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WEF 2012: Wundermann Schwab und die Frösche im Sumpf

Beat Balzli, Chefredaktor «Handelszeitung»

Der Kapitalismus alten Zuschnitts geniesst seit einigen Jahren Ramschstatus. Trotzdem oder gerade deswegen soll das «World Economic Forum» kollektive Visionen und neue Modelle erarbeiten.

Von Beat Balzli
am 25.01.2012

Alle Teilnehmer des World Economic -Forum (WEF) sollten wissen, was einen erfolgreichen Firmensanierer ausmacht. Er durchleuchtet das marode Unternehmen schonungslos. Er schneidet schnell das Fett weg. Er schliesst unrentable Bereiche. Er ignoriert die Meinungen der betroffenen Manager – denn er weiss: Wenn du den Sumpf trockenlegen willst, frag nicht die Frösche.

In Davos dominiert der grösste Sanierungsfall der jüngeren Wirtschaftsgeschichte alle Diskussionen. Der Kapitalismus alten Zuschnitts geniesst seit Ausbruch der Finanzkrise Ramschstatus. Selbst WEF-Patriarch Klaus Schwab ahnt die Mängel seines Weltbildes. Unter dem Motto «Die grosse Transformation» will er zusammen mit den angereisten Nomaden in Nadelstreifen «neue Modelle gestalten».

An das hochalpine Wunder glaubt höchstens Schwab

Ganz oben auf der Agenda stünden «die Wiederherstellung eines Gleichgewichts und Schuldenabbau», schrieb Schwab in der «SonntagsZeitung». Es sei bezeichnend, dass – trotz der düsteren Wirtschaftsaussichten – die Zahl der Teilnehmer am Jahrestreffen 2012 in Davos auf Rekordniveau liege. «Dies zeigt, dass ein Bedürfnis besteht, die vor uns liegenden gewaltigen globalen Herausforderungen gemeinsam anzugehen.» Davos biete Führungsverantwortlichen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft eine echte Chance, «eine kollektive Vision zu erarbeiten».

Doch an das Wunder glaubt höchstens Schwab selber. 2600 WEF-Teilnehmer können die Konstruktionspläne des leckgeschlagenen Weltwirtschaftstankers nicht neu schreiben. Wer das glaubt, leidet womöglich an Allmachtsphantasien.

It’s the frog, stupid

Warum? It’s the frog, stupid. Viele WEF-Teilnehmer gehören einer Generation an, die vor Ausbruch der Finanzkrise Karriere machte, aber immer noch an den Schalthebeln der Macht sitzt. Die Spielregeln des alten Schuldenmonopoly stecken in ihrer DNA. In diesem Weltbild galten Unternehmen mit stillen Reserven als hoffnungslos antiquiert. Das Aktionärsinteresse wog treuamerikanisch schwerer als das Gläubigerinteresse. Die Kurzatmigkeit der Quartalsberichterstattung hielt Firmen fit. Staaten lebten zu Recht hemmungslos auf Pump. Banken durften die Eigenkapitalvorschriften mit Offshore-Vehikeln umgehen.

Heute sind die Frösche ratlos. Ihr altes Weltbild hängt schief. Für ein Umdenken fehlt ihnen die Unbekümmertheit des unverbrauchten Geistes. Worthülsen wie «nachhaltiger» oder «gerechter» bringen wenig. Und «mehr Eigenkapital für Banken» löst einige, aber längst nicht alle Probleme.

Auf dem Basar der Eitelkeiten will kaum jemand die Welt verbessern

Sicher gibt es in Davos den einen oder anderen klugen Kopf. So mancher Top-Akademiker aus Übersee mag seinem Intellekt ein neues Koordinatensystem verpasst haben. Doch die Masse des Führungspersonals konnte den Abschied von alten Mustern noch nicht verinnerlichen. Man glaubt heimlich an den Zauber des Durchmogelns. Derweil pflegen die Kollegen aus den Schwellenländern beängstigend unbekümmert den Staatskapitalismus, der einst nur als Übergang zum freien Markt gedacht war.

Die künstliche Überhöhung des Weltwirtschaftsgipfels zum Elite-rettet-Menschheit-in-fünf-Tagen-Workshop wirkt vermessen. Am WEF-Wesen wird niemand genesen. Neue Modelle dürften erst neue Generationen präsentieren. Bis es so weit ist, sollte man das WEF als das wahrnehmen, was es ist: Ein Basar der Eitelkeiten mit gehobenem Rahmenprogramm. Kongresstouristen treffen auf Gleichgesinnte und bahnen Geschäfte an. Danach tanzen sie gemeinsam auf der Google-Party.

Die Welt verbessern will hier kaum jemand. Warum auch, zumindest in Davos funktioniert der Kapitalismus noch einwandfrei. Die exorbitanten Hotelpreise beweisen es.

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