Beim Reiseveranstalter Kuoni sieht man private Paketlie­ferungen an den Arbeitsplatz ganz entspannt. «Wenn jemand unseren Postdienst anfragt, dann sagen wir, dass es erlaubt ist», sagt Julian Chan, Mediensprecher bei Kuoni. Die Poststellen bei Kuoni platzen trotzdem nicht aus allen Nähten. Der Anteil privater Paketlieferungen am gesamten Postaufkommen liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. «Es sind weniger als 3 Prozent», so Chan. Noch. Sollte der Postdienst irgendwann Mehraufwand melden, würde man die Situation überprüfen, sagt Chan.

Die Paketflut in Büros schwillt an: Es sind nicht die Geburtstagspäckchen von der Oma, die Angestellte am Arbeitsplatz in Empfang nehmen, sondern vor allem Waren aus dem Versandhandel. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung hat der Online- und Versandhandel in der Schweiz mittlerweile ein Marktvolumen von 6,25 Milliarden Franken erreicht – Tendenz steigend. Das hat auch Aus­wirkungen auf Unternehmen, die mit Online-Handel nichts am Hut haben: Ihre Mitarbeiter sind nämlich Kunden des Versandhandels und sie lassen sich ihre Bestellungen gerne an den Arbeitsplatz liefern.

Wie viele Angestellte das so halten, hat laut Schweizer Post bisher niemand erhoben. Es dürften aber immer mehr werden, denn das Büro als Lieferadresse ist praktisch: Dort ist tagsüber ständig jemand, der das Paket annehmen kann.

Doch wenn sich neben den Schreib­tischen die Pakete türmen, kann das die Kollegen nerven, das Erscheinungsbild des Unternehmens beeinträchtigen und unter Umständen sogar zum Sicherheitsrisiko werden.

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Aus rechtlicher Sicht bestimmt der Arbeitgeber, was in sein Haus geliefert werden darf und was nicht, erklärt Rechtsanwalt Konrad Moor von der Zürcher Kanzlei Bürgi Nägeli Rechtsanwälte. Auf der anderen Seite gelte aber auch, dass die Firma Privatpakete, die sich Mitarbeiter an die Geschäftsadresse senden lassen, nicht öffnen dürfen. Dies berühre die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter (siehe Kasten). Bei der Frage, ob Arbeitgeber solche Lieferungen daher verbieten müssen, hat sich in der Schweiz noch keine gängige Meinung durchgesetzt.

Siemens verbot alle Paketlieferungen

Die Zürcher Kantonalbank hat eine ähnlich pragmatische Lösung wie Kuoni gefunden: Sie erlaubt die Lieferung privater Pakete an den Arbeitsplatz, appelliert bei der Menge aber an die Mitarbeiter, es nicht zu übertreiben. Die Marschrichtung: Private Sendungen dürfen den Arbeitsablauf nicht stören, sollten also trotz Erlaubnis eher die Ausnahme bleiben. Eine konkrete Vereinbarung gibt es nicht, ein Frage-Antwort-Tool im Intranet behandelt die privaten Postsendungen.

Beim Industriekonzern Siemens hingegen ist es Mitarbeitern strikt verboten, private Pakete an die Geschäftsadresse zu bestellen. Das liegt einerseits an rechtlichen Gründen und Compliance-Vorgaben und anderseits an der schieren Grösse des Unternehmens. Bei 5900 Mitarbeitern alleine in der Schweiz wären die internen Postdienste mit der Masse an privaten Paketen überfordert, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Alleine am Standort Zürich wurden im letzten Geschäftsjahr 13 000 eingehende geschäftliche Paketsendungen erfasst. Deshalb gibt die Konzernzentrale in München vor: Private Pakete sind ausschliesslich an die private Adresse zu bestellen. Die Siemensianer in der Schweiz finden diese Regelung bisher nachvollziehbar, so der Sprecher.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen halte sich auch jeder der Mitarbeiter da­ran. Schliesslich handhabe man das bei Siemens bereits seit je so und habe grosse Paketströme, im Gegensatz zu anderen Unternehmen, gar nicht erst aufkommen lassen.

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Für Unternehmen kann es indes durchaus sinnvoll sein, die Lieferung privater Pakete an den Arbeitsplatz zu gestatten. Das hat viel mit der Erwartungshaltung jüngerer Mitarbeiter zu tun. Die so genannte Generation Y – also Mitarbeiter, deren Jugend auf die Jahre 1990 bis 2010 fällt – trennt weniger zwischen Privatem und Beruflichem als ältere Arbeitnehmer. Solche Mitarbeiter stellen zwar im Homeoffice das Projekt fertig, lassen sich das neue Paar Schuhe dafür aber gerne ins Büro liefern. Die Grenzen verschwimmen: Das Zuhause wird zum Büro, das Büro zur Lieferadresse.

Internen Postservice öffnen

Abgesehen von der Mentalität der Generation Y sind es ganz praktische Gründe, die dazu führen, dass jüngere Mitarbeiter private Pakete lieber an den Arbeitsplatz liefern lassen als nach Hause. Viele von ihnen sind Singles, und selbst wenn sie einen Partner haben, ist der Anteil an Fernbeziehungen oder Doppelverdiener-Paaren sehr hoch. An Werktagen ist bei jüngeren Mitarbeitern üblicherweise also niemand zu Hause, jedenfalls nicht zu den Zeiten, in denen die Postdienste ihre Lieferungen ausfahren. Ihre Bestellungen müssen solche Arbeitnehmer nach Feierabend bei Nachbarn abholen, noch schnell vor Ladenschluss zur nächsten Postfiliale hetzen oder den nächsten Lieferversuch abwarten. Das ist bei den älteren Arbeitnehmern anders, die häufiger in einer konventionellen Versorgerehe leben und bei denen ein Partner – meist die Frau – höchstens Teilzeit arbeitet.

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Es muss nicht viel kosten, Mitarbeitern hier etwas entgegenzukommen. Bei Kuoni zählt der interne Postservice zwar nicht zum offiziellen Motivationsprogramm. Investitionen würde das Unternehmen in diesem Bereich also nicht tätigen, also neue Mitarbeiter einstellen, nur weil der Postdienst wegen privater Sendungen ihre Arbeit nicht mehr erledigen kann. Dennoch ist man sich bewusst, dass die Öffnungszeiten der Postfilialen nicht mit den Arbeitszeiten der Mitarbeiter harmonieren. Deshalb gestattet der Reisespezialist nicht nur die Lieferung privater Pakete an den Arbeitsplatz, sondern bietet auch, private Post – sofern sie ausreichend frankiert ist – mit der geschäftlichen Post zu versenden. Es steht nicht in den Arbeitsverträgen, aber firmenintern gilt: Wer nach dem Service fragt, wird nicht abgewiesen. Der Postdienst des Unternehmens liefert die private Post dann einfach gemeinsam mit der dienstlichen aus.

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