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Gesellschaft
«Die Bevölkerung leidet unter einem Finanzkrieg»

Marc Chesney: Der Zürcher Professor zieht Parallelen zwischen 1914 und heute.   Keystone, UZH

Marc Chesney zieht Parallelen zwischen dem Kriegsjahr 1914 und heute. Der Zürcher Finanzprofessor sagt, was bei Banken falsch läuft und wie alle Schweizer von einer Finanzsteuer profitieren würden.

Von Mathias Ohanian
am 30.07.2014

Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg, in dem 17 Millionen Menschen den Tod fanden. 100 Jahre später gibt es in Europa keine Schützengräben mehr. Doch die aktuelle Finanzkrise, die seit 2007 andauert, überschattet die Zukunftsperspektiven von Millionen junger Menschen, sagt Marc Chesney, Vize-Direktor des Instituts für Banking und Finance der Universität Zürich.

In diesen Tagen erscheint das neue Buch* des Finanzprofessors. Handelszeitung.ch sprach mit Mark Chesney über die Parallelen zum desaströsen Kriegsjahr 1914 und die möglichen Wege aus der heutigen Krise.

Herr Chesney, in ihrem Buch «Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise» ziehen sie Parallelen zwischen der Gesellschaft von 1914 und der heutigen. Im Gegensatz zu damals herrscht in Europa heute Frieden. Wie kommen sie auf den Vergleich?
Zwar gibt es keinen Krieg im Kern Europas zwischen Deutschland und Frankreich. Aber wir haben eine Weltkrise, die entgegen der Beteuerungen der Politik nicht vorbei ist. Weltweit sind Millionen mehr Menschen arbeitslos als kurz vor der Finanzkrise. Ein grosser Teil der Bevölkerung leidet unter einem Krieg anderer Art – einem Finanzkrieg. Regierungen behaupten oft, dass es in die richtige Richtung geht. Das ist aber nicht der Fall.

In den südeuropäischen Ländern bessert sich die Lage. In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung. Und der Schweiz geht es ohnehin sehr gut.
Aber zu welchem Preis? In Deutschland gibt es rund zwölf Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Warum ist nach Ansicht vieler Medien die Krise vorbei? Weil die Börsen in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Das zeigt allerdings nur, dass die Finanzmärkte sich immer mehr von der Realwirtschaft abkoppeln. Die Schulden sind heute in vielen Ländern riesig, die Lage ist instabil. Das grösste Problem: Das Finanzsystem stellt eine ständige Bedrohung für die Weltwirtschaft dar.

Welche Parallelen ziehen Sie noch zu 1914?
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges gab es schon Lobbys, wie zum Beispiel Waffenhersteller in Frankreich und Deutschland, die einen grossen Einfluss auf die Politik hatten. Heute ist es der Finanzsektor, der eine mächtige Lobby besitzt und in der Lage ist, seine Interessen der Gesellschaft aufzuzwingen.

Wie liberal ist der Bankensektor?
Wer glaubt, der Bankensektor folge Marktregeln, täuscht sich. Der Libor-Zins zum Beispiel ist kein Marktzins. Dieser bildet sich aus den Meinungen einiger Grossbanken. Wenn es aber wenige Akteure gibt, ist das Betrugsrisiko sehr hoch. Das hat die Vergangenheit bereits gezeigt: Wegen der Manipulation des Libor-Zinssatzes wurden schon Strafen gegen Grossbanken verhängt.

Aber besonders die Schweiz hat nach der Finanzkrise schnell reagiert und Massnahmen ergriffen, um das Bankensystem sicherer zu machen.
Wir brauchen ein Finanzsystem, das funktioniert. Das ist heute nur begrenzt der Fall: Banken kommen ihrer eigentlichen Aufgabe – die Realwirtschaft mit Krediten zu versorgen – viel zu wenig nach. Zum Thema Regulierung: Die Vorschriften sind zu zaghaft und kompliziert. Basel I hatte noch circa 30 Seiten, Basel III mittlerweile 600 Seiten. Dabei braucht es einfache Vorschriften. Zudem sollte auch das Schattenbankensystem im Fokus der Regulierung stehen. Das ist aber leider nicht der Fall.

Sie glauben nicht, dass die Finma das Problem des too-big-to-fail ernsthaft genug angeht?
Die grossen Banken werden heute subventioniert. Weil sie zu gross sind, müssen sie deutlich niedrigere Zinsen zahlen als es auf einem normalen Markt üblich wäre. Laut dem Internationalen Währungsfonds liegt die Ersparnis für die Schweizer Banken, die too-big-to-fail sind, bei 50 Milliarden Dollar in den Jahren 2011 und 2012. Das widerspricht der Idee des Liberalismus. Banken sollten nicht so gross sein, dass sie nicht Bankrott gehen können. Denn der Steuerzahler trägt die Risiken.

Welche Massnahmen stellen Sie sich für den Finanzsektor vor?
In den meisten Industrien gibt es einen Zertifizierungsprozess, mit dem Ziel zu vermeiden, dass etwa ein Pharmakonzern ein toxisches Medikament auf den Markt bringt. Warum gibt es das im Finanzsektor nicht? Stattdessen werden noch heute reihenweise toxische Finanzprodukte auf den Markt gebracht. Es braucht eine unabhängige Institution, die sich dem Problem annimmt.

Eine staatliche Behörde soll unterscheiden, welche Produkte auf den Markt sollen und welche nicht?
In vielen Fällen sagt Ihnen der gesunde Menschenverstand, welche Produkte für die Wirtschaft nützlich sind. Nehmen sie etwa Kreditausfallversicherungen – sogenannte Credit Default Swaps (CDS). Diese Absicherungen sind vergleichbar mit Autoversicherungen. Wenn sie kein Auto besitzen, dürfen Sie keine Autoversicherung abschliessen – auch nicht auf das Auto des Nachbarn, nur weil sie wissen, dass er ein schlechter Fahrer ist. Diese Wetten auf Autounfälle sind verboten. Versicherungen auf Anleihen kann heute aber jeder abschliessen, selbst wenn er keine Anleihe besitzt. Wofür braucht ein Investor ohne Anleihe eine Versicherung dafür?

Welche Massnahme schwebt Ihnen noch vor?
Herr Felix Bolliger hat in dem Artikel «Reinvent the System – Mikrosteuer auf Gesamtzahlungsverkehr» den guten Vorschlag für eine Steuer auf alle elektronischen Zahlungen gemacht. Läge diese Steuer zum Beispiel nur bei einem Prozent des Transaktionswertes, wäre das Steueraufkommen allein aus dieser Finanzsteuer substanziell höher als die Einnahmen aller heutigen Steuern zusammengenommen.

Wie kommen Sie darauf?
Das Steueraufkommen von Bund, Kantonen, Gemeinden und aus der Mehrwertssteuer liegt pro Jahr bei rund 170 Milliarden Franken. Jedes Jahr werden in der Schweiz Finanztransaktionen in Höhe von mehreren Dutzend Billionen Franken getätigt. Eine Steuer von beispielsweise einem Prozent bei sämtlichen elektronischen Zahlungen in Höhe von 50 Billionen Franken würde der Schweiz jährliche Steuereinnahmen von 500 Milliarden Franken bescheren.

Das klingt verlockend. Die Gefahr ist aber enorm, dass bei einer Finanztransaktionssteuer viele für die Schweiz wichtige Finanzakteure abwandern – nach London etwa oder Singapur.
Das ist immer das bekannte Argument, um nichts zu verändern. Wir dürfen nicht vergessen: Das Bankensystem sollte der Gesellschaft dienen – und nicht umgekehrt. Auf Auswüchse wie zum Beispiel den Hochfrequenzhandel kann die Schweiz verzichten. Wenn die entsprechenden Akteure ihre Geschäfte woanders tätigen, wäre das nur gesünder für die Schweiz.

Warum halten Sie diese Geschäfte für so gefährlich?
Der Hochfrequenzhandel erzeugt hohe Kursschwankungen und birgt damit grosse Risiken – für die ganze Schweiz. Unsere Wirtschaft funktioniert nicht in Mikrosekunden. Unternehmen wie Swatch, Novartis oder Nestlé funktionieren in Wochen, Monaten, Jahren. Darauf müssen wir Wert legen.

Der Bankensektor ist für die Schweiz aber sehr wichtig. Mit ihren Ideen würden viele gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gehen.
Der Bankensektor hat schon etwas begonnen zu schrumpfen. Das ist auch gut so. Warum verdient ein Ingenieur von Finanzprodukten dreimal mehr als ein Ingenieur, der Brücken baut? Andere Sektoren sind auch wichtig für die Zukunft der Schweiz. Wir brauchen Banken, die ihre Rolle erfüllen – das heisst, die rentable Investitionen in diesen Sektoren tätigen.

*Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise
 Marc Chesney, Versus Verlag, 
96 Seiten
 ISBN 978-3-03909-171-3, 19.90 CHF

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