Was genau macht die Europäische Zentralbank (EZB)?
Die Euro-Währungshüter kaufen an den Finanzmärkten ab heute jeden Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro – und das bis mindestens September 2016 beziehungsweise so lange, bis die Inflation in der Euro-Zone wieder anzieht. Sowohl Anleihen von Staaten als auch Unternehmen und Institutionen wie dem Rettungsfonds ESM kommen dabei infrage.

Gekauft wird nach dem Kapitalschlüssel der EZB: Deutschland ist damit der grösste Profiteur, danach folgen Frankreich, Italien und Spanien. Griechenland und Zypern sind vorerst ausgenommen. Das Geld, mit dem die EZB die Wertpapiere kauft, bringt sie frisch in Umlauf. Deshalb verwenden Kritiker gerne das Bild von der Notenpresse. Im Fachjargon wird das Programm quantiative Lockerung oder einfach QE (Quantitative Easing) genannt.

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Wie wirkt das Programm?
QE hat in Europa bereits vor dem eigentlichen Start am heutigen Montag massiv gewirkt: Der Euro ist gegenüber dem Dollar in den vergangenen Wochen auf den tiefsten Stand seit elf Jahren gesunken, auch gegenüber anderen wichtigen Währungen verlor die Gemeinschaftswährung deutlich. Das ist eine Erleichterung für die Euro-Exportkonjunktur – und genau das, was die EZB erreichen möchte. Fachleute erwarten noch mindestens bis Herbst 2016 einen schwachen Euro und einen entsprechend stark bewerteten Franken.

Daneben sind die Refinanzierungskosten für kleine und mittlere Unternehmen vor allem in den Südländern wie Italien, Spanien und Portugal in Erwartung auf das EZB-Programm schon Ende 2014 gesunken.

Das bevorstehende Anleihekaufprogramms der EZB war letztlich auch der Hauptgrund dafür, dass die SNB den Euro-Mindestkurs Mitte Januar aufgeben musste. Denn die einseitige Bindung des Frankens zum Euro wurde mit der wachsenden Erwartung eines europäischen QE-Programms immer unglaubwürdiger. Für hochgerechnet 100 Milliarden Franken hätte die SNB allein im Januar intervenieren müssen, um den Mindestkurs zu verteidigen, hatte SNB-Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg im Januar kurz nach dem Ende der Frankengrenze gesagt.

Was bedeutet das Programm für die Schweiz?
Zunächst einmal dürfte der Franken gegenüber dem Euro auch in den kommenden Monaten relativ stark bleiben. Das macht den Schweizer Exportfirmen zu schaffen. Am heutigen Montag bewegte sich der Wechselkurs jedoch kaum – die Anpassung gab es bereits in den vergangenen Wochen.

In den USA, in England und Japan trugen die QE-Programme dazu bei, dass sich die Wirtschaft dort schneller erholte, sagte in Davos vor wenigen Wochen etwa US-Topökonom Larry Summers. Hat das EZB-Programm Erfolg, profitiert davon unterm Strich also auch die Schweiz. Denn noch immer gehen fast 60 Prozent der Schweizer Exporte in die Euro-Zone. Ein Vorgeschmack auf die positiveren Aussichten gab die EZB am Donnerstag: Sie erhöhte ihre Wachstumsprognose für den Währungsraum in diesem Jahr von 1,0 auf 1,5 Prozent.

Wie gross ist das EZB-Programm im internationalen Vergleich?
Mit 1.1 Billion Euro hat das Programm ein Gesamtvolumen von etwa einem Zehntel des Bruttoinlandprodukts der Euro-Zone. Daran gemessen ist es so gross wie das erste der drei Programme, welche die US-Notenbank Fed seit der Finanzkrise lanciert hat. Es ist auch mit dem ersten Paket der Bank of England vergleichbar. Inzwischen haben die Angelsachsen aber viel massiver interveniert: Die Briten kauften Papiere im Wert von fast einem Viertel der Wirtschaftsleistung, die Amerikaner noch mehr.

Was soll das EZB-Programm bringen?
Die EZB peilt eine Inflation von knapp 2 Prozent an. Seit Monaten jedoch verfehlt sie dieses Ziel, die Teuerung liegt deutlich darunter – selbst in vermeintlich starken Volkswirtschaften wie Deutschland. Im Februar sanken die Konsumentenpreise sogar um 0,3 Prozent. Seit Donnerstag rechnet die EZB für dieses Jahr mit stagnierenden Preisen, erst 2016 dann mit einem Anstieg um rund 1,5 Prozent.

Mit dem Anleiheaufkauf will die EZB die Zinsen für Unternehmen und Staaten sowie den Aussenwert des Euro senken. Das soll die Konjunktur ankurbeln und schliesslich für höhere Preise sorgen. Denn sinken die Preise längerfristig, droht eine hartnäckige Deflation, an deren Ende die Wirtschaft schrumpfen und die Arbeitslosigkeit steigen kann.

Gibt es kein anderes Hilfsmittel?
Eigentlich schon, doch die gängigen Instrumente sind aufgebraucht. Normalerweise senken die Notenbanker die Zinsen, um in Krisenzeiten die Konjunktur zu stabilisieren und etwas Inflation zu schaffen. Doch der Leitzins der EZB steht mit 0,05 Prozent bereits fast bei Null. Die Depositenrate notiert wie in der Schweiz schon im negativen Bereich und liegt bei minus 0,2 Prozent. Insofern sind die orthodoxen geldpolitischen Mittel ausgereizt.

Kommt es mit der Geldschwemme zu Hyperinflation?
Davor warnen vor allen Kritiker in Deutschland. Der umstrittene Ökonom und Politiker Thilo Sarrazin (SPD) etwa sagte schon 2012, dass er sein Diplom zurückgebe, sollte es innert zehn Jahren nicht zu einer Hyperinflation kommen. Bislang bestätigten sich diese seit Jahren bestehenden Kassandra-Rufe noch nie. Für keinen der grösseren Währungsräume wie die USA, Japan oder England, wo Notenbanker seit der Finanzkrise QE anwendeten.