Wo steht die Schweizer Wirtschaft in einem Jahr? Die einen Experten gestehen, dass sie keine Ahnung mehr haben – und die anderen passen ihre Prognosen stetig neu an. So zum Beispiel das Staatssekretariat Seco: Mitte März erwarteten die Bundesforscher, dass die viruskranke Wirtschaft 2020 um 1,5 Prozent schrumpfen werde; Mitte April hielten sie bereits ein dramatisches Minus von 7 Prozent für möglich, und diese Erwartung wurde inzwischen bekräftigt. «Die Prognoseunsicherheit ist ausserordentlich hoch», erklärte die Expertengruppe des Bundes.

Kein Wunder auch. Das Wirtschaftssystem ist in eine Lage geschlittert, wie sie keiner jemals erlebt hat. Folglich helfen auch die alten Betriebs- und Reparaturanleitungen der Ökonomie wenig weiter. Denn:

  • Wir erleben einen gleichzeitigen Abschwung auf dem ganzen Globus – das gab es noch nie.
  • Niemals gab es – zweitens – eine so drastische Vollbremsung der Produktion, nie wurden so viele Arbeitnehmende derart entschlossen auf die Strasse oder auf Kurzarbeit gestellt.
  • Kaum je hatten wir es – drittens – mit einem Angebots- und Nachfrageschock parallel zu tun.
  • Viertens: Der Abbruch geschah auf staatliche Anordnung – unerhört auch dies.
  • Fünftens: Es passierte in einer einmaligen Ära der Negativzinsen, sodass es schwierig wird, den Wirtschaftsmotor nach gewohntem Muster über die Zinsschraube wieder anzukurbeln.
  • Sechstens: Die Überschuldung liegt auf Rekordständen, nicht nur absolut, auch relativ – als das neue Coronavirus in Wuhan auftrat, hatten die Staaten, Haushalte und Firmen dieser Welt einen Schuldenberg, der 320 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachte. Und das besagt zumindest eines: Das Gebäude war schon da furchtbar fragil.

Weiter: In Europa traf die Krankheitswelle just Italien am schwersten, das wegen seiner Schuldenquote und seiner Grösse als Sollbruchstelle des Euro gilt: Die Schwächen der Einheitswährung dürften nun neu getestet werden.

«Die einzige Frage ist die Dauer»

Und so lassen sich leicht Kaskaden ausmalen, bei denen eine Serie von Bankrotten am Ende das ganze Finanzsystem erschüttert: Vielleicht ausgehend von den Schwellenländern (die heftig in Dollar verschuldet sind); oder von den amerikanischen Konsumenten; oder vom Sektor der Geschäftsimmobilien.

«Nur schon gemessen an den verlorenen Jobs oder am Einbruch des Outputs wird diese Rezession tiefer als alles, was wir in den letzten 150 Jahren gesehen haben»: So beschreibt Kenneth Rogoff die Lage, Professor in Harvard und Ex-Chefökonom des IWF. «Die einzige Frage ist ihre Dauer.»

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All das lässt sich direkt auf Schweizer Verhältnisse herunterbrechen. In seinen aktuellen Szenarien warnt das Seco vor «zusätzlichen starken ökonomischen Zweitrundeneffekten wie Entlassungen und Firmenkonkursen in grosser Anzahl, die eine Erholung der Wirtschaft erschweren würden. Je länger der Shutdown im Inland anhält, desto wahrscheinlicher wird, dass Zweitrundeneffekte eintreten. Davon gingen weitere grosse Risiken aus, beispielsweise wäre dann die Finanzstabilität bedroht.»

Die grosse Frage der letzten Tage lautete: Wann und wie kommen wir raus aus dem Lockdown? Doch wichtiger wird die Folgefrage: Was rollt danach an?

Und es gibt klare Indizien dafür, dass sich die helvetischen Manager und Patrons dabei auf Schlimmeres einstellen, als die gängigen Konjunkturdaten besagen.

  • In den KMU rechnet mehr als die Hälfte damit, innert eines Jahres in finanzielle Probleme zu geraten – dies ergab ein Panel der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) unter rund 200 Chefs, erarbeitet Ende März.
  • Der Verband Swiss Export eruierte bei seinen Mitgliedern, dass mehr als die Hälfte auf ihren wichtigsten Ausfuhrmärkten in den nächsten zwölf Monaten mit Rückschlägen von 7 bis 30 Prozent rechnet.
  • Die Firmenchef-Umfrage des ETH-Instituts KOF besagte, dass sowohl im Gewerbe wie auch bei den Dienstleistungen massive Einbrüche der Bestellungen erwartet werden. Die Detailhändler verwiesen dabei auf die Lagerbestände, die immer höher werden und vielleicht bald Preiskämpfe anheizen könnten – ein sinnliches Beispiel für die erwähnten «Zweitrundeneffekte».

Wo ist die Zukunft nur schwarz, wo grau? Wo gibt es Orientierung für die Zeit nach dem Lockdown?

Einen Wegweiser bietet vielleicht China – denn das Reich der Mitte hat momentan einen Vorteil: Es ist uns im Seuchenkampf knapp zwei Monate voraus. Das KP-Regime konnte inzwischen den Normalzustand ausrufen. Die Fabriken fabrizieren, die Läden sind geöffnet. An den Verkaufskurven dort lässt sich vielleicht erahnen, wie sich die Wirtschaft auch bei uns regen könnte, sobald sie es wieder darf.

Mehr Hermès, mehr Karies

Die Signale sind zwiespältig, teils wecken sie Hoffnung, teils sind sie erschütternd. Die Industrieproduktion lag im März bloss 1 Prozent tiefer als im März 2019 – offenbar wurde der Schlag von Wuhan da gut verdaut. Obendrein melden High-End-Geschäfte wie LVMH, L’Oréal und Hermès überraschend rege Nachfrage, teilweise gar Rekordwerte: Es wäre ein Indiz dafür, dass jene Menschen, die es sich leisten können, das Verpasste tatsächlich eifrig nachholen. Auf der anderen Seite bemerken die Statistiker selbst bei der Grundversorgung massive Rückgänge, etwa bei Handy-Abos oder sogar beim Zahnarztbesuch: Offenbar müssen viele andere Menschen nun jede Münze zweimal umdrehen. Und allgemein besagen die Daten von Restaurant- oder Kleiderketten, dass dem Publikum die Lust am Konsum gründlich vergangen ist.

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Eine Erhebung der Consulting-Firma McKinsey ging soeben der Frage nach, wo Chinas Konsumenten denn wieder zugreifen – respektive wo sie weniger ausgeben als vor der Katastrophe. Fazit: In 21 Bereichen dürfte weniger konsumiert werden – so bei Heimelektronik, Schmuck, Reisen, Restaurants, Veranstaltungen. Und bloss in zehn Feldern gaben die Befragten an, dass sie wohl eher mehr ausgeben wollen: Lebensmittel, Kinderprodukte, Haushaltswaren, Körperpflege, Heimunterhaltung, Fitness, Wellness, Benzin.

«Wirtschaftlich darf man sich von dieser Öffnung nicht zu viel versprechen», hat der deutsche Ökonom Clemens Fuest zu den ersten Lockerungsübungen in seiner Heimat gemeint. In England nannte der bekannte Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson die nächste Phase «post-lockdown, pre-vaccine». Zu Deutsch: eine graue Zeit. «Das kommende Jahr wird sowohl im psychologischen als auch im wirtschaftlichen Sinn eine Zeit der Depression werden.»

Die Normalität muss warten.