Vor einem Jahr ging die Angst vor einer globalen Rezession um, die Finanzmärkte reagierten entsprechend volatil. Nun haben sich die Aussichten für die Weltwirtschaft für das kommende Jahr aufgehellt: Politische Risiken haben auf den ersten Blick abgenommen und das Wachstum scheint solide. De facto hat sich allerdings nicht viel geändert – vor allem längerfristig.

Die Handelsspannungen sind zwar etwas abgeflacht und viele Notenbanken haben ihre Geldpolitik wieder gelockert, um eine weitere Abkühlung der Wirtschaft zu verhindern. So mag der Ausblick ins kommende Jahr positiver sein, doch die Unsicherheit bleibt.

Beispiel Brexit: Boris Johnsons klare Wahl hat kurzfristig Klarheit geschaffen, doch die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen der EU und Grossbritanniens beginnen erst, die Gefahr eines No-Deal-Brexit besteht also weiterhin.

Der grösste Unsicherheitsfaktor ist 2020 die Präsidentschaftswahl in den USA. Ihr Ausgang entscheidet auch über die künftigen Beziehungen der USA mit dem Rest der Welt sowie über die Konfrontation zwischen mit China, die weit über Zölle hinausgeht.

In der Schweiz kommt die Unsicherheit über die Zukunft der EU-Beziehungen hinzu, solange nicht klar ist, wie es mit dem Rahmenabkommen weitergeht.

Diese Szenarien für die Schweizer Wirtschaft sind denkbar:

Moderates Wachstum in der Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft wird 2020 voraussichtlich wieder etwas stärker wachsen als in diesem Jahr. Eine wirkliche Erholung ist das jedoch nicht, sondern geht zu grossen Teilen auf internationale Sportanlässe wie die Olympischen Sommerspiele zurück. Sie bescheren der Schweiz alle zwei Jahre höhere Einnahmen, was aber das Bild verzerrt. So steigt zwar das Bruttoinlandsprodukt (BIP) voraussichtlich um 1,4 Prozent, allerdings ohne dass davon Impulse für andere Wirtschaftszweige oder den Arbeitsmarkt ausgehen. 

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Das Wachstum werde moderat bleiben, erwartet auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Denn das düstere globale Umfeld und die anhaltendenHandelsstreitigkeiten würden vor allem die Exportwirtschaft weiter belasten. Aufgrund der Unsicherheiten werden Unternehmen auch 2020 wenig investieren. Auf die Konsumenten dürfte hingegen weiterhin Verlass sein – dank der niedrigen Arbeitslosigkeit tragen sie somit zum Wachstum bei.

Die Zinsen sinken noch weiter

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte im kommenden Jahr an den Negativzinsen festhalten – so wie die meisten Zentralbanken wohl erst einmal abwarten, nachdem sie 2019 ihre Geldpolitik gelockert haben. Auf höhere Zinsen sollten die Kritiker der SNB auf absehbare Zeit also nicht hoffen. Im Gegenteil: Die Nationalbank könnte die Zinsen noch weiter senken, sollte dies die EZB im nächsten Jahr tun.

Das hat SNB-Präsident Thomas Jordan in jüngster Zeit immer wieder betont. Auch Christine Lagarde, die neue EZB-Chefin, hat weitere Zinssenkungen zumindest nicht ausgeschlossen, obwohl sie bisher nur eine strategische Überprüfung der europäischen Geldpolitik angekündigt hat. Denkbar wäre das durchaus, falls die Wirtschaft in der Eurozone noch weiter abschwächt. Wahrscheinlich aber frühestens Ende 2020. In diesem Fall würde wohl auch die SNB nachziehen, um den Wechselkurs zu stabilisieren. 

Der Handelsstreit ist ein Risiko für die globale Wirtschaft

Die Weltwirtschaft wächst moderat, doch die Gefahr einer globalen Rezession ist noch nicht gebannt: Falls der Handelsstreit zwischen den USA und China doch eskalieren sollte oder andere Handelskonflikte mit anderen Regionen, insbesondere Europa, angefacht würden.

Trotz der jüngsten Einigung zwischen den USA und China ist der Konflikt jedoch noch lange nicht beigelegt, denn es geht um viel mehr als den Handel zwischen beiden Ländern. Zudem werden die Zölle nicht auf das Niveau vor Beginn des Handelskonflikts reduziert, schliesslich haben die USA damit ein wirksames Druckmittel gegenüber China. Gerade im US-Wahljahr wird Präsident Trump dieses nicht aufgeben.

Es wäre daher zu früh aufzuatmen, auch wenn viele Experten eine weitere Eskalation für unwahrscheinlich halten. Behalten sie recht, könnte die Weltwirtschaft dennoch erst wieder in der zweiten Jahreshälfte wachsen, wenn Handel und Industrieproduktion in Europa und China wieder anziehen, schätzt das Forschungsinstitut IHS Markit.

Der Handelsstreit weitet sich auf Europa aus

Zudem könnte sich der Handelsstreit auf Europa ausweiten. Im vergangenen Jahr hatten die USA Strafzölle auf Aluminium- und Stahlimporte aus Europa verhängt. Seither drohte Donald Trump wiederholt mit höheren Einfuhrzöllen für europäische Autos. Dies würde vor allem deutsche Autobauer treffen, die ohnehin schon stark angeschlagen sind. Auch Schweizer Zulieferer der deutschen Autoindustrie bekämen dies zu spüren. 

Erst vor einigen Wochen sagte US-Präsident Trump, die EU behandle sein Land bei Handelsfragen «sehr, sehr unfair». Die USA prüfen nun, ob bestehende Zölle angehoben und Abgaben auf weitere Produkte aus der EU erhoben werden.

So ist etwa der jahrelange Streit über Subventionen für Airbus und Boeing noch nicht beigelegt. Die ohnehin schwächliche Konjunktur in der Eurozone – 2020 wird ein Wachstum von unter einem Prozent erwartet – würde damit zusätzlich belastet. Auch die hiesige Wirtschaft würde unter einer weiteren Abschwächung im Euro-Raum leiden.

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will nun Bewegung in den Konflikt mit den USA bringen und plant ein Treffen mit Donald Trump für Anfang 2020. Dass sich der US-Präsident auf eine Lösung vor den Wahlen im November einlässt, ist jedoch unwahrscheinlich.

Die Schweiz gerät ins Visier der USA

Auch die Schweiz ist vor einem Handelsstreit mit den USA nicht gefeit. Denn die Handelsüberschüsse gegenüber den USA scheinen Washington ein Dorn im Auge, vor allem die Schweizer Pharmaimporte. Bisher ist die Schweiz nur von den Strafzöllen auf Aluminium- und Stahlprodukte direkt betroffen, sie fallen jedoch kaum ins Gewicht. 

Falls die US-Regierung Zölle auf Schweizer Pharmaprodukte erheben sollte, hätte dies schwerwiegende Folgen. Und zwar nicht nur für die Branche, sondern für die gesamte Wirtschaft. Denn das hiesige Wirtschaftswachstum hängt sehr stark von den Pharmaexporten ab. Ihr Anteil an den gesamten Ausfuhren beträgt 45 Prozent. 22 Prozent der Pharmaexporte gehen in den US-Markt. 

Ohnehin ist die Abhängigkeit von der Pharmabranche umstritten. Ohne sie hätte sich die Schweizer Konjunktur in diesem Jahr deutlich mehr abgeschwächt. Einige Ökonomen halten sie für gefährlich, denn gerade für eine kleine, weltoffene Volkswirtschaft wie die Schweiz sei eine diversifizierte Exportwirtschaft wichtig – mit oder ohne einem US-Präsidenten, der jederzeit zu Überraschungen bereit ist.