Der Ölpreis stürzt ab. Nun ist der Futures-Preis für die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) erstmals in der Geschichte ins Negative gefallen. Das heisst, Produzenten und Händler zahlen dafür, den Rohstoff per Mai loszuwerden. Denn seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Nachfrage eingebrochen, der Preis seit Wochen im Sinkflug. 

Dieser Preissturz schlägt sich auch in der sinkenden Inflation nieder. In der Schweiz sind die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat im März um 0,5 Prozent zurückgegangen. Im Februar waren sie mit 0,1 Prozent noch ganz leicht gestiegen. Auch in der Eurozone stiegen die Konsumentenpreise im März nur noch um 0,7 Prozent, im Februar lag die Teuerung noch bei 1,2 Prozent. 

Warnung vor dem Gegenteil

Und dennoch warnen einige Ökonomen vor einer Inflation. Wie ist das möglich? Denn bislang ist das Gegenteil zu beobachten: Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft drücken die Preise weiter nach unten. Wegen des Einbruchs von Konsum und Investitionen ziehen die Zentralbanken alle Register, um den Geldpreis zu senken und die nötige Liquidität bereitzustellen. Die US-Notenbank Fed senkte in diesem Jahr bereits mehrfach die Zinsen, die Europäische Zentralbank (EZB) will Anleihen bis zu 750 Milliarden Euro bis Ende des Jahres kaufen. 

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Treibt diese Geldschwemme der Notenbanken die Inflation nach oben? Und werden die Preise und Zinsen stark steigen, wenn die «Normalität» zurückkehrt?

Einige Experten rechnen sogar damit, dass die Zentralbanken bei einer künftigen wirtschaftlichen Erholung die Zinsen erhöhen könnten, um eine anrollende Teuerung einzudämmen. Andere wiederum gehen vom Gegenteil aus, das heisst langfristig mit niedrigeren Zinsen, auch wenn die Inflation wieder anzieht.

Welche Meinung am Ende Recht erhält, wird wohl davon abhängen, wie stark die Erholung der Wirtschaft aussehen wird. 

Was für eine Inflation spricht

Vorab sei eines gesagt: Die Unsicherheit ob der derzeitigen Krise und der künftigen Erholung machen Prognosen extrem schwierig. Das zeigen etwa die Inflationserwartungen der New Yorker Federal Reserve: Für die nächsten Jahre erwartet sie eine Inflation zwischen mindestens 0,6 Prozent und höchstens 5 Prozent. Die «Inflationsunsicherheit» sei dramatisch angestiegen – seit 2013 war dies nicht mehr der Fall. 

Grafik - Welt.de - Nationalbanken
Quelle: welt.de

Die Corona-Krise erzwingt einen Produktionsstopp für unzählige Güter und Dienstleistungen, unterbricht globale Produktionsketten, treibt die Rohstoffpreise nach unten und bringt Millionen von Arbeitslosen hervor. Diese Mischung aus Angebots- und Nachfrageschock schränkt die Produktionskapazität der Volkswirtschaften zumindest vorübergehend stark ein.

Kernfrage: Wie rasch erholt sich die Inflation?

Gleichzeitig versuchen Zentralbanken und Regierungen, den Schlag abzufedern, indem sie Hunderte von Milliarden in die Wirtschaft injizieren. Was wird geschehen, wenn die Wirtschaft wieder «normal« läuft? Langfristig könnte die Pandemie die Inflation erhöhen. Vor allem dann, wenn sich die Wirtschaft rasch erholt. Dann kann das Zuviel an Liquidität zum Problem werden.

Dass die Inflation nach der Krise stark ansteigen wird, schreiben etwa Charles Goodhart, emeritierter Professor an der London School of Economics, und Manoj Pradhan, von Talking Heads Macroeconomics bei «Voxeu». Sie glauben jedoch, dass die Zentralbanken die nominalen Zinssätze nicht erhöhen werden, um den Bankrott von Unternehmen und Staaten zu vermeiden. Ihre Schlussfolgerung: Die Sparer werden die grossen Verlierer dieser Erholung sein. Ihre Ersparnisse dürften einer hohen Inflation, aber sehr niedrigen nominalen und realen Zinsen dahinschmelzen. 

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Quelle: Brightcove

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Nun könnte man argumentieren, dass auch auch nach der Krise von 2008 und der ultralockeren Geldpolitik die Inflation nicht stieg. Doch einige Ökonomen sagen, dass die Zentralbanken den Bankensektor zwar mit Liquidität überschwemmten – wie dies heute geschieht –, dass aber damals das Geld von den Banken zurückgehalten wurde. Nun aber werde das Geld direkt in die Hände von Bürgern und Unternehmen gelegt.

«Wir werden negative Realzinsen sehen»

Fängt die Wirtschaft wieder an zu wachsen, steige die Inflation deutlich über das Niveau der nominalen Zinssätze. «Wir werden negative Realzinsen sehen, die notwendig sein könnten, um das System auszugleichen, da sich das reale Wachstum angesichts der Umkehrung der Globalisierung und des Rückgangs der Erwerbsbevölkerung verlangsamt. Selbst wenn sich die Zentralbanken bei einer so hohen Inflation unwohl fühlen, werden sie sich bewusst sein, dass unsere Volkswirtschaften aufgrund der hohen Verschuldung weiterhin sehr anfällig sind», schreiben Goodhart und Manoj Pradhan

Was für eine Deflation spricht

Ein weiteres Argument für eine Inflation ist die Deglobalisierung: Viele Unternehmen erleben derzeit, wie anfällig die komplexen globalen Lieferketten sie machen. In den kommenden Jahren könnten sie ihre Produktion näher an Heimmärkte zurückführen. Dies würde die Produktionskosten erhöhen und somit auch zu einer höheren Inflation führen. Marc Brütsch, Chefökonom von Swiss Life, erwartet allerdings höchstens «One-off-Effekte» bei gewissen Gütern; zudem sei nicht klar, ob diese Wirkungen überhaupt an die Konsumenten weitergegeben würden. Die Gefahr einer Inflationsspirale sieht er daher nicht.   

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Kurzfristig bestehe überhaupt keine Inflationsgefahr: «Was am Ölmarkt abgeht und die riesigen unausgeschöpften Kapazitäten in Infrastruktur, Industrie und Arbeitsmarkt sind vorderhand massiv disinflationär. Wenn überhaupt ist Inflation etwas für (viel) später», schreibt Brütsch auf Twitter.

Arbeitslosigkeit versus Teuerung

Wenn die Wirtschaft wieder anläuft und die Nachfrage steigt, werde es keine Engpässe geben, da diese Kapazitäten schnell wieder abgerufen werden können.

Eine stagnierende Inflation und niedrige Zinssätze über einen längeren Zeitraum erwarten auch andere Experten, vor allem weil sie davon ausgehen, dass sich die Wirtschaft langsamer als erwartete und weniger kräftig erholen wird.

So David Rosenberg – der Chefökonom von Rosenberg Research sagt gegenüber «Bloomberg», dass er «für die absehbare Zukunft keine Inflation am Horizont sieht. Hohe Arbeitslosigkeit und eine langsamer als erwartete Erholung werden die Volkswirtschaften daran hindern, ihr potenzielles BIP schnell zu erreichen. Solange es Arbeitslose gibt und die Produktion unterbrochen ist, werden wir keinen Preisanstieg beobachten.»

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Adam Slater, Ökonom bei Oxford Economics, spricht von einer Zeit der Unsicherheit, selbst nachdem die Pandemie eingedämmt worden ist. «Es scheint ein grosses Risiko zu bestehen, dass Unternehmen und Haushalte mit einer Erhöhung der vorsorglichen Ersparnisse und dem Versuch, ihr Vermögen wieder aufzubauen, reagieren werden. Dies könnte sich mittelfristig negativ auf Investitionen, Produktivität und Wachstum auswirken.»

Modell Japan

Ein solcher Trend in Richtung einer «Japanisierung» der Wirtschaft in der industrialisierten Welt, sei bereits seit der Weltfinanzkrise zu beobachten und könnte sich nun beschleunigen. Die «Japanisierung» ist durch sehr niedrige oder negative Zinssätze, eine stagnierende Inflation und ein mässiges BIP-Wachstum gekennzeichnet.

Auch die Ökonomen der Credit Suisse sind gelassen gegenüber einem möglichen Inflationsrisiko. Die Krise wirke sich «stark disinflationär aus, da viele Privathaushalte und Unternehmen Einkommensverluste erleiden werden und deshalb ihre Ausgaben drosseln müssen. Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet oder ihn gar verliert, wird wohl kaum unverzüglich alle vom Staat erhaltenen Finanzhilfen ausgeben», schreibt Michael Strobaek, Global CIO der Bank.