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Schock
Diese fünf Folgen hat der Brexit für die Schweiz

Ein stärkerer Franken, ein schwächeres Europa, noch tiefere Zinsen: das britische Votum für den Brexit dürfte für die Schweizer Wirtschaft weitreichende Konsequenzen haben.

Von Simon Schmid
am 24.06.2016

Grossbritannien hat sich mit 52 Prozent Ja-Stimmen für einen Austritt aus der EU entschieden. Das Prozedere soll in den nächsten Monaten starten, die Verhandlungen könnten zwei Jahre oder mehr in Anspruch nehmen. Was bedeutet die Entwicklung für die Schweiz und ihre Wirtschaft?

Folgen auf mehreren Ebenen sind nach dem aktuellen Kenntnisstand zu erwarten.

1. Die Zinsen bleiben noch länger tief

Die Börsen sind am heutigen Morgen in die Tiefe gerauscht. Europäische Aktien verloren 7 bis 8 Prozent. Die Renditen auf US-Staatanleihen fielen auf den tiefsten Stand seit vier Jahren, deutsche Staatsanleihen tauchten noch tiefer unter Null. Selbst wenn sich die Kurse von diesem Punkt an etwas erholen, drückt sich darin doch ein tiefer Pessimismus aus.

Dieser Pessimismus trifft auch die Schweiz. Die zehnjährigen Zinsen haben mit minus 0,5 Prozent einen neuen, historischen Tiefpunkt erreicht. Die Normalisierung des Zinsniveaus in der Schweiz rückt damit in noch weitere Ferne, weil auch die US-Notenbank Fed nun «mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit als es nach dem letzten Meeting den Anschein hatte, ihren Leitzins bald erhöht», wie der Chefökonom der Bank BSI, Stefan Gerlach, sagt.

Die Verzögerungen bedeuten, dass Negativzinsen in der Schweiz noch länger zum Alltag gehören werden. Dies bedeutet Einbussen für Sparer und Pensionskassen und für all jene Unternehmen, die aufgrund ihres Geschäfts hohe Bargeldbestände halten müssen.

2. Der Druck auf den Franken bleibt hoch

Unmittelbar am stärksten gefordert ist die Schweizerische Nationalbank. In den ersten Stunden nach Bekanntwerden des Abstimmungsvotums fiel der Eurokurs von 1.10 auf gut 1.06 Franken, inzwischen steht er wieder bei knapp 1.09 Franken. Mit grosser Wahrscheinlichkeit stützt die SNB den Franken mit Interventionen am Devisenmarkt.

Aufgrund der hohen Unsicherheiten über die politischen und wirtschafltichen Konsequenzen des Brexit dürfte die Schweizer Währung in den nächsten Monaten unter Druck bleiben. Laut den Ökonomen der UBS wird die SNB eine erste Linie bei 1.08 Franken mit Interventionen verteidigen. Sollte sich der Druck als zu hoch erweisen, stellt eine Zinssenkung die zweite Massnahme dar, um eine Schwelle von rund 1.05 Franken zu halten.

3. Einbussen im Export und im Tourismus

Grossbritannien ist Abnehmer von 6 Prozent der Schweizer Exporte, in die Eurozone gehen 40 Prozent der Exporte. Der zaghafte, aber stetige Aufschwung in diesen Märkten hat sich zuletzt als wichtige Stütze für die hiesige Wirtschaft erwiesen. Gehen nun die Investitionen, aber auch die Konsumausgaben in Grossbritannien und in der restlichen EU aufgrund der Ungewissheiten rund um den Brexit zurück, so trifft dies auch die Schweiz.

Laut der UBS könnte die Exportwirtschaft, der Tourismus und der Schweizer Finanzsektor am meisten unter der Entwicklung leiden. Wie der Analyst Andreas Ruhlmann von der IG Bank schreibt, stellt das niedrige Zinsniveau sowie die hohe Marktvolatilität für die Banken eine Herausforderung dar. Die Credit Suisse verlor in den ersten zwei Handelsstunden 11 Prozent an der Börse; der SMI-Index ging um knapp 3 Prozent zurück.

4. Einigung mit Europa rückt in den Hintergrund

Gemäss der Einschätzung vieler Beobachter wird die Schweiz in Brüssel in den kommenden Monaten hinten anstehen müssen. «Für die Schweiz bedeutet der Brexit, dass das Finden einer einvernehmlichen Lösung mit der EU zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative noch schwieriger wird», schreibt der Wirtschaftsverband Economiesuisse in einer Stellungnahme.

Das Einhalten der dreijährigen Frist zur Umsetzung der Initiative gestaltet sich damit als schwierig. Es sei «nicht absehbar, ob noch im Sommer weitere Fortschritte erzielt werden können», schreibt Bundespräsident und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann in einem Communiqué.  Laut der Bank J. Safra Sarasin ist nicht damit zu rechnen, dass bis zur Deadline vom 7. Februar 2017 eine einvernehmliche Lösung gefunden wird.

5. Kettenreaktion als politischer Worst Case

Ob die Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU von Freundlichkeit oder Feindschaft geprägt sein werden, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen. Ebenso wenig lässt sich abschätzen, ob der Brexit zu einer Kettenreaktion und dem Austritt weiterer Staaten führen wird – inklusive Staaten wie Frankreich oder der Niederlande, die auch Mitglieder der Eurozone sind.

Wird ein solches Szenario am Finanzmarkt in den kommenden Monaten zunehmend als reale Gefahr verstanden, bleibt einerseits der Franken unter Druck. Andererseits wird die realwirtschaftliche Entwicklung in Europa gebremst. Das Wachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent, das die Prognostiker für die Schweiz fürs Jahr 2017 veranschlagen, wird sich unter diesen Umständen nicht materialisieren.

Kaum quantifizierbar ist, welche Konsequenzen eine tatsächliche, fortschreitende Desintegration der EU und insbesondere der Währungsunion für die Schweiz hätte. Massive Kapitalströme in den Franken, gepaart mit einer Rezession und einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit wären in diesem Fall das Mindeste, mit dem das Land rechnen müsste.

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