte Geschäftsjahr sieht es gut aus. «Die Handelsfinanzierungen haben 2012 einen positiven Beitrag zum Ergebnis unserer Bank geleistet», sagt ein Sprecher der Bank. Das ist Wasser auf die Mühlen des Bankrats, der vier Jahre zuvor den «gezielten Ausbau» des Geschäfts beschlossen hatte.

Damals begann alles mit einem Handstreich. Die Staatsbank warb der Credit Suisse im Jahr 2008 eine Handvoll Spezialisten unter der Führung des Öl- und ­Metallexperten Markus Wüstiner ab. Seither vergrösserte sich das Team, das bei der ZKB den Bereich Commodity Trade Finance verantwortet, auf rund 20 Personen. Dass sich die kleine Truppe innert so kurzer Zeit einen fixen Startplatz im Rennen um das 800-Milliarden-Dollar-Business verschaffen konnte, verdankt sie auch der Euro-Krise. Das Desaster führte dazu, dass französische und niederländische Institute, die traditionell den Rohstoffsektor prägen, selber in Finanzierungsnöte gerieten. Zudem mussten zahlreiche europäische Grossbanken wie auch die UBS und die Credit Suisse ihre Bilanzen kürzen.

Geschäfte mit kleineren Händlern

Dadurch erhielten die Rohstoffhändler weniger Kredite von den klassischen Partnern. Mit den Gesetzen zur Bankenregulierung dürfte sich dieser Trend gar noch verschärfen, erwarten Marktkenner. «In einer Umfrage gaben kleinere Rohstoffhändler an, es werde immer schwieriger, Finanzierungen von Grossbanken zu bekommen», sagt Marco Passalia von der Lugano Commodity Trading Association. «Das eröffnet Chancen für kleinere Institute.»

Die ZKB liess sich offenbar nicht zweimal bitten. Während etwa die Credit ­Suisse von Kunden mit Domizil ausserhalb der Schweiz explizit 10 Millionen Franken Eigenkapital fordert, bedient die Staatsbank inzwischen auch kleinere Händler, wie verschiedene Quellen bestätigen. Offenbar fand hier ein Wandel statt. Früher habe die ZKB nur Kunden mit viel Eigenkapital akzeptiert, berichtet der Händler mit Geschäftsbeziehung zur Staatsbank. Doch das habe sich geändert.

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Die ZKB selber sieht kein Problem. «Das Eigenkapital ist Teil der Kreditfähigkeitsprüfung», heisst es dazu beim Zürcher Institut. Die Ansprüche an die Höhe des Eigenkapitals seien dabei so definiert, dass negative Geschäftsentwicklungen durch das Eigenkapital möglichst gut aufgefangen werden können. Im Übrigen konzentriere man sich auf wenige, gut etablierte Gegenparteien mit «langjährigem Trackrecord».

Doch der Deal unter Bekannten schützt nicht in jedem Fall vor Risiken. «Der Rohstoffhandel ist in der Praxis eine lange Abfolge von Problemen», berichtet ein Investmentbanker. Entsprechend brauche es einen grossen, international aufgestellten Überwachungsapparat, um die Finanzierung sicher betreiben zu können. Pannen sind teuer. «Wegen der schieren Grös­se der Kredite kann es bei einer einzigen Transaktion zu Ausfällen von 50 bis 200 Millionen Dollar kommen», sagt er.

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Standardisierte Risikoprüfung

Die Rohstoffwelt ist komplexer geworden. Inzwischen ist sie ein verschachteltes Konstrukt mit wechselnden Rollen der Akteure. Grosse Händler betreiben nun selber Minen und gebärden sich als Produzenten. Gleichzeitig treten sie manchmal selber als Finanzierer in der Branche auf. «Da wird es schwieriger, mögliche ­Risikoquellen im Blick zu behalten», sagt der Banker. Das zeigt sich am Fall einer komplexen Kreditlinie für die belgisch-australische Zinkproduzentin und Rohstoffhändlerin Nyrstar mit Sitz in der Schweiz. Am 500-Millionen-Dollar-Kredit beteiligte sich letzten November neben einigen Grossbanken auch die ZKB. Was nach einer sicheren Transaktion unter etablierten Partnern aussieht, könnte unter Umständen dem guten Ruf schaden. Im Oktober zuvor war Nyrstar in die Schlagzeilen geraten. In Südaustralien droht dem Konzern eine Klage wegen Bleivergiftungen im Umfeld einer Mine.

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Die Branche beurteilt das Risikomanagement bei der ZKB positiv. «Sie sind viel defensiver als etwa Genfer Banken, und die Compliance ist ziemlich gut», sagt ein anderer Metallhändler. Von Verstössen gegen internationale Richtlinien berichtet niemand. Aber der Gefahr ist man sich in der Bankleitung bewusst. 2011 tagte der Risikoausschuss des Bankrats einmal, um eine vertiefte Diskussion über die Finanzierung des Rohstoffhandels zu führen.

Doch die ZKB hat ein Handicap. Die eine Hälfte der Staatsbank will wachsen, die andere ist traditionell und möchte bleiben, wo man ist. Das lähmt die Bank, wenn sie rasch Fachwissen in neuen Geschäftsfeldern aufbauen will. So unterhält die Zürcher Kantonalbank keine eigenen Aussenposten im weltweiten Rohstoffhandel. Sie behilft sich damit, dass sie die involvierten Parteien und Waren standardisierten Risikoprüfungen unterzieht.

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«Sie können nicht wirklich wissen, wer genau hinter den Parteien steht, mit denen sie Verträge abschliessen», sagt der Zuger Händler. Ohne lokale Experten sei es etwa unmöglich zu erkennen, ob hinter einem Rohstoffgeschäft in Dubai nicht beispielsweise eine iranische Firma stecke.

Die ZKB machte bereits ihre Erfahrungen mit dem Iran und den damit verbundenen Risiken der Rufschädigung. 2007 musste das Institut das eben erst gestartete Iran-Geschäft abbrechen, um den UNO-Sanktionen gegen das Land nicht in die Quere zu kommen.