Narrative, das Erzählen von Geschichten: Storytelling ist derzeit ein Schlagwort im Marketing. Jetzt schreiben Sie ein Buch über Narrative in der Ökonomie – warum?
Weil es wichtig ist, die vorherrschenden Narrative zu analysieren. Mit Suchmaschinen und digitalisierten menschlichen Interaktionen ist eine neue Wissenschaft von Narrativen in der Ökonomie ein logischer Schritt. Das wird eine Revolution im ökonomischen Denken erzeugen.

Sie suchen das Internet maschinell nach bestimmten Phrasen ab?
Nein, das reicht nicht – man muss den Gedankenprozess hinter den Äusserungen verstehen. Nur mithilfe des menschlichen Urteilsvermögens kommt man Narrativen auf die Spur.

Schon als junger Mensch dachten Sie über die Wirtschaft als Narrativ nach.
Im Alter von 19 Jahren kaufte ich mir das Buch «Only Yesterday» von Frederick Lewis Allen. Es handelt davon, wie drastisch die Stimmung in den Jahren 1929 und 1930 umschlug – von der Angeberei zu einer neuen Bescheidenheit. Ich fragte mich damals, warum Ökonomen das nicht aufgreifen. Wie kann man Prognosen erstellen, ohne über die Gefühle der Menschen nachzudenken? Lange war es schwierig, darüber Arbeiten zu verfassen, die ernst genommen werden.

Das ändert sich jetzt?
Ja, die Ökonomie zieht inzwischen mehr Geisteswissenschafter an und nicht mehr nur Mathematiker. Alle Disziplinen sind relevant, um die Wirtschaft zu verstehen. Auch Anthropologie, Neurologie und Epidemiologie vertiefen die ökonomischen Einsichten.

  • Dieses Interview wurde geführt kurz bevor die ersten Coronavirus-Fälle in den USA und Europa auftauchten und die Börse einbrach.
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Am faszinierendsten sind schnell umschlagende Narrative. China verlachten wir lange als Kopierer unserer Ideen, jetzt haben wir Angst, dass das Land alle bei der künstlichen Intelligenz abhängt.
Es kommt auf die Ansteckungskraft eines Narrativs an. Sie beschreiben eine extrem virulente Form, die eine gesamte Bevölkerung innert weniger Tage ansteckt. Aber es gibt auch langsame Epidemien, die sich über Dekaden aufbauen.

Welche?
Der Kommunismus zum Beispiel – die Geschichte von Karl Marx. Er verstarb 1883 und war zu dem Zeitpunkt nicht sonderlich berühmt. Aber die Kraft seiner Geschichte schwoll allmählich und erreichte ihren Zenit erst 1970 – fast hundert Jahre später.

Die Gralshüter der ökonomischen Narrative sind Politiker und Notenbankchefs. Was halten Sie von der Story des billigen Geldes?
In den USA erreichten die Zentralbanker zugleich eine sehr niedrige Inflationsrate und die Vollbeschäftigung. Aber gleichzeitig wächst die Ungleichheit besorgniserregend. Letzteres fängt Trump mit «Make America Great Again» auf.

Seinem Slogan.
Trump hat den Instinkt eines Geschichtenerzählers – er flickte mehrere rezyklierte Narrative kunstvoll zu einer sehr eindrucksvollen öffentlichen Rolle zusammen. Er verwendet frühere Narrative von Königshäusern und charismatischen Anführern. Die Narrative seines grossen Erfolgs schaffen es, dass sich auch seine Anhänger zu den Gewinnern zählen. Die Ironie ist, dass charismatische Anführer in der Regel würdevolle Persönlichkeiten sind. Doch Trump erfindet gemeine Spitznamen.

Kassandra der Börsen

Robert Shiller machte sich als Frühwarner einen Namen.

  • Im März 2000 wies er mit seinem Buch «Irrationaler Überschwang» auf die Dotcom-Blase – im gleichen Monat schmolzen die Kurse der Internetaktien zusammen.
  • Im Jahr 2006 begann er, vor überteuerten Immobilien zu warnen. Fallende Hauspreise lösten 2008 die Finanzkrise und anschliessend die Grosse Rezession aus. Als Massstab für die Bewertung von Aktien erfand er die Shiller Cape Ratio, die die Bewertung einer Aktie in Relation setzt zum Durchschnitt der Gewinne, die ein Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren erwirtschaftete.
  • Im Jahr 2013 erhielt Shiller den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Bewertung von Börsenkursen. Er stellte mit seinen Arbeiten die Hypothese der effizienten Finanzmärkte infrage.
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Wie lange kann ein Narrativ von der Wahrheit abweichen, bis es kollabiert?
Vielleicht stehen wir kurz vor dem Zusammenbruch. Denn wir haben eine Rezession, die bei Trumps Niedergang hilfreich sein kann. Damit seine Wähler ihre Meinung ändern, muss etwas Dramatisches passieren. Vielleicht wird Trump aber auch wiedergewählt. Sein Erbe wird auf jeden Fall noch viele Jahre nachwirken – über sein eigenes Leben hinaus.

Erstaunlicherweise konnte sich Trump die Narrative über die erfolgreiche Wirtschaft unter den Nagel reissen – dabei legte Barack Obama das Fundament und George W. Bush steuerte die USA durch die Rezession.
Es ist verblüffend, wie sehr die Stimmung umgeschlagen ist. Auch Obama als erster nicht weisser Präsident hatte grosse Narrative. Es ist, als hätten die Amerikaner die Erleuchtung erlebt, nur um dann umzukippen und einen bäurischen, vulgären Mann anzuhimmeln, der wissenschaftliche Fakten ignoriert. Trump macht es salonfähig, dass man besser seinem Bauchgefühl vertraut statt Experten. Wir waren noch nie an einem Punkt, an dem die Menschen glaubten, dass die Zeitungen lügen. Das ist eine Quelle von grosser Instabilität.

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«Für einen Crash gibt es meist keinen klaren Anlass. Selbst der 28. Oktober 1929 passierte einfach, weil Leute innehielten, einander ansahen – und verkauften.»

An der Börse spürt man die Instabilität nicht. Der Bullenmarkt läuft weiter. Ihre Shiller Cape -Ratio, das zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis, liegt weit über dem historischen Durchschnitt. Was bedeutet das?
Es ist die Fortsetzung eines langanhaltenden Trends. Seit der Finanzkrise, als die Cape Ratio 2009 ein Tief von 13 erreichte, sind die Unternehmensgewinne stark gestiegen. Deshalb wirken die aktuellen Kursstände gerechtfertigt, auch wenn das Kurs-Gewinn-Verhältnis in Wirklichkeit sehr hoch ist. Viele sehen nur den Markt und seinen Erfolg; sie beachten nicht einmal das Kurs-Gewinn-Verhältnis, geschweige denn die Cape-Ratio. Eine ganze Gruppe von Narrativen steckt dahinter, vor allem auch Trump. Manche Anleger kalkulieren nüchtern, dass alle anderen gerade enthusiastisch sind. Da scheuen sie sich, ein Ende des Bullenmarktes zu prognostizieren. Deshalb steigen die Preise weiter.

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Immer weitere Kreise von Privatanlegern investieren an der Börse.
Das nennt man «Fear of missing out» – die Angst, etwas zu verpassen. Reue ist ein starkes, negatives Gefühl, das man vermeiden möchte. Viele Menschen wägen die Angst vor Reue mit dem Schmerz ab, 
erst ganz am Ende des Bullenmarktes einzusteigen.

Sie warnten rechtzeitig vor der Technologieblase 2000 wie auch vor der Immobilienblase 2008. Was bräuchte es, damit dieser Bullenmarkt endet?
Ich weiss auch nicht, wann und wie er sein Ende findet. Für einen Crash gibt es meist keinen klaren Anlass. Selbst der 28. Oktober 1929, damals der grösste Aktienmarkt-Kurssturz innerhalb eines Tages, passierte einfach, weil Leute innehielten, einander ansahen – und verkauften. Ein Narrativ kann spontan kollabieren.

Robert Shiller, Ökonom.

Robert Shiller (73) arbeitet als Wirtschaftsprofessor an der Eliteuniversität Yale in New Haven, USA.

Quelle: Salvatore Vinci / 13 Photo
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Wie bei beim Elektroautohersteller Tesla. Die Aktie verzeichnete jüngst einen riesigen Sprung nach oben.
Shortseller hatten lange mit riesigen Leerpositionen gegen die Tesla-Aktie gewettet. Plötzlich gaben sie auf und deckten sich mit Tesla-Aktien ein. Warum das genau jetzt passierte, ist unerklärlich. Dass Leute plötzlich in den Spiegel sehen und ihre eigene Überzeugung über dieses extrem kontroverse Unternehmen anzweifeln, wirkt wie eine schwache Erklärung – aber es ist die beste, die ich finden kann. Der Markt könnte in der nächsten Zeit extrem volatil werden – die gesamte Börse, nicht allein die Tesla-Aktie. Es gibt aktuell drastische Meinungsunterschiede. Das kann gefährlich werden, denn Meinungen kann man ändern.

Welche Narrative gibt es gerade über die Schweiz?
Ich höre hier in den USA leider in letzter Zeit nicht viele Narrative über die Schweiz. Am prominentesten schweizerisch ist das World Economic Forum. Und das gilt gemeinhin als eine Art Reiche-Leute-Club, wo die Mächtigen zusammenkommen, um möglichst viele Deals abzuschliessen. Aber vor Ort bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Das Forum scheint die idealistische Seite dieser Menschen herauszukehren. Und es kommt mir nicht heuchlerisch vor. Greta Thunberg bekam bereits bei den letzten zwei Treffen einen prominenten Platz. Sie allein überstrahlt mit ihrem neuen, kraftvollen Narrativ über Klimawandel als Konflikt der Generationen vieles. Momentan ist sie die berühmteste Frau auf dem gesamten Planeten.

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Das Ansehen der Schweizer Banken war nach den Skandalen und herben Strafen in den USA sehr angeschlagen. Wie steht es heute um den Ruf von Banken wie UBS, Credit Suisse und Julius Bär
Vielleicht war er angeschlagen, aber – es tut mir leid, das so offen zu sagen – die meisten Menschen in den USA denken nicht über Schweizer Banken nach. Sie denken an Greta Thunberg. Und vielleicht fragen sie sich, ob sie aus Schweden stammt oder nicht doch aus der Schweiz.

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