Rezessionen sind wie Hunde, es gibt bissige und es gibt halbwegs erträgliche. Einige werden durch Kanonendonner aufgescheucht, einzelne durch einen Bankenkrach, manche durch eine Immobilienblase, die platzt: So war es in der Schweiz der frühen 1990er Jahre.

Einige sind bald durchgestanden; die Durchschnittsdauer seit dem Zweiten Weltkrieg liegt bei einem knappen Jahr. Andere werden langwierig: Die Grosse Depression der 1930er nagte über vier Jahre an der Weltwirtschaft – mit furchtbaren politischen Folgen.

Es gibt rollende Rezessionen, wo eine Branche nach der anderen gepackt wird, und es gibt schlagartige Einbrüche, die kaum eine Industrie verschonen. Finanzkrisen und Rezessionen sind dabei längst nicht dasselbe, auch wenn sie oft zusammen auftauchen und noch öfter verwechselt werden.

Es gibt Angebotsrezessionen: Da wird die Wirtschaft abgewürgt, weil wichtige Stoffe knapp werden. So geschehen in den Erdölkrisen der 1970er, als die Lieferländer Arabiens und später der Iran versuchten, den Westen auszutrocknen. Und es gibt Nachfragerezessionen: Da schnallen die Menschen den Gürtel enger, und die Firmen wagen es nicht mehr, zu investieren. Flaute herrscht.

Angebot oder Nachfrage: Zweierlei Probleme

Im März 2020 scheint etwas zumindest klar: Die lange Wachstumsphase, die 2009 einsetzte, hat geendet. Der Weltwirtschaft drohen Rezessionen. Aufgeschreckt durch einen Virus aus Wuhan, China, korrigieren Hoteliers in den Voralpen ihre Gewinnpläne ebenso nach unten wie Tim Cook, der Konzernchef von Apple Inc. Sie tun es aus verschiedenen Gründen, das macht die Sache so vertrackt: Die Touristiker in der Schweiz ahnen, dass ihre Gäste ausbleiben werden, weil sie sich nicht mehr ins Flugzeug trauen. Tim Cook kann keine iPhones mehr ausliefern, weil seine Zulieferer in Guangdong und Jiangsu geschlossen sind.

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Hier scheint also gleich beides zusammenzukommen, Rückgang beim Angebot, Einbruch bei der Nachfrage. Die Experten sind sich noch gar nicht einig, wo des Pudels Kern denn wirklich liegt. Kenneth Rogoff, der berühmte Harvard-Ökonom, befürchtet insbesondere einen «supply-shock»: Sollten die Lieferketten noch länger so massiv unterbrochen sein, dann könnte eine Kaskade von Firmenpleiten losbrechen, erneut ausgehend von China, dessen gesamte Wirtschaft hoch und undurchsichtig verschuldet ist.

Mohamed El-Erian, der berühmte Obligationen-Experte, fürchtet eher einen «sudden stop»: Dies ist eine Situation, in der Konsumenten, Anleger und Firmen derart verunsichert sind, dass sie nur noch abwarten. Das Business friert ein.

«Keine Krise ist wie die andere. Noch nie zum Beispiel wurde eine der grössten Volkswirtschaften der Erde unter Quarantäne gestellt.»

Könnte sich beides zum perfekten Sturm verbinden? Auch Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts in München, erkennt einen Doppeldämpfer bei Angebot und Nachfrage und befürchtet eine Abwärtsspirale, welche «in die Rezession führt und die Krise viel tiefer ausfallen lässt, als es sein müsste».

Angebotsprobleme lassen sich eigentlich gut eingrenzen und dann angehen (zum Beispiel, indem man neue Erdölquellen in der Nordsee auftut). Doch nun erfolgen die Einschläge des Virus wie ein Meteoritenhagel, sie treffen stetig andere Sektoren in anderen Weltgegenden: Wie soll man denn da noch planen?

Gegen Nachfrageflauten hilft üblicherweise Geld: Die Zentralbanken öffnen die Schleusen, die Regierungen starten Bauprojekte oder machen Steuergeschenke, bis die Stimmung dreht. Doch am Geld liegt es diesmal wirklich nicht – nach zehn Jahren der Tiefstzinsen und einer expansiven Notenbanken-Politik scheint das Wundermittel ausgereizt.

Zudem bringen langfristige Investitionen in dieser Situation nichts. Vielmehr jetzt es jetzt darum, schnell zu handeln mit Massnahmen, die kurzfristig wirken und letztendlich Vertrauen herstellen. Sonst geht es den Unternehmen wie den Banken in der Finanzkrise, die über Nacht das Vertrauen der Investoren verloren. So ist etwa die überraschende Zinssenkung der Fed vor einigen Tagen an den Finanzmärkten verpufft.

Schulden: Virenpech und Firmenpleiten

Keine Krise ist wie die andere. Noch nie zum Beispiel wurde eine der grössten Volkswirtschaften der Erde unter Quarantäne gestellt. Italiens Staatsverschuldung beträgt fast 135 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung, und trotzdem erachtet es Premier Giuseppe Conte für nötig, des gelähmte Land bald mit Milliarden aus der Steuerkasse neu zu beleben.

Insgesamt kommt der Corona-Schock kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Die globale Staatsverschuldung beträgt 73 Billionen Dollar – das entspricht 92 Prozent der Welt-BIPs. Der Schuldenberg war laut dem Institute of International Finance noch nie so gross: Auf fast 253 Billionen Dollar beliefen sich die Verbindlichkeiten von Staaten und Unternehmen sowie die Schulden der privaten Haushalte weltweit.

«AirBnB, Uber, WeWork: Zum ersten Mal steht die digitale Dienstleistungskultur vor einem echten Stresstest.»

Der massive Schuldenanstieg geht vor allem auf das Konto der Unternehmen. Ende letzten Jahres standen weltweit Unternehmensanleihen von 13,5 Billionen Dollar aus, davon 6 Billionen in den USA und 3 Billionen in Europa. Ein Drittel dieser Schulden wird innert drei Jahren fällig – auch das ein Rekordwert. Vor zehn Jahren waren es nur 25 Prozent.

Wenn Unternehmen nun in der Corona-Krise in finanzielle Turbulenzen geraten, steigt das Risiko der Zahlungsunfähigkeit, und es wird zu Pleiten kommen. Daher fordern Ökonomen wie Ifo-Chef Fuest, dass die Regierungen ihren Unternehmen nun rasch gezielt unter die Arme greifen, etwa durch Kurzarbeitergeld, Notkredite oder Steuerstundungen.

Dabei sind die Schulden an sich nicht das Problem, doch sie verstärken die negative Wirkung einer Rezession. Im schlimmsten Fall könnte die Virus-Krise sogar eine erneute Schuldenkrise auslösen. Allerdings ist das Problem in den USA gravierender als in Europa, dort haben sich die Firmenschulden seit der Finanzkrise 2008 praktisch verdoppelt. Gleichzeitig könnten auch hoch verschuldete Staaten in Bedrängnis kommen, etwa Italien.

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Branchen und Unternehmen: Die Gefährdeten

Was ist diesmal anders als bei früheren Rezessionen? Im Gegensatz zu 2008 scheinen die Banken nicht im Zentrum des Sturms, obendrein sind sie solider finanziert. Im Gegensatz zu den frühen 1990ern scheint die Bau- und Immobiliensektor fester abgestützt – auch das ein Kernbereich, der viele andere Branchen in den Abgrund ziehen kann. Für die Schweiz sind das eher gute Nachrichten.

Insgesamt ist die Wirtschaft servicelastiger, was die gesellschaftliche Quarantäne-Stimmung teuer macht: Wenn die Menschen auf Spässe wie den Mailand-Trip verzichten, werden sie das später kaum nachholen.

Und zum ersten Mal steht die digitale Dienstleistungskultur vor einem echten Stresstest: Vielleicht streichen die Menschen ihre Bio-Hausliefer-Abo nun wieder. Vielleicht werden bald noch mehr Wohnungen auf AirBnB ausgeschrieben. Vielleicht kommen Gig-Worker bald massenhaft in Not. Vielleicht erkennen die Investoren von super-bewerteten hoch-verschuldeten Digital-«Einhörnern», dass sich ihr Millionenexit in eine sehr ferne Zukunft verschiebt.

Wer ist akut bedroht?

Gefährlich wird die Nachfragedelle in Servicebranchen, wo viele Betriebe eher knapp finanziert sind: Gastronomie, Hotellerie, Kinos, Events, Messen, Nachtclubs, Fussballclubs, Airlines. Auf der anderen Seite treffen die Angebotsbremsen vor allem Firmen, die erstens sehr abhängig von asiatischen Zulieferern sind und sich zweitens angewöhnt hatten, bei der Lagerhaltung zu sparen – beispielsweise in der Elektronik und Optik.

Ray Dalio, Amerikas erfolgreichster Hedge-Fund-Magnat, unterscheidet in dieser Lage zwei Kategorien von Unternehmen: Die einen werden in den nächsten Tagen und Wochen tiefere Umsätze und Gewinne ankündigen, aber eigentlich stehen sie solide da. Die anderen aber hatten zuvor schon das Messer der Verschuldung am Hals – nun schneidet es. Die Börse wird die ersteren herunterprügeln, während sie viele der zweiten Kategorie übersieht, so Dalio in einem soeben verfassten Essay. Schlaue Investoren könnten in den Bilanzen nun also wieder öfter nach einer bestimmten Kennzahl suchen – den Eigenfinanzierungsgrad.

Was entscheidet? Die Politik

Dalio hatte früh genug den Warnfinger erhoben: Wir stünden vor einer fundamentalen Trendwende, verkündete er Mitte Juli 2020 – und zwar «pretty close». Nun wiederholte er die Kernprognose vom Sommer und richtete jenen Warnfinger auf den eigentlichen Gefahrenherd: die Politik.

Die Staatenlenker könnten versucht sein, Mauern errichten und die Globalisierung abwürgen, so seine erste Befürchtung. Die alte Supermacht USA und die neue Supermacht China könnten sich am Ende noch bissiger gegenüberstehen. Populistische Bewegungen könnten sich durchsetzen.

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Ja, es gibt verschiedenste Rezessionen – doch etwas zeigt die Geschichte immer wieder: Kluge und koordinierte Entscheide der Regierungen können die Lage retten. Und Dummheiten wirken katastrophal. Die Rezession der 1930er artete zur Weltwirtschaftskrise aus, weil sich die Industriestaaten mit Schutzzöllen und Währungsabwertungen gegenseitig versenkten.

Kenneth Rogoff, der Harvard-Ökonom, fordert nun also vor allem «staatsmännisches Verhalten» und schlägt beispielsweise vor, dass die USA und China ihr Handelskriegsbeil begraben. «Eine globale Rezession ist eine Zeit für Zusammenarbeit», schrieb er in einem Essay. «Nicht für Isolation.»

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