Die EZB beriet an diesem Vormittag auf ihrer Ratssitzung über geldpolitische Hilfen für die durch die Coronavirus-Epidemie geschwächte Wirtschaft. Angesichts massiver Börsenturbulenzen und unterbrochener Lieferketten bei Unternehmen steht EZB-Chefin Christine Lagarde vor ihrer bislang schwierigsten Aufgabe.

Am Finanzmarkt wurde ein ganzes Massnahmenbündel erwartet – insbesondere eine Senkung des Einlagensatzes. Der Rat widersetzte sich aber der Idee und beliess den Satz bei –0,5 Prozent. Die EZB kündigte vielmehr an, dass man fürs erste nicht mit weiteren Zinssenkungen rechne, konkret: «bis sich die Inflationsaussichten robust auf ein Niveau hinreichend nahe, aber unterhalb von 2 % Prozent» angenähert haben.

Zum Paket, mit dem die Euro-Währungshüter auf die aktuelle Krise reagieren, gehören insbesondere Geldspritzen für Europas Banken – damit von dort aus wiederum Mittel zu den KMU fliessen. Das heisst konkret:

  • Zur Sicherung der Liquidität werden vorübergehend zusätzliche Refinanzierungsgeschäfte durchgeführt.
  • Es gibt «erheblich günstigere Bedingungen» für die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTRO III), und zwar von Juni 2020 bis Juni 2021. Die soll die Kreditvergabe der Banken an die von der Ausbreitung des Coronavirus am stärksten betroffenen Parteien unterstützen, insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen. Während dieses Zeitraums wird der Zinssatz für diese TLTRO-III-Operationen 25 Basispunkte unter dem durchschnittlichen Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte des Eurosystems liegen. 
  • Bis Ende des Jahres wird ein vorübergehender Rahmen für zusätzliche Nettoankäufe von Anleihen in Höhe von 120 Milliarden Euro bereitgestellt. Damit will die Notenbank günstige Finanzierungsbedingungen für die Realwirtschaft unterstützen.

Ernüchterung an den Börsen

«Das Arsenal der EZB ist aber nicht mehr allzu voll», kommentiert Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, in einer ersten Reaktion: «So sehr sich die Notenbank derzeit bemühen, ihr Scherflein zur Krisenbewältigung beizusteuern, noch niedrigere Zinsen und noch mehr Staatsanleihekäufe werden nur bedingt ökonomischen Nutzen haben. Es müssen jetzt die richtigen Instrumente benutzt werden. Lagarde hat dies erkannt. Es ist richtig, dass die EZB mehr Unternehmensanleihen kaufen wird. Das hat tatsächlich einen direkten positiven Einfluss auf die Unternehmensfinanzierung. Die EZB setzt mit höheren Käufen von Unternehmensanleihen also an der richtigen Stelle an.»

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Clemens Fuest: Gut, das auf Zinssenkung verzichtet wurde

Lob kam auch von Clemens Fuest, dem Präsidenten des Instituts Ifo in München: «Die Beschlüsse der EZB weisen insgesamt in die richtige Richtung», sagte er: «Sie sind vor allem darauf ausgerichtet, krisenbedingt aufkommenden Liquiditätsproblemen bei Banken und kleinen und mittleren Unternehmen entgegenzuwirken. Die Ausdehnung der Anleihekäufe mit Konzentration auf Anleihen privater Emittenten kann dazu ebenso beitragen wie die Verbesserung der Konditionen des gezielten und langfristigen Programms für die Banken-Refinanzierung.» Fuest begrüsste auch, dass auf weitere Zinssenkungen verzichtet wurde – deren Wirkung wäre angesichts der bereits heute negativen Einlagenzinsen der EZB ohnehin gering.»

In einer ersten Reaktion zeigten sich die Märkte eher ernüchtert: Nach einem schweren Einbruch am Morgen zeigten nach der Ankündigung keine Anzeichen einer Erholung. Bei ihrem Auftritt vor den Medien in Frankfurt gab Christine Lagarde den Ball aber auch weiter: Von den Staaten in Europa sei nun eine «ehrgeizige und koordinierte Antwort der Fiskalpolitik» nötig.

 

(rap — Reuters)