Die Anlegerinnen und Anleger an den Börsen – vor allem in Asien – haben sich am Mittwoch erleichtert darüber gezeigt, dass die Inflation in den USA unter den düstersten Prognosen geblieben ist. Allerdings wurden die Kursgewinne durch die gestiegenen Ölpreise begrenzt.

Aus Anlegersicht ist die Inflation eines der Topthemen. Zumal die Inflation in den USA im März auf den höchsten Stand seit über vierzig Jahren gestiegen ist. Waren und Dienstleistungen kosteten im Schnitt 8,5 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

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Zuletzt hatte allerdings die Furcht vor einem noch stärkeren Anstieg zugenommen. Die US-Notenbank Fed hatte signalisiert, die Zinsen aggressiv anheben zu wollen, um die steigende Inflation unter Kontrolle zu bringen. «Es ist zwar unwahrscheinlich, dass dies die Fed davon abhalten wird, die Zinsen im Mai um 50 Basispunkte zu erhöhen, aber wenn die Inflation so weitergeht, wird der Druck auf die Fed, in der zweiten Jahreshälfte übermässig aggressiv vorzugehen, geringer sein», sagte Clara Cheong, Strategin bei J.P. Morgan Asset Management.

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7 Prozent Inflation in Grossbritannien

Auch die britischen Verbraucherpreise sind im März so stark gestiegen wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. Waren und Dienstleistungen kosteten durchschnittlich 7,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Office for National Statistics am Mittwoch in London mitteilte. Das ist das höchste Niveau seit März 1992. 

Die Bank of England stemmt sich mit Zinserhöhungen gegen die hochschiessende Inflation im Land. Die Währungshüter treffen sich Anfang Mai zu ihrer nächsten Sitzung. Sie erhöhten Mitte März den Leitzins von 0,5 auf 0,75 Prozent. Die Londoner Notenbank hatte im Dezember als erste der grossen Zentralbanken seit Beginn der Corona-Pandemie die Zügel angezogen. Ein weiterer Zinsschritt folgte im Februar.

Und die Europäische Zentralbank (EZB)? Sie entscheidet am Donnerstag wieder über den Leitzins. Beobachterinnen erwarten, dass die Währungshüter vorerst in Wartestellung bleiben. Der sogenannte Einlagesatz – eine Art Strafzins für das Horten von Geld bei der EZB – liegt seit Jahren bei minus 0,5 Prozent, während auch der Leitzins auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent verharrt.

Der EZB-Rat hält sich die Tür für eine Erhöhung aber offen. Er steht bereit, «alle seine Instrumente» bei Bedarf anzupassen. Damit will er sicherstellen, dass sich die Inflation mittelfristig bei der Marke von 2,0 Prozent stabilisiert. Zuletzt war die Teuerung mit 7,5 Prozent aber weit über den Zielwert hinausgeschossen.

Steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise infolge des Krieges in der Ukraine haben derweil auch das Leben in Deutschland, der grössten Ökonomie Europas, im März so stark verteuert wie seit über vierzig Jahren nicht mehr. Die Verbraucherinnen und Verbraucher zahlten hier für Waren und Dienstleistungen durchschnittlich 7,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte.

Die Schweiz kommt noch relativ gut weg

Derweil spaltet die aktuelle Geldpolitik der Schweizer Nationalbank (SNB) die Ökonomen: Einer Umfrage von NZZ und KOF zufolge sieht knapp die Hälfte der Expertinnen und Experten die aktuelle Marschroute der Währungshüter als zu expansiv an, die etwas grössere Hälfte findet sie noch angemessen.

Die Schweiz kommt in Sachen Inflation bislang noch relativ gut weg; mit einer Inflation von zuletzt 2,4 Prozent liegt der Wert aber auch am oberen Rand des Zielbandes der SNB. Diese sieht jedoch aktuell noch keinen Handlungsbedarf.

Die NZZ hat nun zusammen mit der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) 110 Ökonominnen und Ökonomen zur weiteren Entwicklung der Teuerung und zur Reaktion der SNB darauf befragt. Mit 63 Prozent zeigt sich eine Mehrheit zuversichtlich, dass die hiesige Inflation nur ein temporäres Phänomen sei.

Wesentlicher Treiber der Inflation ist für 73 Prozent der Expertinnen und Experten der Kostenanstieg durch unter anderem steigende Rohstoff- und Energiepreise. Nur 26 Prozent sehen den Kostensprung in gleichem Mass als Ursache wie den Nachfrageanstieg nach der Pandemie.

Wohl kein Vorpreschen der SNB

Deutlich geteilter Meinung sind laut einer KOF-Mitteilung die Ökonomen und Ökonominnen in Bezug auf die aktuelle Politik der Nationalbank. Immerhin betrachten mit 53 Prozent etwas mehr als die Hälfte die momentane Marschrichtung als angemessen. Rund 44 Prozent seien allerdings für eine restriktivere Geldpolitik, etwa über eine Leitzinserhöhung, heisst es weiter.

Mittelfristig, also in den kommenden fünf Jahren, erwarten 55 Prozent der Befragten eine Leitzinserhöhung bis in den positiven Bereich. 38 Prozent gehen immerhin von einem Zins um die Nullmarke aus, die übrigen Befragten prognostizieren anhaltende negative Zinsen.

Die grosse Mehrheit von 94 Prozent erwartet für den Prozess der Zinsnormalisierung, dass die SNB nicht vor der EZB an der Zinsschraube drehen wird. Ein Vorpreschen der Nationalbank würde die Aufwertung des Frankens noch verstärken. Aber auch wenn die SNB auf die EZB wartet, geht über die Hälfte der Befragten von einer weiteren Aufwertung der heimischen Währung aus.

Reuters / Bloomberg/ AWP