Seit Ausbruch des Konflikts im Iran passiert kaum mehr ein Schiff aus den Golfstaaten die Strasse von Hormus. Durch die Meerenge fliesst in Friedenszeiten etwa ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion. Das hat den Ölpreis ansteigen lassen, was auch Schweizer Autofahrerinnen und Autofahrer nun an den Zapfsäulen zu spüren bekommen. Gemäss TCS lag der durchschnittliche Benzinpreis für Bleifrei 95 Anfang Februar noch bei 1.61 Franken pro Liter, mittlerweile sind es 1.79 Franken. Der starke Anstieg beschäftigt auch die Schweizer Politik.

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Auf globaler Ebene will auch die Internationale Energieagentur (IEA) Gegensteuer geben. Sie hat angekündigt, 400 Millionen Barrel Öl aus den Notfallreserven ihrer Mitgliedsländer freizugeben. Auch die Schweiz sitzt in der Behörde. Was bedeutet das jetzt genau?

Wer bringt das Öl auf den Markt?

Die aktuelle Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl ist ein Rekord: Noch nie in der Geschichte der Organisation gab man eine so grosse Menge Öl frei. Die IEA wurde 1974 von 16 Industriestaaten – inklusive der Schweiz – als Reaktion auf die damalige Ölkrise gegründet. Ziel und Zweck der nationalen Notreserven ist, eine zuverlässige Ölversorgung sicherzustellen. Heute verfügen die Länder insgesamt über Reserven von 1,2 Milliarden Barrel und 600 Millionen Barrel Industrievorräten. Gemeinsame Freigaben sind selten. Seit der Gründung kam es erst zu deren fünf. Zuletzt im Jahr 2022 wegen des Ukraine-Kriegs.

Einzelne Länder haben bereits verkündet, wie viel sie zu den 400 Millionen Barrel beitragen wollen. Gemäss dem «Handelsblatt» kommen 19,5 Millionen aus der deutschen Reserve. Die britische Regierung teilte mit, 13,5 Millionen Barrel beizusteuern. Aus Österreich kommen gut 2 Millionen Barrel.

Am Mittwoch versprach auch US-Präsident Donald Trump (79), dass er Öl aus der strategischen Reserve freigeben werde. «Wir werden das tun, und dann werden wir sie wieder auffüllen», so der US-Präsident. Die USA geben 172 Millionen Barrel frei. Die Vereinigten Staaten besitzen mit 415 Millionen Barrel die grössten nationalen Vorräte aller derzeit 32 IEA-Mitglieder.

Gibt die Schweiz auch Öl frei?

Nein. Die Freigabe von Ölreserven für die IEA-Mitglieder ist freiwillig – und der Bund hält seine Reserven noch zurück, wie das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) auf Anfrage von Blick mitteilt. «Aufgrund der zurzeit gesicherten Versorgung der Schweiz mit Mineralölprodukten und der vorgesehenen nationalen Flexibilität beteiligt sich die Schweiz vorerst nicht an der freiwilligen Freigabe», so Sprecher Thomas Grünwald. Der Bund verfolge die Lage genau und würde bei Bedarf aktiv werden.

Wie gross sind die Reserven der Schweiz?

Als IEA-Mitglied ist die Schweiz verpflichtet, eigene Ölreserven in der Höhe von mindestens 90 Tagen der Nettoölimporte zu halten. Gemäss BWL lagern wir allerdings einiges mehr. Der Benzin-, Dieselöl- und Heizölvorrat reicht für den durchschnittlichen Schweizer Bedarf für viereinhalb Monate – also etwa 135 Tage. Konkret: Derzeit lagern 14,4 Millionen Barrel Benzin und Dieselöl sowie 8,6 Millionen Barrel an Heizöl in den hiesigen Mineralölpflichtlagern. Diese sind im Besitz der Unternehmen, die mit den Produkten handeln, beispielsweise von Tankstellenbetreibern und den Schweizer Ablegern von Ölkonzernen wie BP. Die Pflichtlager können zur Sicherstellung der Versorgung zum Einsatz kommen.

Ein Ländervergleich zeigt: Die Schweiz hortet mehr Reserven als viele andere Staaten. In den USA reichen die Reserven für 80 bis 90 Tage. In Deutschland für die vorgeschriebenen 90 Tage. Frankreich verfügt laut Wirtschafts- und Finanzministerium derzeit über Vorräte im Umfang von 118 Tagen. Auch die Volksrepublik China, die besonders stark auf Öl aus dem Iran und den Golfstaaten angewiesen ist, steht schlechter da. Laut den chinesischen Behörden hat das Land seit 2023 strategische Reserven für mehr als 120 Tage. Andere Schätzungen gehen aber von einem Ölvorrat für 80 Tage aus.

Wieso ist die Benzinsituation in der Schweiz besser als in Deutschland?

Hierzulande ist der Benzinpreis seit Ausbruch des Iran-Kriegs um 11 Prozent in die Höhe geklettert. Eine extreme Preisexplosion ist bislang ausgeblieben – gerade wenn man die hiesige Lage mit jener in Deutschland vergleicht. Dort kostet das Benzin 29 Prozent mehr, EU-weit beträgt der Anstieg durchschnittlich 16 Prozent. In den deutschen Grenzstädten liegen die Benzinpreise nun rund 40 Rappen über dem Schweizer Niveau. Autos mit deutschen Nummernschildern strömen deshalb in grösserer Zahl über die Grenze an Schweizer Tankstellen, wie ein Augenschein von Blick vor Ort zeigt.

Das hat einen einfachen Grund: Für die Benzinpreise entscheidend ist nicht, wie hoch der Ölpreis gerade ist, sondern zu welchen Konditionen die Tankstellen ihr Benzin bezogen haben. Und hier ist die Situation relativ gut: Die Tankstellenbetreiber haben den noch vorhandenen Most bereits vor Wochen eingekauft – zu tieferen Preisen.

Bringt die Freigabe überhaupt etwas?

Das Ziel der Freigabe ist klar: Der Ölpreis und damit auch die Preise an der Zapfsäule sollen nicht weiter ansteigen. Doch täglich werden aktuell bereits über 100 Millionen Barrel gefördert. Ein Fünftel davon – also etwa 20 Millionen – transportieren Frachter durch die Strasse von Hormus. Das zusätzliche Öl der IEA könnte den gesperrten Schiffsverkehr also für rund drei Wochen kompensieren.

Die Freigabe löst das Problem also nicht dauerhaft. Vor allem dann nicht, wenn die Meerenge noch länger gesperrt bleibt. Zudem könnte die IEA eines Tages gezwungen sein, die Reserven zu deutlich höheren Preisen wieder zu füllen. Seit Kriegsausbruch stieg der Rohölpreis von 79 Dollar pro Barrel auf derzeit 100 Dollar – ein Anstieg um über ein Viertel! In den letzten Tagen schwankte der Preis stark. Und: Trotz der IEA-Ankündigung ist der Ölpreis am Donnerstag um bereits 6 Prozent gestiegen.

Wie genau sich das freigegebene Notvorrat-Öl im Markt auf die Benzinpreise auswirkt, kann niemand vorhersagen. Die entscheidende Frage bleibt: Wie lange dauert der Krieg im Iran noch?