Was vorher grau war, wird nun farbig: Zwei blaue Häkchen zeigen Whatsapp-Nutzern künftig an, dass eine Mitteilung gelesen wurde. Für Versender und Empfänger wird damit klar: Die Ausrede «ich habe die Nachricht übersehen» gilt ab sofort nicht mehr. Entsprechend ungehalten reagiert so mancher Whatsapp-Nutzer in sozialen Netzwerken wie Twitter auf die neue Funktion. Offenbar scheint nun selbst so manche Beziehung in Gefahr. Doch erhöhen die blauen Häkchen tatsächlich den Druck auf ihre Nutzer?

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Eigentlich, so könnte man meinen, vertragen es gute Beziehungen, wenn ein Partner nicht sofort antwortet – sondern dann, wenn auch wirklich Zeit dafür ist. Die neue Funktion kann sogar positive Auswirkungen haben: So signalisieren die neuen Häckchen dem Versender auch, dass sich der Empfänger mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der viele von digitalen Nachrichten überschüttet werden.

«Symptom der geforderten ständigen Verantwortlichkeit»

Doch das ist nur eine Seite der Medaille, findet auch Entschleunigungsexperte Hansruedi Steiner. Der promovierte Psychologe bietet Kurse zur Prävention von Burnout an und hat im Münstertal eine Auszeitoase eröffnet. «Gefährlich wird es, wenn die blauen Haken den Druck erhöhen, kurzfristig antworten zu müssen», sagt Steiner.

Denn ohne, dass der Empfänger es möchte, steht er nun in der Antwortschuld – eine Lage, in die er unverschuldet gekommen ist. Und fühlt er sich wirklich genötigt unmittelbar zu antworten, kann das Folgen haben: Bis zu 40 Minuten dauert es laut Studien, bis man sich nach einer kurzen Unterbrechung wieder in komplexe Themen eingearbeitet hat.

Blaue Haken können am Ende «in ein Burnout münden»

Nach Ansicht von Zeitmanagement-Experte Steiner stehen die kleinen blauen Haken gar stellvertretend für eine inzwischen herrschende Grundhaltung unserer Zeit – egal, ob in der Wirtschaft oder im Alltag: Nämlich, dass andere Menschen zu wissen vorgeben, was gut für uns ist. «Die blauen Haken bedeuten mehr Fremdbestimmung und sind ein neues Symptom der heute in vielen Bereichen geforderten ständigen Verantwortlichkeit gegenüber Anderen.»

Doch Whatsapp, das weltweit offenbar über 600 Millionen Kunden zählt, wird vor allem von jüngeren Nutzern verwendet – noch dazu privat. Nach Ansicht von Steiner bleibt die Gefahr bestehen: «Für Jugendliche und junge Erwachsene kann es problematisch sein, wenn sie sich an diese ständige Orientierung nach aussen gewöhnen und darunter leiden. Das kann dann auch überfordern oder gar in ein Burnout münden.»

Ständige Erreichbarkeit auch abseits von Whatsapp ein Problem

Denn Fakt ist laut Experten wie Steiner: «Viele erschöpfte Manager leiden heute stark darunter, in ihrem Job ständig und überall erreichbar und reaktionsbereit sein zu müssen.» Immer mehr ausländische Unternehmen haben deshalb begonnen, ihre Mailserver abends abzustellen. Nur in der Schweiz hält man davon noch wenig. «Die Datenflut wird grösser – da haben Schweizer Unternehmen Nachholbedarf», sagt aber Travailsuisse-Präsident Martin Flügel.

 

— Everymedia (@Every_Media) 6. November 2014

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