Diana Petra Kicherer musste ihre Yoga-Kurse in Genf während der landesweiten Schliessungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einstellen. Mit einem Schlag verlor sie wie viele Selbständige ihr Einkommen. Rund 10 Prozent aller Arbeitskräfte in der Schweiz sind selbständig. 

Als der Bundesrat seine Hilfe auch auf Selbständige ausweitete, war Kicherer erleichtert, aber auch erstaunt. Sie füllte innerhalb von zehn Minuten einen Online-Antrag aus, und das Geld kam drei Wochen später an. «Als Selbständige haben wir keine Versicherung», sagt Kicherer. «Ich hätte nie gedacht, dass ich staatliche Hilfe bekommen würde.» 

Billionenschwere Rettungspakete

Regierungen rund um die Welt stellen sich auf einen seit der Grossen Depression noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Abschwung und Arbeitslosigkeit ein.

Auf insgesamt rund 8 Billionen Dollar belaufen sich laut des Internationalen Währungsfonds (IWF) die staatlichen Rettungspakete weltweit. Dabei unterstützen viele Länder auch Teilzeitbeschäftigte und Freiberufler, die eine geringere soziale Absicherung haben. 

Staaten wie Grossbritannien, die USA, Frankreich, Singapur und Australien gehen weit über die während der Finanzkrise 2008-09 geleistete Finanzhilfe hinaus und zielen auf einen Teil des Arbeitsmarktes ab, der nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) inzwischen ein Drittel der weltweiten Erwerbsbevölkerung ausmacht. Auch die Niederlande, Deutschland, Österreich und Japan haben Unterstützung für Selbständige bereitgestellt.

Damit reagieren sie auf den Wandel des Arbeitsmarkts der vergangenen zehn Jahre: Digitale Plattformen wie Uber und Airbnb bringen immer mehr sogenannter Gig-Jobs hervor. Für Regierungen ist dies zwar ein zusätzlicher Kostendruck für die ohnehin teilweise angespannten Staatsfinanzen, doch diese Arbeitskräfte zu ignorieren, hätte gravierende Folgen für den Lebensunterhalt dieser Menschen und die Wirtschaft allgemein.

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Soziale Sicherheit

«Wenn man den Anteil der Selbständigen an der Gesamtbeschäftigung, ihren wirtschaftlichen Beitrag und ihre Anfälligkeit - insbesondere eine grosse Zahl im informellen Sektor - berücksichtigt, wären die wirtschaftlichen und sozialen Folgen ohne gezielte Unterstützung sicherlich verheerend», sagt Dragan Radic, Leiter der Abteilung für kleine und mittlere Unternehmen bei der in Genf ansässigen ILO.

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In Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen die informellen Märkte tendenziell grösser sind, machen Selbständige laut ILO einen beträchtlichen Teil der Arbeitskräfte aus. Aber selbst in Teilen der industrialisierten Welt ist die Zahl der Selbständigen schneller gewachsen als die Gesamtbeschäftigung. Die ILO warnte bereits vor der Corona-Pandemie, dass Staaten ihre sozialen Sicherungssysteme anpassen müssen.

In Frankreich und in Grossbritannien ist der Anteil der Arbeitskräfte, die selbständig arbeiten, Erzeugergenossenschaften angeschlossen sind oder unbezahlte Arbeit in der Familie verrichten laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zwischen 2007 und 2018 gestiegen.

Finanzielle Unterstützung für Selbständige

Regierungen in aller Welt unterstützen die Selbständigen jetzt auf eine Weise, wie sie es noch nie zuvor getan haben. In einem Bericht über die fiskalischen Anreize der OECD-Mitgliedsstaaten aus dem Jahr 2009 wurde nur Island als das Land genannt, das solche Vorteile bietet.

Frankreich hat kürzlich einen «Solidaritätsfonds» mit Beiträgen aus dem Privatsektor eingerichtet, um Selbständigen und Kleinunternehmern zu helfen. Grossbritannien stellte in seinem vierten Notfallpaket 9 Milliarden Pfund  für die Unterstützung Selbständiger bereit, während das krisengeschüttelte Griechenland, das vor einem Jahrzehnt noch kein Programm hatte, als Reaktion auf Covid-19 finanzielle Unterstützung bereitstellt.

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Australien zahlt Selbständigen, deren Einkommen um 30 Prozent oder mehr sinkt, bis zu sechs Monate lang knapp 1000 US-Dollar alle zwei Wochen aus. In Singapur rechnet die Regierung damit, dass sie 100'000 Selbständigen im Mai, Juli und Oktober jeweils rund 2000 Dollar in bar auszahlen wird.

Und in Japan, wo die Selbständigen etwa 8 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachen, können Freiberufler bis zu 9300 Dollar von der Regierung beantragen, wenn sie einen Einkommensverlust von mindestens 50 Prozent in mindestens einem Monat nachweisen können.

Für Selbständige und kleine Unternehmen weltweit ist die staatliche Unterstützung lebensnotwendig. Die Milliardenpakete dürften ihnen zumindest für ein paar Monate Luft verschaffen.

(bloomberg/mlo)