Viele Gespräche über die Pandemie enden in diesen Tagen mit den Worten: «Wenn dann ein Impfstoff da ist, dann...». Die Ankunft eines Sars-Cov-2-Vakzims erscheint als Zauberstab, der die Volkswirtschaften mit einem Schlag wieder aus ihrem Tief holen wird. Vor allem die Börse reagiert empfindlich auf jede Wasserstandsmeldung aus der Impfstoffforschung. Bescheidenste Erfolgsmeldungen werden mit einem kleinen Kursfeuerwerk begrüsst.

Die Erwartungen an einen Impfstoff sind gewaltig. Doch sind sie auch gerechtfertigt?

Impfstoff wird kein «Gamechanger»

Nein, meint das Research der Bank of America in ihrem bemerkenswerten Bericht «The Economics of a Vaccine». Ihr ernüchterndes Fazit: Ein Impfstoff wäre kein «game changer», vielmehr ein «performance enhancer». Also eher nützlich als revolutionär.

Und: Er werde die Erholung der Weltwirtschaft nur moderat beschleunigen. Der Prozess der Erholung werde graduell bleiben – der Impfstoff wird also nicht der Befreiungsschlag werden, den sich viele erhoffen.

Gewaltige Summen sind in den vergangenen Monaten in die Impfstofforschung geflossen. Der US-Kongress hat 10 Milliarden Dollar für die Operation «Warp Speed» bereitgestellt – die  Initiative des Gesundheitsministeriums, der Zulassungsbehörde, FDA und des Verteidigungsministeriums soll dafür sorgen, dass möglichst schnell alle 330 Millionen Amerikaner gegen das neue Coronavirus geimpft werden können; Stand Ende Juli waren bereits 8 Milliarden Dollar vergeben.

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Auch Europa und China werfen Milliarden auf, um ihren Bevölkerungen den Zugang zum Impfstoff zu garantieren.

Kein Entweder-oder-Ereignis

Doch was der Impfstoff für die Rückkehr zur Normalität und die wirtschaftliche Erholung tatsächlich leisten kann, ist fraglich. Da sind einmal die medizinischen Gegebenheiten. Einen Impfstoff zu finden, sei nie ein «binäres Ergebnis» – kein Entweder-Oder, schreibt die Bank of America. Impfstoffe können zugelassen werden, wenn sie nur fünfzig Prozent der Bevölkerung schützen; das ist zu wenig, um die Herdenimmunität zu  erreichen, also die Immunisierungsquote von 60 bis 70 Prozent, die es braucht, um die Weiterverbreitung des Virus zu stoppen.

Übersichten und Listen: Was läuft in der Impfstoff- und Therapienforschung:

Womöglich schützt der sehnlichst erhoffte Impfstoff auch nur gegen schwere Infektionen – und weniger gegen Infektionen allgemein. Oder er hat eine Reihe von Nebenwirkungen wie Müdigkeit, erhöhte Temperatur oder Schwindel, die das Gros der gesunden Bevölkerung zwar problemlos wegsteckt; die bei verletzlichen Personen aber sehr wohl gravierend sein können und die deshalb dazu führen, dass ein zu grosser Teil der Bevölkerung nicht geimpft werden kann. Auch das ist nach den ersten Studienergebnissen ein gut denkbares Szenario.

Medizin-Nationalismus, Teil 2 

Zudem könnte sich das Drama wiederholen, das sich zu Beginn der Pandemie rund um die Beschaffung von Medizinalgütern abspielte. Regierungen weltweit erliessen damals mehr als 100 Exportbeschränkungen für essentielle Güter wie Masken, Schutzkleidung, Antibiotika, Schmerzmittel und andere Substanzen, die für die Behandlung von Covid-19-Patienten in den Spitälern unerlässlich waren; ein Nationalismus, der die Verbreitung des Virus unnötig befeuerte und in Corona-Krisengebieten wie Italien und Spanien dazu führte, dass sich Tausende Ärzte und Krankenschwestern infizierten und viele starben. 

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Die US-Regierung wie auch europäische Staaten arbeiten nach Kräften daran, sich Zugang zu dem kostbaren Wirkstoff zu sichern. Alle drei führenden Impfstoffprojekte – das des Gespanns Oxford University/AstraZeneca, das des Mainzer Biotechunternehmens Biontech mit Pfizer und das des US-Biotechunternehmens Moderna – sind mit der US-Regierung und mindestens einem weiteren Staat im Geschäft; sei es über Abnahmeverträge oder durch staatliche Investments in der Höhe von Hunderten von Millionen Dollar.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft

Bei der Impfstoffforschung wird mit harten Bandagen gekämpft. So sollen China und Russland gemäss US-Geheimdienstunternehmen versucht haben, westliche Institutionen zu hacken, die an einem Impfstoff arbeiten. Auch eine Meldung von «Bloomberg» lässt befürchten, dass sich das Drama mit Konfiszierungen und anderen Exportbeschränkungen rund um die Masken wiederholen wird: Demnach rüsten sich Pharmaunternehmen und Regierungen bereits jetzt dafür, dass ihre Impfstoffe an Grenzen blockiert werden könnten. «Wir fürchten, dass sich die Geschichte wiederholen wird», schreibt die Bank of America.

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Und schliesslich wird es Akzeptanzprobleme geben. Die Leute wollten schon keine Masken tragen, warum sollten sie sich dann einen brandneuen Impfstoff iniziieren lassen? Das fragen die Analysten der Bank of America. Vor allem die US-Bevölkerung, aber auch die Menschen in der Schweiz und Deutschland wurden in den vergangenen Monaten mit höchst widersprüchlichen Botschaften konfrontiert, etwa zur Gefährlichkeit des Virus, zur Übertragbarkeit oder zu den Risikogruppen; es wurden Gewissheiten verbreitet wie etwa die, dass Schwangere und ihre ungeborenen Kinder nicht gefährdet seien, die später zurückgenommen werden mussten.

Das hat das Vertrauen in die Behörden erschüttert und könnte sich rächen, sollte der Impfstoff einmal da sein; besonders dann, wenn der immense politische Druck dazu führen sollte, dass ein Impfstoff zugelassen wird, von dem noch nicht klar ist, welche Nebenwirkungen er auf lange Sicht haben wird.

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Mehr als ein Drittel würde Impfung verweigern

Dass die Befürchtung, dass sich viele nicht impfen lassen werden, berechtigt sind, zeigt gemäss dem Report der Bank of America eine Umfrage von Real-Time Interactive World-Wide Intelligence; eines Unternehmens, das weltweit Trends erfasst. Besonders gross ist die Skepsis in autoritären Ländern. In Russland – wo dieser Tage der erste Impfstoff registriert wurde – würde sich fast die Hälfte der Bevölkerung nicht impfen lassen, sollte die Impfung mit dem Corona-Impfstoff freiwillig sein. In China liegt der Anteil der Verweigerer bei 46 Prozent.

Doch auch die demokratischen Regierungen werden mit Widerständen rechnen müssen. Gleich hinter China kommen nämlich die USA, mit einer Verweigerungsquote von 36 Prozent, gleichauf mit Indien; gefolgt von Kanada (32 Prozent), Nigeria (30 Prozent) und UK (27 Prozent).

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Ein Impfstoff wäre im Frühling ein Wundermittel gewesen, schreibt die Bank of America. Lockdowns wären zwar trotzdem unvermeidlich gewesen, aber die Rückkehr zur Normalität wäre schneller möglich geworden.

Entscheidend ist, wann der Impfstoff kommt

Klar ist: Wann der Impfstoff kommt, ist entscheidend. Die Bank of America rechnet – wie viele andere auch – damit, dass ein Impfstoff im dritten Quartal 2021 breit verfügbar sein wird, im besseren Fall anfangs 2021. Länder wie die USA, wo die Bekämpfung des Virus schlecht gelingt, werden stärker von einem frühen Impfstoff profitieren. Doch auch Europa würde sich wirtschaftlich deutlich schneller erholen, sollten die Impfstoffjäger früher am Ziel sein.

Der Weg zur wirtschaftlichen Erholung wird weiter, je länger sich die Impfstoffsuche hinzieht. Bis dann wird kein Weg daran vorbeiführen, die Pandemie mit den Mitteln zu bremsen, die jetzt zur Verfügung stehen: Masken, Social Distancing, Hygienemassnahmen und gut ausgebaute Gesundheitsdienste.

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