Italien ist in Europa am stärksten von der Corona-Pandemie heimgesucht. Nun hat das Land die Sperrmassnahmen erneut verschärft: Die meisten Geschäfte, Bars und Restaurants sind ab sofort geschlossen. 

Auch alle nicht notwendigen Geschäfte der Wirtschaft sollen bis Ende März eingestellt werden, nur die Industrieproduktion läuft weiter. Für die Konjunktur des Landes, die ohnehin seit einiger Zeit schwächelt, hat das gewaltige Folgen. Die Ratingagentur Cerved schätzt, dass eines von zehn Unternehmen pleite geht, falls die Epidemie mehr als ein Jahr andauert. 

Durch den praktischen Stillstand des Landes wird Italiens Wirtschaft aller Voraussicht nach nicht nur im ersten, sondern wohl auch im zweiten Quartal schrumpfen. Damit wäre Italien in der Rezession.

Die Analysten von Capital Economics aus London rechnen mit einem Rückgang von 1 Prozent im ersten und 1,5 Prozent im zweiten Quartal – allerdings nur, wenn die Quarantäne ab Ende April wieder allmählich aufgehoben wird. Sollte die Wirtschaft gar bis Ende Juli lahmliegen, sagen die Experten einen Einbruch von 4,5 Prozent im zweiten Quartal voraus. 

Wachstum bricht ein

Allein Tourismus und Gastronomie tragen 4 Prozent zur Wirtschaftsleistung im Belpaese bei. Touristen werden in den nächsten Monaten wohl keine nach Italien reisen, auch die Italiener dürfen kaum mehr ausgehen. Fallen nur 30 Prozent der Übernachtungen und Restaurantbesuche aus, schlägt sich das in 1,2 Prozent weniger Wachstum nieder, rechnen die Ökonomen der Commerzbank

Daher will Ministerpräsident Giuseppe Conte die Staatsausgaben erhöhen und 25 Milliarden Euro zur Unterstützung von Unternehmen und Familien bereitstellen – die Hälfte davon für Notmassnahmen. Es ist die grösste Summe, die ein Land seit Ausbruch der Pandemie weltweit als Konjunkturhilfe angekündigt hat.

Die Folge: Das italienische Haushaltsdefizit steigt dieses Jahr weiter. Damit würde auch die Drei-Prozent-Grenze überschritten, welche die EU-Regeln festlegen. In Ausnahmefälle kann diese jedoch durchbrochen werden – und eine Ausnahmesituation ist ohne Zweifel gegeben. Die EU-Kommission hat bereits signalisiert, sie werde ein Auge zudrücken.

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«Too big to fail» oder «too big to save»?

Nichtsdestotrotz hat Europa ein Problem, wenn die drittgrösste Volkswirtschaft der EU in die Rezession abgleitet. Und die scheint unausweichlich. Die grössten Sorgenkinder: Italiens Tourismusindustrie und der angeschlagene Bankensektor. Im schlimmsten Fall kehrt die Euro-Krise zurück und müssten die Euro-Länder Italien zur Seite springen, wie sie es 2010/2011 im Falle Griechenlands taten, um einen Staatsbankrott zu verhindern.

Das Problem: Italien ist viel grösser als Griechenland. Das Land ist für Europa «too big to fail», das heisst: Die übrigen Länder werden einspringen. Bedenkt man allerdings, wie lange die Euro-Staaten sich zu den Notkrediten für Griechenland durchrangen, liegt der Verdacht nahe, dass Italien für viele «too big to save» erscheinen könnte.

Italien ist also derzeit vor allem auf die Europäischen Zentralbank (EZB) angewiesen. Mit dem gerade beschlossenen Notfallpaket hat sie den Banken der Halbinsel wahrscheinlich erst einmal etwas Luft verschafft. 

Bleiben die Staatsverschuldung: Sie türmte sich vor Ausbruch auf 135 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Griechenland erreicht sie über 180 Prozent, in Deutschland gut 60 Prozent, in der Schweiz knapp 30 Prozent.

Auch wenn Italiens Schuldenberg in einer Rezession wächst: Solange die Zinsen niedrig sind, ist das zu managen. Die EZB wird daher wohl auch langfristig an ihrer Geldpolitik festhalten müssen, will sie Italien nicht in den Abgrund stürzen. So lange erwarten Ökonomen auch keine Eurokrise.

Sorgenkind in der Eurozone

Nicht nur wegen der hohen Staatsverschuldung gehört Italien zu den Sorgenkindern in der Eurozone: Die Arbeitslosigkeit ist mit fast zehn Prozent am dritthöchsten, bei den unter 25-Jährigen liegt die Quote sogar bei etwa 30 Prozent – heute schon. Gehen nun reihenweise Firmen pleite, verlieren noch mehr Menschen ihre Arbeit.

Zudem werden die EU-Länder und die Europäische Kommission gut daran tun, nicht stoisch an den Haushaltsregeln festzuhalten. Das sollte zumindest eine der Lehren aus der Euro-Krise sein. Ausserdem wäre damit wäre die EZB entlastet, nicht ganz alleine für die Stimulierung der Wirtschaft sorgen zu müssen.