Wenn ein Industrieunternehmen in China eine Fabrik baut, holt es vorzugsweise einen Chinesen an Bord, der die dortigen Verhältnisse und die Märkte kennt. Ebenso sinn- und wertvoll wäre es, mehr Frauen in Unternehmensleitungen und Verwaltungsräte zu wählen und von ihrem Wissen und ihren vielfältigen Erfahrungen zu profitieren, zumal über 70% der Kaufentscheide von Frauen getroffen werden.»

Ida Hardeggers Logik leuchtet ein. Sie, die Unternehmen mit mehreren Hundert Mitarbeitenden geführt und Industrielle beraten hat, ist überzeugt davon, dass es sich lohnt, mit Frauen zusammen zu arbeiten. «Es gibt so viele qualifizierte Frauen, die kompetent, zuverlässig, engagiert, couragiert und bereit sind, Verantwortung zu tragen. Trotzdem sind keine 10% aller Leitungsgremien angemessen durchmischt.»

Für Effizienz und Gerechtigkeit

Kopfschüttelnd erinnert sie sich an ein Erlebnis als junge Rechtsanwältin bei einem internationalen Bauprojekt, als ein Teilnehmer kurz vor Abschluss der Verhandlungen essen gehen wollte, weil die Uhr auf 12 zeigte. «Nach ausgiebigem Essen und Trinken mussten wir wieder weit vorne anfangen.» Heute lacht sie darüber, bekundet aber nach wie vor Mühe mit Ineffizienz. Sie selber arbeitet rasch und effizient, wenn sie nicht gerade relaxt in ihrer gigantischen Loftwohnung im St. Galler Sittertal sitzt und in die Ferne schaut.

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Ida Hardegger wurde als Kind so geprägt, wie ihr Name klingt: Gradlinig. Klar. Charakterstark. Mit Ecken und Kanten. Die Eltern, Gründer des Produktions- und Grosshandelsunternehmens Hardegger Käse, lehrten ihre vier Kinder Selbstdisziplin, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein.

Der Sohn - ihr Nachfolger - ist Jurist und Käser und hat kürzlich einen Unternehmerpreis gewonnen. Die drei Töchter absolvierten zunächst das Lehrerinnenseminar. Tochter Ida studierte danach ebenfalls Recht. Nachdem sie ein Lehrbuch über Bankrecht verfasst, als Anwältin und dann als persönliche Mitarbeiterin von alt Bundesrat Kurt Furgler gearbeitet hatte, nahm sie die Chance wahr, bei einer internationalen Industriegruppe die Karriereleiter hochzuklettern und als General Legal Counsel den Rechtsdienst zu leiten. Im Ausland und in internationalen Verhandlungen, an denen fast nur Männer mitwirkten, erhielt sie weiteren Schliff.

«Schon meine kultivierten Eltern lehrten uns, dass Frauen und Männer ebenbürtig sind und einander sinnvoll ergänzen. Wir Töchter wurden auch gefordert und gefördert und mussten ebenso intensiv mithelfen wie unser Bruder. Wir waren ein klassisches Familienunternehmen, in dem alle einander beistanden - miteinander und füreinander.»

Bei ihrem ersten Arbeitseinsatz ausserhalb des Familienunternehmens lernte Ida Hardegger andere Gepflogenheiten kennen: «Ich vertrat einen langjährigen Mitarbeiter im Bauplan-Archiv einer grossen Maschinenbaufirma in seiner verantwortungsvollen Aufgabe. Gleichzeitig erledigte ein gleichaltriger Kollege einfachste Botengänge. Als wir unsere Lohntüten öffneten, war mehr Geld in seinem Couvert als in meinem. Ich empfand dies als unfair und habe noch heute Mühe mit solchen Ungerechtigkeiten.»

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Viel Verantwortung getragen

«Bei meinen beruflichen Aufgaben wurde mir immer viel Vertrauen geschenkt und grosse Verantwortung übertragen.» Durch ihre Tätigkeit für Unternehmer wie Stephan Schmidheiny und Karl Schweri sowie für Politiker wie Kurt Furgler bekam Ida Hardegger schon früh die Möglichkeit, bei wichtigen Entscheiden mitzuwirken und spannende Projekte umzusetzen. Anstand, Verantwortungsbewusstsein, Sorgfalt, Unabhängigkeit und Zivilcourage haben ihr dabei stets gute Dienste erwiesen, auch Gelassenheit und Humor waren oftmals hilfreich.

Als Kurt Furglers persönliche Mitarbeiterin schrieb sie unter anderem Reden für das World Economic Forum. Mit ihrem Engagement für Karl Schweri als Denner-Marketingchefin und Mitglied der Konzernleitung bewies sie ein weiteres Mal, dass Frauen flexibel, leistungsfähig und zuverlässig sind und viel bewirken können.

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«Eine Frau dient in erster Linie der Sache und sucht angemessene Lösungen. Das beweisen ja insbesondere Mütter, die vielfältigsten Bedürfnissen gerecht werden müssen und in meinen Augen tolle Managerinnen sind», findet Hardegger, die zu ihrem Bedauern keine Kinder hat. Statt eine Familie zu betreuen, nimmt die erfahrene Unternehmerin und Juristin Aufgaben in den Firmen ihres Mannes, eines Unternehmers und Architekten, wahr, übt VR-Mandate aus und betreut anspruchsvolle Drittmandate in ihrem Büro in Zürich.

Ob als CEO, Verwaltungsrätin oder Beraterin, Ida Hardegger hat stets Themen wie Jugend- und Lehrlingsförderung sowie Frauenförderung fokussiert. «Ich habe viel Glück erfahren dürfen, bin unabhängig und fühle mich privilegiert. Dafür bin ich sehr dankbar und erachte es als wichtig, mich für frauenfördernde Institutionen wie den Female Board Pool der HSG St. Gallen einzusetzen.»

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Zeit für mehr Frauen

Es sei jetzt endlich an der Zeit, mehr Frauen in die Leitungsgremien der Schweizer Wirtschaft zu wählen. «Es geht darum, das weibliche Potenzial gezielt zu integrieren und auszuschöpfen.» Es fehle diesen Frauen weder an Persönlichkeits- noch an Fachkompetenz oder der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, betont Ida Hardegger. «Es gibt Männer, die ein Mandat sehr selbstbewusst übernehmen, obwohl sie das erforderliche Profil nicht erfüllen. Frauen sind oftmals zurückhaltender und selbstkritischer.»

Der 2006 gegründete Female Board Pool verfüge über ein Spektrum von weit über 100 qua- lifizierten VR-Kandidatinnen. Er biete mit dem Center for Corporate Governance auch Weiterbildungen an und habe schon verschiedenen Firmen zu Verwaltungsrätinnen verholfen.

In einer Publikation mit dem Titel «Best Practice im KMU» empfiehlt das Center, dass in kleineren Unternehmen mindestens eine Frau und in grösseren Unternehmen zwei bis drei Frauen dem VR angehören sollten, damit möglichst vielfältige Erfahrungen in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

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Mehrwert für ganze Gesellschaft

Wäre Norwegens Quotenregelung - 40% Frauen in börsenkotierten Gremien - eine zielführende Lösung für die Schweiz? Ida Hardegger schüttelt den Kopf. «Quoten sind - quantitativ betrachtet - zwar ein effizientes Mittel. Aber wir werden von Regulatorien geradezu überschwemmt, statt auf Selbstverantwortung, Wertebewusstsein, Anstand und Würde zu setzen. Ich und viele andere Frauen möchten weder Quotenpersonen sein noch fähige Männer verdrängen, sondern die Leitungsgremien konstruktiv ergänzen, indem wir unsere Werte, Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen und so einen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft erzeugen!»

Warum sitzen denn immer noch so wenige Frauen in VR- und GL-Gremien? «Die Schweiz braucht noch mehr Männer, die bereit sind, qualifizierte Frauen zu fordern und zu fördern», ist Hardegger überzeugt. «Und Frauen sollten vermehrt Frauen unterstützen.» Frauen seien bestens geeignet, eine prosperierende Schweizer Wirtschaft mitzugestalten. «Nur wenn sie ihr ganzes Potenzial ausschöpft, kann die Schweiz ihre Wettbewerbskraft nachhaltig ausbauen und ihre Führungsrolle weltweit stärken. Dazu braucht es die Besten, unabhängig vom Geschlecht!»

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