So schön bestellt war der Garten seines Einfamilienhauses schon lange nicht mehr. Der fünfzig­jährige Angestellte einer berühmten Genfer Uhren- und Schmuckfirma schwärmt: Dank Kurzarbeit ar­beite er seit April nur zweieinhalb Tage die Woche. Die zweite Wochenhälfte hat er frei und pflegt seine Pflanzen. Für diese Zeit zahlt der Staat ihm 80 Prozent seines Lohns: Die ­sogenannte Kurzarbeitsentschädigung.

Die Schmuckfirma beschäftigt ihn seit dreissig Jahren. Seine Spezialität ist die Fassung von Ju­welen. Er ist hier unverzichtbar. Sein Chef würde ihm wohl nicht so schnell kündigen. Doch weil der Umsatz stagniert, macht der Patron sich das Regime zunutze: Er schickt ihn auf Kosten des Bundes nach Hause und senkt damit seine variablen Kosten. So reduziert er seinen finanziellen Verlust, ohne die Fachkraft zu verlieren. Sollte der Aufschwung kommen, holt er ihn zurück.

Der Schmuckhersteller ist in guter Gesellschaft: 189'000 Firmen haben bis Mai Kurzarbeit für 1,9 Millionen Angestellte beantragt. 184'000 Firmen wurde die Kurzarbeit bewilligt. Das heisst, der Staat zahlt 80 Prozent der Löhne dieser Angestellten. Eigentlich war nur die Rede von Direktbetroffenen des Corona-Shutdowns. Doch nicht nur Restaurants, Veranstalter, Schulen und Läden schickten ihre Leute nach Hause, sondern etliche andere Firmen auch.

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Beispiele sind querbeet durch die Wirtschaft zu finden: etwa die Schweizer Tochterfirma des Pneuhändlers Continental, die Effretiker Antriebskomponentenfirma Nova Swiss oder das Medienhaus Tamedia. Daten zur Verteilung nach Branchen sind vorerst nur Experten zugänglich. Aber Umfragen vom April zeigen, dass auch IT-Anbieter, Spitäler, Anwälte und Berater auf Kosten des Staates kürzertreten wollen. Sie alle haben Kurzarbeit eingeführt und so das unternehmerische Risiko der Arbeitslosenversicherung (ALV) überbürdet. Die meisten haben wohl nichts Unrechtes getan. Aber aus der Sicht des Staates stellt sich die Frage, ob die Kurzarbeitsentschädigung damit sinnvoll eingesetzt ist.

Jobs erhalten durch Kurzarbeit

In der Wissenschaft kennt man das Phänomen der «Mitnahmeeffekte». «Dazu kommt es, wenn Kurzarbeitsgelder eingesetzt werden, um Jobs zu erhalten, die auch ohne Unterstützung erhalten worden wären», sagt der ETH-Konjunkturforscher Michael Siegenthaler, Leiter Sektion Arbeitsmarkt. Eine weitere Gefahr sei, dass ­Entlassungen «lediglich hinausgezögert statt verhindert» würden. Der Staat habe deshalb ein Interesse daran, die Hilfe zu kontrollieren.

Kurzarbeit in Zahlen

37 Prozent: Diese Zahl entspricht dem Anteil der Beschäftigten in der Schweiz Ende April, für die Kurzarbeit beantragt wurde. In Zahlen: 1,91 Millionen Arbeitnehmende aus rund 189 000 Betrieben. Einen Monat zuvor, Ende März, waren es 31 Prozent der Beschäftigten oder 1,6 Millionen Arbeitnehmende aus 155 500 Betrieben.

1,02 Milliarden: Die Zahl in Franken beziffert die bisher ausbezahlten Entschädigungen für Kurzarbeit (das heisst ohne Arbeitslosengeld) seit Jahresbeginn: 1,02 Milliarden, das sind für Januar und Februar je 5 Millionen, im März 30 Millionen, im April 720 Millionen und im Mai bisher 260 Millionen Franken.

438 Einsprachen: So hoch ist die Anzahl der Einsprachen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) gegen Bewilligungsentscheide der Kantone zu Kurzarbeit. Etliche betreffen die Bewilligungsgesuche öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber, darunter die der regionalen Verkehrsbetriebe

14 Milliarden: So hoch wird der Nachtragskredit geschätzt, der benötigt wird, um die Kurzarbeitsentschädigungen im bisherigen Umfang bezahlen zu können. Der im März gesprochene Betrag von 6 Milliarden, den der Bund über Notkredite finanziert hatte, dürfte bald ausgeschöpft sein. Das Seco ist daran, einen Nachtragskredit zu beantragen. Das Geld fliesst über die Arbeitslosenversicherung.

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Im Arbeitslosengesetz steht klipp und klar: Der Arbeitsausfall muss kurzfristig und unvermeidbar gewesen und der Job unmittelbar gefährdet sein, damit ein Arbeitgeber Kurzarbeit beantragen kann. Das heisst: Ist das Geschäft schon vor Co­rona mehr schlecht als recht gelaufen, könnten die Arbeitsämter eine Entschä­digung verweigern. Im Beispiel des Genfer Schmuckherstellers würde dies bedeuten: Nur wenn dieser nachweisen kann, dass die Stelle seines Juweliers unmittelbar bedroht war, hätte er Anspruch auf eine Kurz­arbeitsentschädigung. Da die Luxusbranche schon länger im Tief steckt, dürfte dieser Nachweis allerdings schwer zu erbringen sein.

Die OECD hat im April den Mahnfinger erhoben: Durch die massenweise Kurzarbeit könnten strukturelle wirtschaftliche Reformen verschleppt werden. Bisherige internationale Untersuchungen zur Wirksamkeit von Kurzarbeit kamen zu ­einem durchzogenen Ergebnis. Einige wenige konnten dämpfende Effekte auf die Arbeitslosigkeit nachweisen, andere nicht.

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KOF-Studie mit positivem Fazit

So untersuchte KOF-Forscher Siegenthaler zusammen mit Daniel Kopp die Folgen des Kurzarbeitsregimes nach der Frankenkrise 2015. Die Studie publiziert er 2017 und zog eine positive Bilanz: «Unsere Analysen zeigen klar, dass Kurzarbeit in den Jahren 2009 bis 2015 dazu beigetragen hat, Entlassungen zu verhindern.» Wie kam er dazu?

Siegenthaler verglich 2009 bis 2015 sehr ähnlich gelagerte Firmen in unterschiedlichen Kantonen. Die einen erhielten die Kurzarbeit bewilligt, andere nicht. Dies, weil Gesuche von ähnlichen Betrieben durch die Kantone unterschiedlich beurteilt werden. Das Resultat? Firmen ohne Kurzarbeit entliessen in der Zeit nach der abgelehnten Bewilligung einen beachtlichen Teil ihrer Belegschaft. In Firmen mit bewilligter Kurzarbeit kam es auch längerfristig kaum zu Entlassungen. Nach Schätzungen reduzierte sich die Zahl der Entlassenen dank Kurzarbeit in den drei Jahren nach ­einem Antrag «um mindestens 10 Prozent der ­Belegschaft».

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Seco: «Jetzt müsst ihr aufpassen: Seit Montag schauen wir genau hin»

Das Wirtschafts-Staatssekretariat Seco prüft nun verstärkt, ob Firmen mit einem grossen Anteil von Angestellten in Kurzarbeit die Lage ausnützen. Hier gehts zum Interview mit Oliver Schärli, Leiter im Bereich Arbeitslosenversicherung und Arbeitsmarkt beim Seco.

Auch der Staat habe einen Vorteil daraus. Dazu muss man wissen: Ob Kurzarbeitstaggelder oder Arbeitslosengelder – für beides kommt die Arbeitslosenkasse auf. «Ohne Kurzarbeit hätte ­jeder vierte bis jeder dritte Kurzarbeiter seine Stelle verloren – viele der Entlassenen hätten eine überdurchschnittlich lange Arbeitslosigkeit gehabt», so der KOF-Forscher. Die Kasse sparte also «pro Betrieb mit Kurzarbeit rund 650 Tag­gelder oder 108'000 Franken Entschädigung» ein. Siegenthalers Überlegungen zeigen: Kurzarbeitsentschädigungen sind wirtschaftlich gesehen «eine Subvention des Staates und keine Ver­sicherungsleistung», wie oft behauptet wird.

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Viele steigen vor der maximalen Dauer aus

Der Staat habe daher ein erhebliches Inte­resse an einem guten Kurzarbeitsregime, sagt Siegen­thaler. Jetzt müsse er schauen, dass das System nicht ausgenützt werde und in Verruf komme.

Die grösste Herausforderung sieht der Experte im Missbrauchsrisiko. Er macht Beispiele: Ein Restaurantbesitzer ruft seine in Kurzarbeit gemeldeten Mitarbeitenden stundenweise zur Arbeit ins Geschäft, ohne dies zu melden. Oder: Ein Arbeitgeber meldet Kurzarbeit für Mitarbeitende an, deren Job bereits vor der Krise gefährdet waren und die vor der Entlassung standen. Sein Antrag geht in der Masse der Anträge unter. Damit ver­zögert er die Firmensanierung auf Staatskosten.

Doch irgendwann wird das Ende kommen. 2009 war Kurzarbeit auf 24 Monate begrenzt. Die allermeisten Firmen sagten sich von selbst los: Von 2009 bis 2014 bezogen rund 13'500 Betriebe Kurzarbeit – nur rund 200 blieben bis zur maximalen Bezugsdauer, sagt Siegenthaler.

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Den Fall des Juweliers sieht er als unproblematisch an. Zwar habe sich der Arbeitgeber die Sache wohl zu einfach gemacht. Aber der Schmuck­hersteller werde seine Fachkraft wohl aufbieten, sobald der Konsum wieder anziehe. Ergo sei dies kein verlorener Fall – und sicher besser, als wenn der Mann entlassen und zum RAV geschickt worden wäre. «Lange Schlangen vor den Arbeits­vermittlungsämtern wären keine gute Alternative. Sie hätten psychologisch eine krasse Wirkung, nicht nur für die Betroffenen, sondern auf die ­ganze Bevölkerung, weil sie den Aufschwung bremsen würden», glaubt Siegenthaler.

Kurzarbeitsentschädigung: Streit in voller Härte

Die meisten Verkehrsbetriebe in Staatshand haben Kurzarbeit beantragt. Die SBB wollen keine Details nennen, bestätigen aber, eine «Voranmeldung für Kurzarbeit für den Personenverkehr und die Infrastruktur sowie für Teile von SBB Cargo» eingereicht zu haben. Tausende Mitarbeitende dürften betroffen sein. Die Berner BLS hat für rund 400 Personen Kurzarbeit beantragt. Dies sind 12 Prozent der Belegschaft. Sie betreffen nicht subventionierte Bereiche (Schifffahrt, Autoverlad und Güterverkehr). Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) hatten «Kurzarbeit ab Beginn der Angebotsreduktion für das Gesamtunternehmen» beantragt. Der Kanton verweigerte die Bewilligung bereits. Jetzt prüfen die VBZ eine Beschwerde dagegen.

Bern Mobil hat ebenfalls «pauschal Kurzarbeit angemeldet und nicht bezogen auf einzelne Mitarbeitende». Der Kanton Bern hat das Gesuch noch nicht bewilligt. Die befragten Unternehmen betonen, dass sie dies «nach Aufforderung des Bundesamtes für Verkehr» gemacht hätten. Alle machten 2019 Betriebsgewinne, aber dank Subventionen. Beim Bund ist ein Spiel im Gange: Bundesrätin Simonetta Sommaruga will das Recht auf Kurzarbeitsentschädigungen im öffentlichen Verkehr, der Gesamtbundesrat nicht. Diesen Grundsatz hat er kürzlich bestätigt: Dem ÖV fehle das wirtschaftliche Risiko. Deshalb entscheiden jetzt die Gerichte.

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