Herr Roth, an welche Finanzkrise erinnert Sie die heutige Lage am meisten?
Jean-Pierre Roth: Die Baisse an den Börsen in diesem Jahr lässt an den Crash vom Oktober 1987 denken, als der Dow-Jones-Index an einem einzigen Tag 22,6 Prozent verlor und unter 2000 Punkte fiel. Ein Blick auf die langfristigen Kurven zeigt, wie stark sich die Kurse seither erholt haben. Derselbe Index war am Donnerstagabend knapp unter 19'000.

Jean-Pierre Roth war von 2001 bis 2009 Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Er war auch Gouverneur des IWF und Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ. 

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Wir lassen uns vom Kurszerfall einiger Tage beeindrucken, vergessen jedoch die enorme Erholungskraft der Märkte. Die Wirtschaftsproduktion hat sich in diesem Winter stark verlangsamt, doch die Produktionskapazitäten sind intakt geblieben. Sie stehen bereit, um eine zukünftige Erholung auszunützen.

Stürzt der Stopp der Wirtschaft nicht viele Unternehmen und Geschäfte in den Konkurs?
Jeder erinnert sich an die Worte von Mario Draghi: Als Präsident der Europäischen Zentralbank EZB kündigte er an, dass er alles tun werde, um den Euro zu retten – «whatever it takes». Die Behörden werden nun mit Sicherheit alles tun, was nötig ist, um die Unternehmen dabei zu unterstützen, diese Herausforderung zu meistern. Das Wirtschaftssystem bleibt intakt.

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«Wir lassen uns vom Kurszerfall einiger Tage beeindrucken, vergessen jedoch die enorme Erholungskraft der Märkte.»

Viele Ökonomen erwarten, dass diese Krise strukturelle Auswirkungen hat, zum Beispiel das Ende der Globalisierung. Was denken Sie?
Die Meinung teile ich nicht. Der Markt ist integrierter denn je, bei Menschen wie Technologien. Man kann vielleicht beim Risikomanagement gewisse Massnahmen treffen und Lektionen aus einer Gesundheitskrise wie dieser Pandemie ziehen.

Lässt sich die Schliessung von unzähligen Geschäften und KMU vermeiden?
Die Regierungen zeigen, dass sie fest entschlossen sind, diese Schliessungen zu verhindern und die Firmen in allen Sektoren zu entlasten. Es liegt nun an ihnen, Fantasie zu beweisen und Lösungen vorzulegen, die geeignet und flexibel sind – beispielsweise im Steuerbereich und beim Abbau von Gebühren. Sie wollen entschlossen verhindern, dass sich die Gesundheitskrise in eine Wirtschaftskrise verwandelt.

Aber dazu bräuchte es internationale Zusammenarbeit. Hat sich die – verglichen mit den 1980ern und 1990ern – nicht verschlechtert?
Nein. Die Aktionen der Zentralbanken sind perfekt koordiniert, wie üblich. Nun liegt es an jeder Regierung, auf die lokale Lage zu reagieren und adäquate Instrumente einzusetzen, um eine Wirtschaftskrise zu vermeiden.

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