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Euro-Krise: Die Angst der Schweizer

Klaus W. Wellershoff

Wer aufgrund des starken Frankens die Schweiz als Opfer des europäischen Schlamassels gesehen hatte, sollte noch einmal nachdenken.

Von Klaus W. Wellershoff
am 18.07.2012

Die Schweiz ist ein reiches Land. Wer in diesem Sommer durch die 26 Kantone fährt, sieht diesen Reichtum direkt vor Augen: Wunderschöne Dörfer und Städte, eine Verkehrsinfrastruktur, die weltweit ihresgleichen sucht, teure Autos, wohlgenährte Menschen. Wenn auch noch die Sonne schiene, wäre dies das Paradies auf Erden. So scheinen auch viele Menschen im Ausland zu denken.

Nicht nur ist die Schweiz ein wichtiges Reiseland für Millionen von Touristen. Nein, seit vielen Jahrzehnten ist die Schweiz auch ein Einwanderungsland. Zusammen erwirtschaften die 8 Millionen Schweizer und Ausländer, die in der Schweiz leben, ein Volkseinkommen, das sich sehen lassen kann. Im vergangenen Jahr waren es 580 Milliarden Franken. Das sind ungefähr 73000 Franken pro Einwohner. Ohne eine freiheitlich liberale Wirtschaftsordnung und eine grundsätzlich positive Einstellung zur Arbeit wäre dieser Leistungsausweis nicht möglich.

Gerade im Wirtschaftsverkehr mit den Nachbarn und der Welt erweist sich die Schweiz als besonders leistungsfähig. Exporten von Waren im Wert von 208 Milliarden Franken standen im Jahr 2011 Einfuhren von 185 Milliarden gegenüber. Noch ausgeprägter ist die Situation bei den Dienstleistungen, die durch den Tourismus, die Banken und die ­Versicherungen erbracht werden. Dort stehen einem Export von 93 Milliarden lediglich ­Importe von 42 Milliarden Franken gegenüber. Zusammengefasst dürfen wir feststellen, dass die Schweiz im Aussenwirtschaftsverkehr einen Überschuss von über 70 Milliarden Franken erwirtschaftet. Das bedeutet, dass wir im Augenblick netto 70 Milliarden Franken pro Jahr als neue Forderungen gegenüber dem Ausland ­erwerben. Wir sind seit Jahren Kapitalexporteur.

Trotz rückläufiger Produktion sind wir reich

Dieses Bild ist ein schöner Leistungsausweis für den Standort Schweiz. Trotz konjunkturell rückläufiger Produktion ist die Schweiz reich. Es geht ihr gut und dennoch sind viele von uns im Augenblick in Sorge. Das Land hat Angst vor der weiteren Entwicklung Europas und des Euro. Wohl in kaum einem Land hat die Diskussion dabei eine so grosse Hoffnungslosigkeit angenommen wie in der Schweiz. Herr und Frau Schweizer sind sich grossenteils einig, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Gemeinschaftswährung unserer Nachbarn mit verheerenden Folgen für die Schweiz in sich zusammenbricht.

Mit Sorge blicken wir auf die Nationalbank, die im vergangenen Spätsommer eine Wert­obergrenze für den Franken gegenüber dem Euro eingeführt hat und seit zwei Monaten ­gezwungen ist, in grossem Umfang zu diesem Wechselkurs Franken dem Markt abzugeben. Die Devisenreserven wachsen und damit auch die Geldmenge, die den Banken zur Geldschöpfung zur Verfügung gestellt wird. Die ­Verbindung zwischen diesen Beobachtungen scheint nur allzu offensichtlich: Die Euro-Krise macht den Franken stark. Es muss Fluchtkapital sein, das da in den sicheren Hafen des Frankens drängt.

Zugegeben, die Hypothese ist einleuchtend, sie klingt bestechend. Einzig, sie hat einen ­Haken. Bisher fehlt jeglicher Beweis für den behaupteten Zusammenhang. Wenn die Hypothese stimmen sollte, dann dürfte die Schweiz doch nicht Kapital exportieren, sondern wir würden von Kapitalimporten reden müssen. ­Irgendwo müsste das Geld ja auch bleiben. Müssten wir nicht erwarten, dass unsere Banken sich vor ausländischen Kunden nicht mehr retten können?

Ausländische Kunden ziehen ihr Kapital ab

Von alldem ist aber nichts zu sehen. Wir bleiben Kapitalexporteur und unsere Banken erleben gerade genau das Gegenteil. Ausländische Kunden ziehen ihr Kapital ab. Die letzten Quartalsergebnisse der Grossbanken, die gemeinsam weit mehr als die Hälfte des Offshore Private Banking in der Schweiz betreuen, sprechen hier eine eindeutige Sprache. Ein Wachstum der verwalteten Vermögen hat, wenn überhaupt, in den asiatischen Filialen stattgefunden. Die Gesamtrate liegt auf jeden Fall deutlich ­unter dem Wachstum des Weltmarkts der Vermögensverwaltung. Mit anderen Worten: Die Schweizer Banken verlieren laufend Markt­anteile! Von einem sichtbaren Kapitalzufluss sind wir also trotz mittlerweile dreijähriger Frankenstärke weit entfernt.

Wenn es also nicht ausländische Kapitalflüchtlinge sind, wer kauft dann die Franken bei der Nationalbank? Die Antwort ist so ­einfach wie wohl auch überraschend: Es sind die Schweizer selbst, die den Franken stark­machen.

In einer jüngst veröffentlichten Studie der LGT hat die Liechtensteinische Fürstenbank untersucht, wie sich die Währungszusammensetzung ihrer schweizerischen und österreichischen Kundenportfolios seit 2010 verändert ­haben. 34 Prozent der Schweizer Kunden haben ihre Euro-Bestände reduziert. Bei den Österreichern waren es hingegen lediglich 9 Prozent. Zudem meldeten 38 Prozent aller befragten Schweizer Kunden, dass sie Franken aufgebaut haben. Zugegeben, das ist nur eine Umfrage bei einer vielleicht nicht repräsentativen Bank. Sollten sich diese Aussagen aber verallgemeinern lassen, dann könnten die Auswirkungen gewaltig sein. So schätzt doch die Nationalbank, dass sich das Auslandvermögen der Schweiz auf weit über 750 Milliarden Franken beläuft.

Hiesige Unternehmen sichern Euro-Einnahmen ab

Auch von der Seite des Aussenhandels droht dem Franken Ungemach. So war im vergangenen Spätsommer die Reaktion der Unternehmen auf die Einführung der Wechselkursgrenze zum Euro einhellig positiv. Die Garantie der ­Nationalbank schien glaubwürdig, und sicherlich haben viele Exporteure darauf vertraut, dass die Nationalbank von nun an die Absicherung der Währungsbestände übernehmen wird. Nach der jüngsten Verbalattacke von Grübel, Blocher & Co. erscheint das vielen nicht mehr so evident. Viele der uns bekannten Unternehmen haben in den vergangenen Monaten wieder ­begonnen, ihre Euro-Einnahmen am Devisenmarkt abzusichern. Bei Exporten von weit über 120 Milliarden in die Euro-Zone braucht es nicht viel, um die Nationalbank zu grösseren Devisenmarktinterventionen zu zwingen.

Wäre die Sache nicht so ernst, müsste man fast ein wenig schmunzeln. Es scheint also erste zaghafte Evidenz dafür zu geben, dass es sich bei der jüngsten Bewegung in den Franken nicht um eine Flucht-, sondern um eine Reduit-Bewegung handelt. Wer aufgrund des starken Frankens die Schweiz als Opfer des europäischen Schlamassels gesehen hatte, sollte noch einmal nachdenken. Vielleicht sind es die Schweizer selbst, die mit ihrer Angst vor dem Euro sich das Leben schwer machen.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.

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